22.02.2012 · Vor lauter Missionen und Initiativen soll keinem Venezolaner auffallen, dass Chávez für Venezuela keinen Plan hat. Alle spüren aber die Konfrontation. Vor allem in der Hauptstadt Caracas.
Von Josef Oehrlein, CaracasDen Gemüsegarten gibt es immer noch. Im Schatten eines Hotelturms wachsen mitten in Caracas Salat, Zwiebeln und Tomaten. Das Hotel war einmal das Hilton, jetzt heißt es „Alba“, also „Morgenröte“, und wird von Kubanern verwaltet. Auf einer Brachfläche daneben, die eigentlich bebaut werden sollte, ließ die Regierung von Präsident Hugo Chávez vor ein paar Jahren den Garten anlegen. Gleich daneben findet an einem Stand die sozialistische Direktvermarktung statt. Besser gesagt, sie fände statt, wenn die gelben Kästen nicht fast alle leer wären. Ein paar Lauchstangen lassen in der Mittagshitze ihre Köpfe hängen. „In einigen Tagen ist der Salat soweit“, verspricht die junge Verkäuferin, die außer dem Lauch nichts zu verkaufen hat. Sie deutet auf die Beete, aus denen zaghaft grüne Blätter sprießen.
Etwas üppiger gedeckt ist der Verkaufstisch der „Fundos Zamoranos“ in direkter Nachbarschaft. Mächtige Melonen machen auf sich aufmerksam. Dieser Marktstand wird von den landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften beschickt, denen Chávez den General Ezequiel Zamora (1817 bis 1860) als Paten zugeteilt hat. Sie bewirtschaften in verschiedenen Landesteilen zuvor brachliegende oder enteignete Nutzflächen. Einem Aushang ist die sozialistische Preisgestaltung zu entnehmen. Gleich ob Zitrone, Bohne, Paprika, Banane, Zwiebel oder Kakao – ein Kilo kostet zehn Bolívares, nach offiziellem Kurs also 1,77 Euro, nach dem Schwarzmarktkurs ein Euro. Nur Käse, Guayaba-Marmelade und Eier sind teurer.
Fünf oder sechs Häusergevierte weiter in Richtung Zentrum der venezolanischen Hauptstadt, in dem die „Chavistas“ die Oberhand haben, bietet eine vielleicht vierzig Jahre alte Frau auf dem Bürgersteig Unterwäsche an. Sie blickt auf ein futuristisch anmutendes fensterloses, blau-rotes Gebäude, dessen Pforten verrammelt sind. Das sollte ein „Shopping Center“ mitten im populären Stadtviertel „La Candelaria“ werden. Die einzelnen Läden waren schon vermietet, der Komplex stand kurz vor der Eröffnung, als Chávez zuschlug. Im Dezember 2008 hatte er in seinem Alleinunterhaltungsprogramm „Aló Presidente“ (Hallo, Präsident) das Gebäude kurzerhand zum „Monstrum des Kapitalismus“ erklärt. Als er zwei Jahre später die Enteignung verfügte, konnte das schon keinen mehr überraschen. In den Bau sollten „sozialistische Märkte“ einziehen und die „revolutionäre Kultur“ propagieren.
Geschehen ist nichts, das Gebäude steht leer. Die „Buhoneros“, wie die Straßenhändler in Venezuela genannt werden, sind erbost. „Wir hatten gehofft, dass das Shopping-Center Kauflustige in Massen herbringt. Davon hätten auch wir profitiert. Aber jetzt ist tote Hose“, sagt die Wäscheverkäuferin. Sie bekennt freimütig, dass sie an den internen Wahlen der Opposition am 12. Februar teilgenommen und wie die große Mehrheit für Henrique Capriles gestimmt hat, den Gouverneur von Miranda. Er soll es am 7. Oktober mit Chávez aufnehmen.
