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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Venezuela Der Präsident ist selbst ganz überwältigt

 ·  Hugo Chávez möchte Venezuela weiterregieren. Seine Heimatstadt ist längst ein Pilgerziel für seine Anhänger. Seine Gegner sehen hier aber eklatante Belege für das Scheitern des Chavismus.

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© dapd Hugo Chávez ließ sich am Montag von Barinas nach Sabaneta fahren. Am Steuer saß sein Außenminister, Nicolas Maduro

Es ist eine Straßenecke wie viele andere in Sabaneta. In der Tür eines bescheidenen Metzgerladens hocken Männer zum Nachmittagsplausch. Felipe Milano tritt zu ihnen und mischt sich ein. „Das hier war mal eine Schule, ich habe sie gegründet, der Anfang war sehr schwer“, erzählt er und deutet auf die Fleischtheke. „Als ich hierher kam, gab es gar nichts, keine Tische keine Stühle, keine Schüler.“ Felipe Milano ist pensionierter Geschichtslehrer. Was heute als Metzgerladen dient, war einmal das Gymnasium, das er im Landstädtchen Sabaneta in den venezolanischen Llanos, der Savannenebene, aus dem Nichts aufgebaut hat.

„Im Erziehungsministerium hieß es, im Bundesstaat Barinas haben wir niemanden. Geh nach Sabaneta und gründe dort ein Gymnasium.“ Also schaffte Milano Pulte, Tische, Stühle, Schüler und Lehrer herbei. Nach zwei Monaten funktionierte die Schule mit 150 Schülern. Das war 1971. Zwei Jahre später erhielt das Lyzeum außerhalb des Ortes ein größeres, ein besser geeignetes Gebäude. Felipe Milanos Mission war beendet, und er wurde in die nächste größere Stadt versetzt. Eine Autostunde ist Barinas von Sabaneta entfernt.

Die Einwohner waren verwundert

Das Gymnasium ist weg, aber gegenüber vom Metzgergeschäft breitet sich noch heute die Grundschule Julián Pino aus. Sie besuchte ein Schüler, der das unscheinbare Agrarstädtchen für manche Venezolaner inzwischen zu einem Wallfahrtsort gemacht hat. Hugo Chávez, der Präsident des Landes, hat dort sechs Jahre lang die Schulbank gedrückt. In die von Felipe Milano aufgebaute höhere Schule ist er nicht mehr gekommen, weil er damals schon aufs Gymnasium gegangen war, in Barinas, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats. Und als der Geschichtslehrer nach Barinas zog, war Chávez schon 17 Jahre alt und befand sich bereits in der Militärausbildung.

Aber Milano hat immerhin den Chávez-Bruder Aníbal, Sabanetas späteren Bürgermeister, in der provisorischen Schule in Geschichte unterwiesen und die anderen vier Chávez-Geschwister an der neuen Lehrerstelle in Barinas. Sie seien allesamt unauffällige, fleißige Schüler gewesen, sagt er. Das Haus mit dem Fleischerladen gehört einer Tante von Chávez. Von ihr hat der Metzger José Martínez den Verkaufsraum gemietet. José ist allerdings nicht gut auf Hugo Chávez zu sprechen. „Die Chávez-Brüder haben uns hier nichts genützt, Aníbal taugt für nichts. Wir haben hier die gleichen Probleme wie im ganzen Land, vor allem die Versorgung mit Strom und Wasser ist mangelhaft.“

Und er plaudert auch aus, dass die Chávez-Tante, die noch immer in dem Gemäuer wohnt, ihren berühmten Neffen auch nicht sonderlich möge. Hugo Chávez wurde in Sabaneta geboren und von der Großmutter aufgezogen. An der Stelle, wo sich ihr Haus befand, ein paar Meter von dem zur Fleischerei mutierten Gymnasium entfernt, steht heute eine Vorschule. Hunderte leerer Plastikflaschen an den Zufahrten nach Sabaneta bezeugen noch, dass er hier war. Natürlich hat Hugo Chávez kurz vor der Präsidentenwahl am Sonntag auch Sabaneta besucht. Er hat, was viele verwunderte, aber gar keine Rede gehalten, sondern sich inmitten der Masse seiner rotgewandeten Anhänger damit begnügt, sich durch den Ort fahren zu lassen.

