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„Vatileaks“ Auch die Raben haben Namen

 ·  Eine Vermutung über die Urheber von „Vatileaks“ stößt in der Kurie auf scharfen Widerspruch. Es kursieren Gerüchte, denen zufolge der „Rabe“ ein Netz von drei Mittätern um sich gesponnen haben soll.

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© dapd Papst Benedikt XVI

Es wäre im Interesse des Papstes, die Affäre „Vatileaks“ rasch zu einem Ende zu führen und dadurch Offenheit und Glaubwürdigkeit zu demonstrieren. Doch die offizielle Erklärung zum Abschluss der Ermittlungen lässt auf sich warten. Das führt zu Ungeduld und lädt auch zu Spekulationen ein. Nach offiziellen Angaben hat der Untersuchungsrichter die Vernehmung von Paolo Gabriele, dem früheren Kammerdiener des Papstes, abgeschlossen. Auch die drei Kardinäle, die für den Papst den Klerus befragten, übergaben ihren Bericht dem Auftraggeber.

Der „Rabe“ Paolo Gabriele, dem der Diebstahl von Dokumenten vom Schreibtisch des Papstes angelastet wird, sitzt nicht mehr in Untersuchungshaft, sondern hat Hausarrest. Offiziell heißt es, man habe ausschließlich gegen ihn ermittelt. Gabrieles Anwalt Carlo Fusco sagte, sein Mandant habe dem Papst geschrieben, dass er allein gehandelt habe. Gabriele bedauere sein Versagen; er bitte um Vergebung.

Mithin gab es nach Auffassung der Kurie kein Netz von Mittätern, das der Kammerdiener dafür hätte nutzen können, päpstliche Dokumente zu stehlen, um sie an Presseleute weiterzureichen. Ein Buch mit gestohlenen Texten war im Frühling zum Bestseller avanciert. Ein kleines Detail führte zu Gabriele.

Drei Zornige, die sich rächen wollten

Seit Anfang des Jahres waren bis dahin nach und nach entwendete Dokumente veröffentlicht worden. Zunächst entstand dabei der Eindruck, die „Raben“ wollten den zweiten Mann im Vatikan hinter dem Papst schädigen. Die veröffentlichten Texte legten nahe, Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone sei schwach, korrupt und überhaupt ein Hindernis für die päpstliche Politik. Dann aber tauchten Texte auf, die nichts mit Kardinal Bertone zu tun hatten, sondern den Blick auf die enge Zusammenarbeit des Papstes mit seinem deutschen Privatsekretär Georg Gänswein lenkten.

Anfang Juli versicherte Benedikt seinem 77 Jahre alten Kardinal Bertone in einem Brief, er habe weiter volles Vertrauen in ihn.

Der Vatikan kommt trotz des Geständnisses von Kammerdiener Gabriele nicht zur Ruhe. Derzeit kursiert eine Verschwörungsgeschichte, die von einem Netz um Gabriele spricht. Der bisher an der Kurie angesehene und der römisch-katholischen Kirche eng verbundene Journalist Paul Badde will in einem Beitrag, der im Internetdienst „Welt Online“ veröffentlicht wurde, drei Personen ausgemacht haben, die vor allem der Zorn darüber verbinde, aus der Nähe des Papstes verbannt worden zu sein - und der Neid auf Bertone und Gänswein.

Der Kreis der Neider

Genannt wird Bischof Josef Clemens. Der 65 Jahre alte Bischof ist heute der sogenannte zweite Mann im Laienrat. Der Geistliche aus Siegen war fast 20 Jahre lang Privatsekretär von Kardinal Ratzinger gewesen. Als sich Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation auf seine Pensionierung vorbereitete, sollte Clemens weiter Karriere machen können. Und so wurde er 2003 Untersekretär in der Ordenskongregation und bald darauf Bischof. Hätten Ratzinger und Clemens geahnt, dass der Kardinal 2005 zum Papst gewählt werden würde, wäre der Geistliche aus Siegen gewiss Sekretär geblieben. Seither aber ist bekannt, dass Clemens mit seinem Karriereschritt hadert.