Andere fliegende Händler in dem Areal bekennen sich zwar zum Chavismus, aber auch sie wehren sich gegen die Enteignung des Einkaufszentrums. Sie können an einem Konsumtempel nichts Verwerfliches finden. Gefährlicher sei es geworden. In dem Parkhaus, das für die Kunden gedacht war, wurden Obdachlose untergebracht. Die meisten haben bei sintflutartigen Niederschlägen, wie sie Venezuela regelmäßig heimsuchen, ihre Behausung verloren. „Unter die Betroffenen hat sich allerlei Gesindel gemischt, das sich das Essen und die finanziellen Zuwendungen erschleichen will“, sagt ein Straßenhändler, der gegenüber dem Parkhaus CD-Raubkopien feilbietet. „Da sind bewaffnete Verbrecher darunter.“
Die Buhoneros sind die Nomaden im Land der bolivarischen Revolution. Früher bevölkerten sie fast das gesamte Zentrum von Caracas, so dass Fußgänger mancherorts gar nicht mehr vorankamen. Die chavistische Regierung des zentralen Stadtteils Libertador hat auf besonders drastische Weise versucht, sie sesshaft zu machen. Sie hat das als Krankenhaus geplante und als Bürohaus genutzte, architektonisch originelle „Insimar“-Gebäude gekauft und dort die 2500 fliegenden Händler, die früher den Boulevard Sabana Grande bevölkerten, in ein „Kommerzielles Zentrum der Wirtschaft des Volkes“ eingepfercht.
Doch auch dort fehlt den Buhoneros der Publikumsverkehr, weil es die Kundschaft einige Überwindung kostet, das Gebäude zu betreten. Im „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, den Chávez predigt, ist das Problem der Schattenwirtschaft nicht gelöst, sondern verlagert worden. Nicht wenige Buhoneros haben allerdings einen von Hunderttausenden Arbeitsplätzen bekommen, die die Regierung geschaffen hat. Sie stehen offiziell in Staatsdiensten, das aber zumeist auf Posten, die keine Arbeitsleistung von ihnen verlangen. Für die Volkswirtschaft tun die Bezieher solcher Einkommen so wenig wie die Straßenverkäufer ohne Kundschaft.
Der einst wilde und chaotische, für arglose Passanten auch gefährliche Boulevard Sabana Grande ist in den vergangenen Jahren gezähmt worden. Fast klinisch sauber wirkt die neue Vorzeige-Fußgängerzone. Am 4. Juli vergangenen Jahres hat, wie eine Gedenktafel verkündet, die „bolivarische Regierung des Comandante Chávez“ die 90 000 Flanier-Quadratmeter der „heroischen Bevökerung von Caracas“ übergeben. Damals war Chávez gerade von seiner ersten Krebsoperation in Kuba nach Venezuela zurückgekehrt. Doch nicht die Regierung hat die Zone gepflastert, hat die Häuserfassaden von visuellem Werbemüll befreien und anstreichen, Bäume pflanzen und künstlerisch hochwertige Skulpturen aufstellen lassen. Die Umgestaltung des von den Buhoneros befreiten, täglich von 120 000 Personen frequentierten Boulevards hatte vielmehr die Kultur- und Sozialsektion des staatlichen Erdölkonzerns PdVSA übernommen.
Die PdVSA beauftragte ein Architektenteam mit der Planung, beschäftigte eine eigene Abteilung mit der Ausführung und hat mit ihren Einnahmen aus dem Erdölgeschäft den Umbau weitgehend finanziert. Derlei soziales Engagement gehört, wie Chávez immer wieder zu bekräftigen pflegt, zu den Pflichtaufgaben des „bolivarischen“ Unternehmens. Seine politischen Gegner halten dem entgegen, dass es Auftrag eines Erdölunternehmens sei, Erdöl zu fördern. Das schließe keineswegs aus, dass es Mittel aus dem erwirtschafteten Gewinn für kulturelle und soziale Zwecke bereitstellen könne, wenn das Geschäft gut läuft. Doch gerade daran scheint es zu hapern. Die Erdölförderung durch die PdVSA ist seit Jahren rückläufig, vor allem weil es an Investitionen fehlt. Die Wartung der Bohrstellen wird auch vernachlässigt.
