11.06.2007 · Der oppositionelle venezolanische Fernsehsender RCTV hält sich nach dem Entzug seiner Lizenz mit „Telenovelas“ über Wasser. Seine regierungskritischen Nachrichtensendungen sind nur noch bei „YouTube“ zu sehen - und auf einem anderen Privatsender.
Von Josef Oehrlein, Caracas„Ich spiele immer den Bösewicht“, sagt Karl Hoffmann. In dem unwirtlichen Korridor sitzt er am Boden, vertieft in ein Manuskript. Der deutschstämmige Venezolaner ist ein beliebter Darsteller in den Telenovelas, die der Sender RCTV, Radio Caracas Televisión, wie am Fließband produziert. Gleich ist er wieder an der Reihe. Er ruft sich in Erinnerung, was er in wenigen Minuten vor der Kamera sagen muss. RCTV verdankt er alles, seine Kenntnisse im Showgewerbe, seine Karriere. In den Studios von RCTV hat er nicht nur das Schauspielern gelernt, sondern hat sich auch darin geübt, Drehbücher zu schreiben und Regie zu führen.
Jetzt ist er Reynaldo Luzardo, der Schurke in der Telenovela „Camaleona“. Als wohlhabender Unternehmer hat er alles erreicht dank seiner Skrupellosigkeit, seiner Gerissenheit und seines Charmes. Unzählige legale Aktivitäten dienen ihm als Fassade für seine illegalen Geschäfte.
„Die Leute vermissen ,ihren Kanal'“
Nebenan im Studio streitet die Camaleona mit ihrem Liebhaber in einem hochmodernen Büro. „Nochmal von vorne“, sagt der Regisseur, und unermüdlich wird die Szene wiederholt. Radio Caracas Televisión produziert noch, sendet aber nicht mehr, seit Präsident Hugo Chávez dem Kanal am 27. Mai die Lizenz für die terrestrische Frequenz entzogen hat. „Wir machen weiter“, sagt Karl Heinrich Hoffmann Malpica, wie der volle bürgerliche Name des Bösewichts lautet, „mit Enthusiasmus und noch größerer Begeisterung.“ Erst nach einigem Zögern gibt er doch zu, dass der Entzug der Lizenz die Mannschaft recht empfindlich getroffen hat. „Wir sind nicht mehr auf dem Bildschirm, und uns fehlt die direkte Anerkennung durch das Publikum“, sagt er.
RCTV ist ein Pionier in der Produktion und der internationalen Verbreitung von Seifenopern in Lateinamerika und anderen Weltregionen. Amanda Gutiérrez ist seit 30 Jahren im Geschirr. Früher war sie die Liebhaberin, „jetzt, da ich in die Jahre gekommen bin, spiele ich die Mutterrollen“, sagt sie, während sie auf ihren Auftritt in einem anderen Studio wartet. Dort wird die zweite große Telenovela „Mi prima Ciela“ (Meine Cousine Ciela) weiterproduziert. Amanda Gutiérrez beschleicht ein Gefühl der Ohnmacht. „Die Leute vermissen ,ihren Kanal'“, sagt sie, „unter den Zuschauern gibt es auch viele Chavistas, die mit dem Entzug der Sendelizenz keineswegs einverstanden sind. Es ist so, als würde man ihnen den Kaffee zum Frühstück wegnehmen.“
Nachrichtenprogramme im Mäusekinoformat
Der 1953 gegründete älteste Fernsehsender Venezuelas verdankt seine Popularität zuallererst den Telenovelas, und die meisten venezolanischen Schauspieler verdanken ihre Popularität RCTV. Chávez hat dem Sender die Lizenz nicht wegen der seichten Liebes- und Schurkengeschichten entzogen, sondern wegen der insgesamt täglich zwei Stunden Nachrichten, in denen sich Radio Caracas Televisión stets als erbitterter Gegner des Präsidenten und des von ihm propagierten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ gibt. Chávez beschuldigt den Kanal, sich an dem gescheiterten Staatsstreich im April 2002 beteiligt zu haben.
Die Zukunft der 3000 Mitarbeiter ist ungewiss, die Produktion und Vermarktung der Telenovelas allein kann den Sender auf Dauer nicht über Wasser halten. Bislang ist allerdings keiner der Angestellten entlassen worden.
Im Nachrichtenstudio ist es dunkel. Dort steht das halbe Dutzend robotergesteuerter Kameras unbenutzt herum, obwohl zu der frühen Abendstunde eigentlich Hauptproduktionszeit wäre. Erst vor zwei Jahren sind die technischen Einrichtungen erneuert worden. RCTV hat eines der modernsten Fernsehstudios für Nachrichtensendungen in Südamerika. Mit dem gewaltigen technischen Apparat stellt es einstweilen fast nur noch Nachrichtenprogramme im Mäusekinoformat her, das für die Verbreitung über das Internet geeignet ist. Im Cyberspace ist der Sender allerdings so präsent wie nie zuvor.
„YouTube“ und Fanmeile
Nach dem Ende der Lizenz in der Nacht zum 28. Mai waren die hauseigenen Server so stark überlastet, dass der Zugang vollständig blockiert war. Inzwischen gibt es Ausweichmöglichkeiten, zum Beispiel über die Internetplattform „YouTube“. Außerdem hat der Sender begonnen, seine populären Programme, vor allem seine beiden Telenovelas „Camaleona“ und „Mi prima Ciela“ auf dem Bolívar-Platz im Stadtviertel Chacao von Caracas auf einer Art venezolanischer Fanmeile zu zeigen. Der Bezirk wird von einem oppositionellen Bürgermeister regiert.