Immerhin wollte Ratzinger ihn nicht von sich stoßen, und so kam er auch nach seiner Wahl zum Papst wohl dreimal im Jahr zu Clemens zum Abendessen, an dem oft auch Ingrid Stampa teilnahm. Dem Bericht zufolge gehört auch diese Frau vom Niederrhein zum Kreis der Neider. Die 62 Jahre alte Musikdozentin hatte nach dem Tod Maria Ratzingers, der Schwester des heutigen Papstes, bis 2005 das Haus des Kardinals geführt, später in der Kurie päpstliche Texte ins Italienische übersetzt.

Beide spielten offenbar Klavier zusammen. Irgendwann aber soll es zum Bruch gekommen sein. Frau Stampa, die im Haus Gabrieles wohnt, musste den Schlüssel zur päpstlichen Wohnung abgeben. Clemens soll vor einigen Monaten eine kurze Notiz Benedikts erhalten haben, in der dieser weitere Einladungen ausschlägt. Clemens dementierte das, und Frau Stampa wehrte sich gegen die „schwerwiegenden Verdächtigungen“.

Schließlich soll der 1934 geborene Kardinal und Patron des Malteserordens Paolo Sardi zum Netz der Übelwollenden gehört haben. Ricaldone war lange Zeit einer der Redenschreiber des Papstes. 2004 wurde er stellvertretender Kardinalkämmerer und übernahm so in der Kurie eine wichtige Steuerungsaufgabe in der Zeit zwischen zwei Päpsten. Sardi soll mit Frau Stampa befreundet sein. Offiziell habe der Papst aus Altersgründen im Januar 2011 Sardis Rücktritt vom Amt des Vize-Kardinalkämmerers angenommen. In dem Pressebericht heißt es nicht, diese drei hätten Gabriele den Auftrag zum Diebstahl der Dokumente gegeben. Doch er legt nahe, dass sie ein Interesse daran haben, Bertone und Gänswein in schlechtem Licht erscheinen zu lassen.

Die Kurie reagierte erzürnt. Der Umstand, dass es noch keine Bekanntmachungen und Ergebnisse zu „Vatileaks“ gebe, „berechtigt nicht dazu, unbegründete sowie falsche Interpretationen und Thesen zu verbreiten“, teilte das Staatssekretariat mit und äußerte seine „tiefe und völlige Missbilligung von Veröffentlichungen, die nicht auf objektiven Argumenten gründen und für die Ehrbarkeit der betroffenen Personen schädlich sind, die seit vielen Jahren im treuen Dienst des Heiligen Vaters stehen“.

Der Papst könnte ihn begnadigen

Vatikansprecher Pater Federico Lombardi sagte, diese Verschwörungstheorie habe in der italienischen Presse kaum Widerhall gefunden. Dort habe man die „offensichtliche Einseitigkeit“ der Theorie erkannt, weshalb er es „nicht für notwendig erachte, sie noch einmal zu dementieren“. Die drei Personen seien auch nicht „von ihren Aufgaben entbunden“ worden.

Einer Antwort harrt allerdings weiterhin die Frage, warum Gabriele, der schlichte Mann, der einst St. Peter ausfegte, bevor er zum Kammerdiener aufstieg, allein darauf gekommen sein soll, Texte in Sprachen, die er nicht kennt, auszusuchen und der Presse zuzuspielen. Nur wenige im Vatikan glauben, er habe allein gehandelt. Es gibt zudem Personen in der Kurie, die die Notiz des Papstes an Clemens gesehen haben wollen. Auch soll die Vatikanpolizei E-Mails und SMS auf dem Handy Gabrieles gefunden haben, die Clemens und Frau Stampa belasten.

Warum andererseits sollte der Papst einen Brief geschrieben haben in einem Moment, als er die „Raben“ schon am Himmel kreisen sah? Zu beantworten ist auch die Frage, weshalb Clemens, Stampa und Sardi aus vermeintlicher Missgunst gegen Bertone und Gänswein dem Papst geschadet haben sollen, den sie doch verehren? Bisher droht nur dem früheren Kammerdiener Gabriele der Prozess. Der Papst könnte ihn allerdings auch begnadigen - und so ein öffentliches Gerichtsverfahren vermeiden, bei dem die Hintergründe, Hintermänner und -frauen genannt werden könnten.

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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