30.11.2007 · Hugo Chávez will „Sí“ hören, wenn es am Sonntag um seine Verfassungsreform geht. Doch viele Venezolaner lehnen sie ab. Josef Oehrlein beschreibt Szenen aus einem widersprüchlichen Land, in dem Milch und sogar Wasser teurer sind als Benzin.
Von Josef Oehrlein, CaracasDie vier Revolutionswächter in rotem T-Shirt und roter Baseballmütze sitzen gelangweilt an ihrem Tisch an der Plaza Bolívar im Zentrum von Caracas. Sie sind abgestellt, mit Passanten, „dem Volk“, über die Verfassungsartikel zu diskutieren, die auf Geheiß von Präsident Hugo Chávez geändert werden sollen. Vor allem also über die Perspektive der unbegrenzten Wiederwahl des Präsidenten. Doch achtlos geht das Volk vorbei: Handwerker, Beamte, Studenten, fliegende Händler und wer sonst in der Hochburg des Chavismus etwas zu erledigen hat. „Venezuela ist das demokratischste Land in Lateinamerika“, sagt eine der vier Chavistas. „Der Präsident hat die Verfassungsänderung nur vorgeschlagen. Das Volk beschließt sie.“
Auf jede kritische Frage kommt eine prompte Antwort. Ist nicht die Korruption zu einem der größten Übel der bolivarischen Revolution geworden? „Sie ist von außen durch Unterwanderung eingedrungen“, sagt der Wortführer. „Es wird noch lange dauern, sie auszurotten. Damit es schneller geht, brauchen wir die Verfassungsreform.“
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Die Motoren der Revolution sollen jetzt, an den Tagen vor dem Referendum, mit voller Umdrehung, „a toda revolución“, laufen, wie Plakate wortspielerisch verkünden. Doch auf den Straßen läuft oft gar nichts. In Caracas ist es zum Glücksspiel geworden, ob man pünktlich zu einem Termin erscheint. Wegen der Staus kann eine Wegstrecke statt zehn Minuten zwei Stunden dauern.
Benzin ist hier billiger als Wasser. Der teuerste Treibstoff kostet drei Euro-Cent pro Liter. Nicht nur die reiche Oberschicht genehmigt sich edle Geländewagen. Immer mehr neureiche Chavistas, die „Boliburguesía“, genehmigen sich Luxus. Der amerikanische „Hummer“-Jeep ist zum Kultauto der Nutznießer von Chávez' „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ geworden. Den 120 Liter fassenden Tank zu füllen kostet 3,60 Euro.
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Nicht nur Wasser kostet mehr als Benzin in Venezuela. Noch viel teurer ist Milch. Wenn sie überhaupt zu bekommen ist. In den großen Supermärkten von Caracas wird der Mangel durch Vermehrung des Angebots anderer Waren ausgeglichen. Chips oder Kekse füllen alle Regale. Wohlhabendere Venezolaner besorgen sich Milch und andere rare Grundnahrungsmittel wie Zucker, Eier oder Bohnen zu Wucherpreisen auf dem Schwarzmarkt.
Die Engpässe sind auch in den staatlich subventionierten „Mercal“-Märkten der Massensiedlungen zu spüren. Sie sind eine Folge des Preisdiktats im Land mit einer der höchsten Inflationsraten in Lateinamerika. Die Regierung erklärt die Versorgungsengpässe so: Die ärmeren Bevölkerungsschichten hätten jetzt genug Geld für den Konsum. Die Unternehmen aber hielten die Waren zurück, um Unzufriedenheit zu schüren. Die Unternehmer beteuern, sie könnten zu den staatlich festgelegten Niedrigpreisen die Lebensmittel nicht produzieren. Der Milchmangel im Petrodollarwunderland ist inzwischen selbst für Chavisten ein Grund, am Sonntag mit Nein zu stimmen.
Auch mit Sonderimporten ist es der Regierung nicht gelungen, rechtzeitig vor dem Referendum den Bedarf zu decken. „Muttermilch ist Leben“, steht auf einem Plakat im Armenviertel Catia. Stundenlang stehen hier Mütter an und hoffen, eine Flasche des Lebenssafts zu ergattern.