Der von der PdVSA herausgeputzte Boulevard Sabana Grande endet brüsk an einer Straße, die ihn quert. Dahinter beginnt das Chaos. Müllsäcke und Abfall bedecken die Fortsetzung der Fußgängerzone. Die letzten Meter des Boulevards liegen in Chacao, einem von der Opposition beherrschten Stadtbezirk. Die Architekten von PdVSA hatten zwar, wie Eingeweihte berichten, die Verschönerung des gesamten Straßenzugs geplant, doch die Führung des Ölkonzerns sagte „Nein“. Die Verwaltung von Chacao wollte sich am Prestigeprojekt des chavistischen Nachbarstadtteils nicht beteiligen.
Der große städtebauliche Wurf ist an der Polarisierung gescheitert, mit der Chávez das Land in bolivarische Getreue und politische Feinde gespalten hat. Die heißen ihm zwar seit kurzem nicht mehr „Oligarchen“, aber „Bourgeoisie“. Das Kompetenzgewirr zwischen den Verwaltungen der einzelnen Stadtteile, die teils zum Regierungslager, teils zur Opposition gehören, dem oppositionellen Oberbürgermeister und der ihm als eine Art Gouverneurin für die Stadtregion von Chávez vor die Nase gesetzten Chefin der „Regierung des Hauptstadtdistrikts“, schließlich auch der PdVSA als Wohltäterin und Städteplanerin durchschaut kaum noch einer.
Caracas zeigt im Kleinen, wie der von Chávez betriebene „Aufbau des bolivarischen Sozialismus“ auch im Großen jede vernünftige Planung und Organisation behindert. Das „bolivarische“ Venezuela, das er geschaffen hat, ist ein riesiger Flickenteppich aus Parallelinstitutionen, mit denen bestehende staatliche Einrichtungen systematisch unterminiert wurden. Chávez verwirklicht seine politischen Ideen, wie ihm seine Gegner vorwerfen, gleichsam improvisatorisch am liebsten mit „Missionen“ – Programmen, Projekten und Initiativen, die aus propagandistischen Gründen immer wieder ihre Namen ändern und von denen kaum eine von Dauer ist. Vermutlich wisse Chávez selbst oft gar nicht mehr, welche Abkommen er mit welchen Ländern geschlossen hat, argwöhnen Kritiker.
Seit einem Jahrzehnt betreibt die bolivarische Regierung eigene Märkte und Geschäfte mit Hilfe von Militär und PdVSA, doch sie hat es nicht vermocht, die ärmeren Bevölkerungsschichten kontinuierlich und flächendeckend mit Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen zu versorgen. Bürokratie und Missmanagement sorgen immer wieder für Versorgungslücken. Stichprobe in zwei staatlichen Läden im Zentrum von Caracas, das ganz in chavistischer Hand ist. In dem einen der beiden Geschäfte fehlt es an Milch und Zucker, im anderen an Speiseöl. In beiden müssten in den Kühltheken eigentlich Berge von Wurst, Fleisch und Käse liegen. „Das haben wir mit der Macht des Volkes erreicht“, steht in einem der beiden Läden wie ein unfreiwilliges Menetekel über der gähnend leeren Theke in großer Schrift an der Wand.