Andere private Sender haben unterdessen für RCTV aus Solidarität ein Fenster geöffnet. „Wir sind nicht völlig isoliert“, sagt die Nachrichtenredakteurin Isabel Avárez. „Wir erreichen zwar nicht alle unsere Zuschauer, sind weiterhin beschränkt in unseren Möglichkeiten, aber ganz langsam gewinnen wir wieder Terrain.“ In diesem Augenblick bricht in dem kühlen Redaktionsraum Jubel aus. Kameraleute, Techniker, Redakteure und Zuarbeiter applaudieren. Über den Fernsehschirm flimmert das Logo von RCTV.
Nachrichtensendung beim Konkurrenzsender
Zum ersten Mal sendet „Globovisión“ der letzte konsequent oppositionelle und von Chávez gleichfalls mit der Schließung bedrohte Kanal, eine halbstündige konzentrierte Version der eigentlich eine volle Stunde dauernden traditionellen RCTV-Nachrichtensendung „El Observador“ (Der Beobachter). „Das haben wir hier in diesen Räumen vorhin produziert“, sagt Isabel Avárez. Vorerst wird Globovisión täglich um 16.30 Uhr den kondensierten „Observador“ übertragen, auch der kolumbianische, über Satellit verbreitete Sender Caracol hat sich bereit erklärt, RCTV-Programme auszustrahlen.
In der ersten Nachrichtensendung, die nicht nur im Internet, sondern auch wieder auf dem Fernsehschirm zu sehen war, wenn auch bei weitem nicht von so vielen Zuschauern wie vor dem Entzug der Lizenz, berichtete RCTV über den Auftritt von Studenten in der Nationalversammlung, dem Einkammerkongress. Das war ein im politischen Leben Venezuelas einmaliger Vorgang. Die Studenten, die für Meinungsfreiheit sowie für den Ausgleich zwischen den politischen Fronten eintraten und sich nicht zu einer Debatte mit ihren „chavistischen“ Kommilitonen drängen lassen wollten, verließen nach ihren Stellungnahmen das Parlament.
„Soziales Fernsehprogramm“ muss improvisieren
Chávez versucht nach Kräften, die Studentenbewegung zu spalten. Er verbreitet bei seinen eigenen Fernseh-Auftritten seit Beginn der Demonstrationen die These, die Studenten, die von seiner bolivarischen Revolution nichts wissen wollen, würden von der „Oligarchie“ und von der amerikanischen Regierung missbraucht und seien eine Art Vorhut bei einem neuen Versuch, ihn zu stürzen. Sie wendeten eine Taktik des „schleichenden Staatsstreichs“ an; um das zu illustrieren, malt er eine lange Lunte und ein Sprengstoffpaket auf eine Tafel.
Spät erst, als allzu durchschaubar wurde, dass der Entzug der RCTV-Sendelizenz ein persönlicher Racheakt von Chávez für das Sympathisieren des Senders mit den an dem gescheiterten Staatsstreich Beteiligten war, brachte er als Argument den Bedarf für ein „soziales Fernsehprogramm“ vor. Zwanzig Minuten nach der Abschaltung von RCTV begann am 28. Mai TVes zu senden, ein staatlicher Kanal, der bislang vor allem von der Improvisation lebt.
„Happy, the littlest Bunny“ soll die Kinder unterhalten
Wer die Verwaltungsräume des Senders im Centro Parque Carabobo im Zentrum von Caracas besuchen will, muss sich zuerst durch den Dunst von Garküchen kämpfen und sich einem der marode wirkenden Aufzüge anvertrauen. Die obersten Etagen des Hochhauses, in denen TVes untergekommen ist, sind noch eine Baustelle. Auskünfte über die Programmgestaltung erteilt nur die Chefin, die Musikerin Lil Rodriguez. Doch sie ist, wie der junge Mann am Empfang sagt, nicht erreichbar.
Eigene Produktionen stellt TVes noch nicht her. Es lebt aus der Konserve und von Beiträgen, die Kooperativen beisteuern. Gemeinschaften von Indios in der Großen Savanne beklagen den schlechten Zustand der Straßen. Holzschnitzer im Landesinneren zeigen ihre Künste. Und wie die kommerziellen Sender kann auch das beim Kommunikationsministerium angesiedelte TVes nicht auf Zeichentrickfilme als Programmfüller verzichten. Ein Häschen, „Happy, the littlest Bunny“, soll vor allem die Kinder unterhalten.
Das schlechte Gewissen scheint die Programmgestalter von TVes doch etwas zu plagen, denn auf die Telenovela als Lockvogel wollen sie nicht verzichten. Sie zeigen die argentinische Serie „Padre Coraje“, in der ein junger Mann des Mordes verdächtigt wird und in der Robe eines falschen Priesters seine Unschuld beweisen will. Das große Publikum aber vermisst Karl Hoffmann, den Bösewicht, und Amanda Gutiérrez, die Mutter.
Alles schön und gut
Heinz Mann (Hmann0815)
- 12.06.2007, 11:05 Uhr
Verantwortung von RCTV
Benjamin Grasse (por_ahora)
- 16.06.2007, 17:06 Uhr
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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