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Auf der morgendlichen Fahrt aus Caracas Richtung Nordost geht es an einem unendlichen Stau entlang, der die Gegenfahrbahn blockiert. Die Bewohner der Schlafstädte vor den Toren von Caracas stehen morgens um vier oder fünf Uhr auf und hängen dann trotzdem stundenlang fest. Wer sich noch früher aufmacht und durchkommt, nimmt im Parkhaus seiner Firma noch eine Mütze Schlaf, bis die Arbeit beginnt. Hinter dem Stau der Pendler drängen die Lastwagen in die Stadt. Drei von fünf Trucks haben Neuwagen geladen. Der Moloch Caracas schluckt alles, was in ihn hineingeschüttet wird.
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Der Gärtner Félix Rodríguez ist wahrscheinlich ein freundlicher Mensch. Doch sein überlebensgroßes Abbild auf dem Plakat an der Landstraße zwischen Caracas und Barcelona lehrt den Betrachter das Fürchten. Der Farbige steckt in einer Uniform, die ihn als „Reservisten“ ausweist. Er hat sich zu dem bewaffneten Freiwilligenheer gemeldet, das Präsident Chávez begründet hat. Es unterstützt die Armee bei der „Verteidigung der Souveränität, der territorialen Integrität, der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung, der nationalen Entwicklung und bei jeder Aufgabe, die ihm zugeteilt wird“.
Fürchtet der Präsident tatsächlich eine Invasion durch den Erzfeind, das nordamerikanische „Imperium“, wie er sie immer wieder an die Wand malt? Oder geht es ihm doch eher darum, mit der Reserve interne Widersacher zu bekämpfen, wenn die regulären Streitkräfte ihm die Gefolgschaft versagen sollten? Mit pflichtbewusstem Blick wirbt Gärtner Rodríguez für die Miliz: „Auch du kannst zur Reserve gehören.“
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Das Städtchen Cumaná an der Küste verströmt koloniales Flair. Ein Hauch Havanna weht über die Karibik herüber. In einer heruntergekommenen „Licorería“ zerfließt die koloniale Pracht im Dunst von Bier, Whisky und Rum. Der Versuch, an der kilometerlangen Strandpromenade ein Fischlokal zu finden, scheitert kläglich. Schilder, die Kneipen mit phantasievollen Namen verheißen, führen zu Ruinen. Im einzigen geöffneten Lokal direkt am Strand gibt es nur Hähnchen.
Die kleinen Familienbetriebe der Fischer, die sich hier mit einem Strandlokal ihr Einkommen sicherten, sind verschwunden. Wer Fisch essen will, muss in die neue „Shopping Mall“ am Yachthafen gehen. Dort grüßt Miami. Es gibt Fisch - normiert im Fastfoodpack. „Wir haben früher Chávez gewählt“, sagt die Kellnerin. „Es hat uns nichts gebracht. Wir haben Chávez satt.“
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In Puerto La Cruz, einem wichtigen Produktionszentrum der staatlichen Erdölfirma PdVSA, wird eine Kunstbiennale eröffnet. Der Gouverneur muss sich mahnende Worte der Festrednerin anhören. „Nur in Freiheit und Demokratie lässt sich die Kreativität entfalten, die die Macht aller menschlichen Wesen ist“, sagt die Kunstkritikerin Bélgica Rodríguez. „Die Kunst kann nicht von irgendwelcher Ideologie oder einer speziellen Politik bevormundet werden.“
Tarek William Saab, der Gouverneur im roten Revolutionshemd, hört sich das mit säuerlicher Miene an. Dann aber überreicht er der Präsidentin der Biennale-Jury, Élida Salazar, den höchsten Orden ihres Heimat-Bundesstaats Anzoátegui. Das ist sogar ein kleiner Affront gegenüber der Regierung in Caracas. Denn der Kulturminister hatte Frau Salazar kurz zuvor ihren Posten als Leiterin der Nationalgalerie entzogen - eine Säuberung nach altrevolutionärem Muster. „Tun und Denken müssen eine Einheit bilden“, hatte Elida Salazar nach ihrer Absetzung gesagt, von der sie aus der Zeitung erfuhr - und hinzugefügt: „Du kannst keine Revolution mit kolonialistischen Ideen machen.“
Der Gouverneur hält sich an seinen Vorsatz, nicht über Politik, sondern nur über die Kunst zu sprechen. Er ist selbst Künstler. „Dichter der Revolution“ hat ihn Chávez genannt, mit dem er auf den örtlichen Werbeplakaten zu sehen ist - immer einen Kopf kleiner als der Präsident.