Wohlwollende Leute sagen, er habe nicht reden können oder mögen, weil er seit langer Zeit nicht mehr in seinem Geburtsort und allzu sehr überwältigt gewesen sei. Von Sabaneta aus hat die ursprünglich in bescheidenen Verhältnissen lebende Familie Chávez, begünstigt durch den Aufstieg ihres Sprösslings Hugo und durch die von ihm ausgerufene „bolivarische Revolution“, den Bundesstaat Barinas praktisch unter ihre Kontrolle gebracht. Barinas ist Wiege und Hochburg des Chavismus. Felipe Milano koordiniert dort, gewissermaßen in Feindesland, die Wahlkampagne des Kandidaten Henrique Capriles Radonski als Sekretär des „Einheitstischs“ der Opposition (Mud).

Milano ist unverdächtig, zur Kaste der Oligarchen, Millionäre und Großgrundbesitzer zu gehören, von denen Chávez in seinen Reden unermüdlich behauptet, sie hätten das Land vollends ruiniert, wenn er nicht an die Macht gekommen wäre. Der Pädagoge kommt aus der Kommunistischen Partei und ist bei deren Spaltung 1971 in die sozialdemokratisch ausgerichtete „Bewegung zum Sozialismus“ (Mas) übergewechselt. An dem, was aus den Chávez-Kindern geworden ist, lässt Milano kaum ein gutes Haar. Wenn er anfängt, zu erzählen, entsteht das Bild einer Sippe, die im Namen des Sozialismus den Staat Barinas im Würgegriff hat - und der fast alles missrät, was sie anpackt.

Das älteste der Kinder, Adán, hat die Nachfolge des Vaters im Gouverneursamt angetreten, war zwischenzeitlich Erziehungsminister, rechte Hand seines Bruders Hugo in der Nationalregierung und Botschafter in Kuba. Argenis Chávez war eine Zeitlang „Staatssekretär“ in der Regionalregierung, als der betagte Vater aus Gesundheitsgründen ausfiel. Er ist inzwischen Präsident des staatlichen Elektrokonzerns Corpelec. Adelis Chávez gilt als Finanzverwalter des Clans. Narciso (Nacho) Chávez wurde Englischlehrer, Bruder Hugo hat ihn auf verschiedene Botschafterposten gesetzt, weil ihm verschiedene Korruptionsfälle angelastet wurden. Aníbal schließlich hält als Bürgermeister des Chávez-Stammsitzes in Sabaneta die Stellung. Und über allen wacht Hugo, der zweite der sechs Brüder, im Präsidentenpalast in Caracas.

Enteignungswellen und andere sozialistische Methoden

Das Stadtoberhaupt in Barinas stellt die Chávez-Familie zwar nicht. Aber auch dort weiß sie einen treuen Chavista im Amt - dem allerdings inzwischen ein populärer Herausforderer erwachsen ist. Der Soziologe José Luis Machín kommt wie der Geschichtslehrer Felipe Milano aus der linken „Bewegung zum Sozialismus“ und ist bei internen Wahlen des „Einheitstisches“ als Kandidat der Opposition für das Bürgermeisteramt in Barinas gekürt worden. Milano und Machín beschreiben das Engagement des Chavismus in der Landwirtschaft auf dem überaus fruchtbaren Boden der Llanos als ein einziges Desaster.

Nach diesen Schilderungen hat sich die Familie Chávez zwar selbst zu einer Art Großgrundbesitzerclan mit schätzungsweise mehr als 40.000 Hektar entwickelt, doch ist die Produktion gerade auf Flächen, die zuvor gute Ergebnisse gebracht hatten, rapide abgesunken. Der plötzliche Landreichtum der Familie Chávez, den zum großen Teil der Präsidenten-Bruder Argenis verwaltet, ist durch ein auf Betreiben des Revolutionsführers Hugo verabschiedeten Gesetz möglich geworden. Es erlaubt die Beschlagnahmung vorgeblich ungenutzter landwirtschaftlicher Flächen gewissermaßen auf Fingerzeig des Präsidenten. Mit den verschiedenen Enteignungswellen ging eine Umstellung der landwirtschaftlichen Produktion auf sozialistische Methoden einher.