Am Bolívar-Platz im historischen Zentrum von Caracas sitzen bei jedem Wetter ein paar Unentwegte unter einem Zeltdach. Vor ihnen läuft pausenlos ein Fernsehgerät. Der Ort nennt sich die „heiße Ecke“. Es ist eine Art Speaker’s Corner, jeder kann sagen, was er will – doch es kommen natürlich nur treue Chavistas, Oppositionelle würden sich nie hertrauen. Diskutiert wird dort gar nicht erst darüber, ob der von der Opposition kürzlich gewählte Kandidat Henrique Capriles Radonski bei den Wahlen am 7. Oktober eine Chance gegen Chávez haben könnte. „Der Comandante wird siegen, haushoch, daran gibt es keinen Zweifel“, sagt ein Chávez-Getreuer, der statt des roten Revolutions-T-Shirts ein grünes Lacoste-Hemd trägt.
Aus dem kleinen Fernsehgerät in der „heißen Ecke“ dröhnt gleich an drei Tagen hintereinander stundenlang Chávez’ Stimme. Immer wieder beschimpft er seinen 18 Jahre jüngeren Konkurrenten aus der Opposition. Eine mickrige Figur nennt er den Herausforderer. „Du grunzt wie ein Schwein, also bist du auch eines“, sagt er. Dann ist Chávez für vier Tage von der Bildfläche verschwunden. Als er wieder auftaucht, verschreckt er seine Gefolgschaft mit einer Botschaft, die alles andere als einen Wahlkampf mit ihm als unangefochtenem Sieger verheißt. Dass er sich wegen seiner Krebserkrankung von neuem operieren lassen muss, lässt selbst hartgesottene Chavistas um ihre Pfründe bangen.
Präsident Hugo Chávez hat den Venezolanern mitgeteilt, dass er sich einer weiteren Operation wegen seines Krebsleidens unterziehen müsse. Ohne Wissen der Öffentlichkeit hatte er sich am Wochenende in Kuba untersuchen lassen. Dabei sei eine „kleine, zwei Zentimeter lange Verletzung“ an der gleichen Stelle im Beckenbereich festgestellt worden, an der ihm im Juni vergangenen Jahres ein Tumor entfernt wurde. Chávez schloss nicht aus, dass die neuerliche Wucherung bösartig sein könne. Bei den jüngsten Untersuchungen seien jedoch „keine Metastasen“ festgestellt worden. Der Eingriff werde spätestens am kommenden Wochenende von dem gleichen Ärzteteam in Havanna vorgenommen, das ihn auch im vorigen Jahr operiert habe, bestätigte er. Chávez verschweigt, welcher Art und wie schwer seine Krebserkrankung ist.
In den nächsten Wochen werde er in der Öffentlichkeit „nicht zu sehen“ sein, kündigte er bei einem Auftritt in seinem Heimatstaat Barinas an. Vor Antritt der Reise nach Kuba wolle er Mitgliedern der Regierung, seiner sozialistischen Partei Psuv und den Streitkräften Weisungen für die Zeit seiner neuerlichen Behandlung erteilen. Während einer längeren Abwesenheit muss nach der Verfassung Vizepräsident Elías Jaua die Regierungsgeschäfte übernehmen. Doch schon während seines mehrwöchigen Aufenthalts in Kuba im vorigen Jahr hatte Chávez das Heft nicht aus der Hand gegeben.
Gerade erst hatte Chávez mit teils beleidigenden Attacken auf seinen von der Opposition am 12. Februar in Vorwahlen bestimmten Herausforderer Henrique Capriles Radonski die Kampagne zu den Wahlen am 7. Oktober eröffnet. Tag für Tag hielt er stundenlange Reden, um zu demonstrieren, dass er von seiner Krebserkrankung „geheilt“ sei. Von seiner Ankündigung, er werde bis 2031 regieren, ist Chávez aber abgerückt. Über 2019 hinaus, wenn die nächste Regierungsperiode endet, werde er nicht mehr an der Spitze des Staates stehen, gestand er kürzlich. (oe.)
Traurig, Traurig
Simone Staeck (snowivar)
- 23.02.2012, 01:32 Uhr
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
Jüngste Beiträge