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Sonnenuntergang am Orinoco. An der Uferpromenade in Ciudad Bolívar genehmigt sich Joel, früher Lastwagenfahrer, jetzt Handwerker und Techniker, mit zwei Kumpeln ein Bier. Alle drei werden für die Verfassungsreform stimmen. Nicht alles, was Chávez sagt, findet ihre Zustimmung. „Wichtiger ist, was er für uns tut“, sagen sie. Joel kommt ins Schwärmen. „Die Verbesserungen im Erziehungs- und Gesundheitswesen sind riesig. Endlich werden wir überhaupt behandelt. Jetzt gibt es sogar Rehabilitation. Das war früher undenkbar, weil es sich keiner von uns leisten konnte.“
Fast alle Ärzte im staatlichen Gesundheitszentrum seines Wohnorts El Tigre sind Kubaner. Ideologische Belehrungen seien aber nicht zu befürchten. „Die kubanischen Ärzte reden nicht.“
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Am Morgen ist es in der heißesten Ecke von Ciudad Bolívar, der „Bar Concierto“, noch ziemlich kühl. Gelangweilt steht der Wirt des Treffpunkts für Politiker, Journalisten und alle, die im öffentlichen Leben der Stadt etwas bedeuten, hinter seinem Tresen, umgeben von Konterfeis der Revolutionsheroen Che Guevara und Hugo Chávez. Auf der Kühltruhe klebt ein Plakat der neuen sozialistischen Einheitspartei Psuv mit dem großen „Sí“, das für die Verfassungsreform und für Chávez wirbt.
Als früher Gast erscheint ein chavistischer Abgeordneter. Milton Bracamonte weiß bis ins kleinste Detail die Errungenschaften der bolivarischen Bildungspolitik zu erläutern und zu erklären, was die revolutionäre Erziehung vor allem für die am Orinoco heimischen Indiogemeinschaften bedeutet. Den Einwand, dass es die Gesetze zur Verbesserung der Bildungschancen schon gibt und dass eine Verfassungsänderung gar nicht nötig sei, weist er zurück. „Die Reform verleiht den Gesetzen erst richtig Geltung“, sagt er, denn bei der Revolution gehe es schließlich um mehr als nur um bessere Bildung.
Und dann spricht er salbungsvoll vom „neuen, solidarischen Menschen“, den der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ hervorbringen soll. „Das kann kein Gesetz, nur eine Verfassung.“
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Das Landhaus des Befreiers Simón Bolívar in Ciudad Bolívar ist geschlossen. Die „Quinta de San Isidro“, in der die erste Verfassung Venezuelas entstanden ist, wird ausgeräuchert, um sie von Termiten und Mücken zu befreien, die das Dengue-Fieber übertragen könnten. Simón Bolívar ist trotzdem allgegenwärtig. In der „Santería“ am Rand des fein herausgeputzten historischen Zentrums prangt er gleich mehrfach neben einer asiatischen Glücksgöttin und der im Osten Venezuelas hochverehrten „Jungfrau vom Tal“. Seine Büste steht auch nicht weit weg von legendären Indianer- und Schwarzen-Anführern, die er eigentlich bekämpft hatte. Die Gipsfiguren-Kompanie ist ein Pantheon der Säulenheiligen aller Religionen, Weltanschauungen und Heilslehren, sie vereint Märtyrer und Banditen, die im Volksglauben als wundertätige Gestalten gelten.
In diesem synkretistischen Elysium fehlt nur noch einer: Hugo Chávez. „Nein“, sagt die Verkäuferin bedauernd, „den gibt es hier nicht. Wir müssten ihn als Teufel darstellen, und so weit ist es mit ihm noch nicht.“
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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