Eine Schlüsselfunktion kommt dabei dem „Sozialistischen Produktionszentrum Florentino“ zu, das ursprünglich als Einrichtung zur Verbesserung und Ausweitung der Rinderzucht gegründet wurde, inzwischen aber viele andere Aufgaben übernommen hat. Es ist eine Art Landwirtschaftskombinat. Milano und Machín nennen es ein „Ministerium“, das die enteigneten Landgüter verwalte. Weil der private Landbesitz durchweg aus politischen Gründen enteignet werde, blieben grundlegende Regeln bei der Nutzung des Terrains unbeachtet.

Im Jahr 2005 hatte die militärische Besetzung und Enteignung des Landguts „La Marqueseña“, auf dem die Zentrale von „Florentino“ gegründet wurde, zur Folge, dass die Milchproduktion sehr bald halbiert wurde und sich die Rinderherde von mehr als 7.000 auf 2.000 Tiere verkleinerte. Farmer, deren Betriebe noch nicht enteignet wurden, lieferten an die sozialistische Milchverarbeitung nur zögerlich, weil sie nur unregelmäßig oder gar kein Geld für ihre Lieferungen erhielten. Noch drastischer sei der Produktionsrückgang in dem Schlachthof von Pedraza, der ebenfalls von „Florentino“ verwaltet wird, sagt Bürgermeisterkandidat Machín.

Dort könnten bis zu 1.000 Rinder am Tag geschlachtet werden, doch derzeit würden dort allenfalls 200, maximal 400 Rinder verarbeitet - wöchentlich. Um effizient zu arbeiten, müsse ein Betrieb dieser Größe 600 Schlachtungen täglich vornehmen. Während eines Streiks der Arbeiter im Juni beschrieb die Lokalpresse die Vorgänge im Florentino-Zentrum drastisch: „Korruption, miserable Verwaltung, Verschwendung bis zum Übermaß, Arbeitskonflikte und sehr geringe Produktion ... - kurzum: ein totaler und absoluter Fehlschlag.“ Florentino ist ein guter Geist der Llanos, nach der Sage war er der geschickteste Reiter und Volkssänger der Region. Er soll eine ganze Nacht mit dem Teufel um die Wette gesungen und ihn schließlich in die Flucht gejagt haben.

Manche glauben, der Teufel sei wiedergekehrt

Die Llaneros sind sangesfreudige Leute, Präsident Hgo Chávez beweist es immer wieder, wenn er während seiner Reden unvermittelt zu singen beginnt. Selbst manche treuen Chavistas unter den Bewohnern von Barinas glauben indes, dass der Teufel wiedergekehrt sei und sich im Gouverneurspalast in der Hauptstadt einquartiert habe. Adán Chávez, dem unbeliebtesten aller Chávez-Brüder, werden unzählige Korruptionsfälle angelastet, bis hin zu Mord. Er zeigt sich nie in der Öffentlichkeit, amtiert angeblich auch nicht im Gouverneurspalast, sondern in seiner Residenz, die wie eine Festung ausgebaut ist.

Zu den wunderlichen Projekten, die mutmaßlich aus dem Zusammenwirken der Brüder Hugo und Adán Chávez entstanden sind, zählt die Siedlung Tavacare. 45.000 Bewohner sollen hier, weit vor den Toren von Barinas, in einem abgelegenen und unwirtlichen Gelände leben können. Die Siedlung ist noch nicht ganz fertig, aber Präsident Hugo Chávez hat sie bereits ihrer Bestimmung übergeben - um sein Wohnungsbauprogramm zu rühmen. Doch zwei Tage nach dem Besuch des Präsidenten stürzte die Brücke an der Einfahrt zu dem Wohngebiet ein.

Es fehlt an Schulen und vor allem an Geschäften. Die Versorgung übernimmt „Pdval“, das Lebensmittelproduktions- und Vertriebssystem des staatlichen Erdölkonzerns PdVSA, mit seinen ambulanten Lastwagenläden. Tausende Arbeiter aus China haben die Häuser errichtet, in denen jetzt kaum jemand wohnen möchte. Hugo Chávez hat kürzlich gestanden, dass es in seinem Sozialismus noch viele Unzulänglichkeiten gebe, dass es an „Effizienz“ fehle. Er hat gelobt, es künftig viel besser machen zu wollen als bisher. Wenn er nur wiedergewählt werde.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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