18.06.2010 · Der 30. Januar 1972 hat sich als „Blutsonntag“ in die irische Geschichte gebrannt. In Derry wurden bei einem Bürgerrechtsmarsch dreizehn Menschen erschossen. Nach fast vierzig Jahren schafft der Saville-Bericht jetzt Klarheit.
Von Gina Thomas, LondonDer 30. Januar 1972 ist nicht der einzige „Blutsonntag“ der irischen Geschichte. Der erste spielte sich während des Unabhängigkeitskrieges am 21. November 1920 in Dublin ab. Als Vergeltung für die Ermordung von vierzehn vermeintlichen britischen Agenten durch die Irisch-Republikanische Armee am frühen Morgen jenes Tages schossen britische Einheiten am Nachmittag bei einem gälischen Fußballspiel im Croke-Park-Stadion in die Menge und töteten zwölf Menschen.
Zwei weitere wurden in dem panischen Schrecken totgetreten. Ein Militärgericht stellte anschließend fest, die Polizei habe ohne Befehl das Feuer geöffnet und die „Erfordernisse der Situation“ überschritten. Die Befunde dieses Tribunals kamen indes erst achtzig Jahre später zutage.
„Heilung der Geschichte in Derry und in Irland“
Ähnliche Vorwürfe gegen die britische Armee schwelen seit dem zweiten, in der kollektiven Erinnerung noch sehr viel frischerem Blutsonntag am 30. Januar 1972 im nordirischen Derry, an dem dreizehn Menschen bei einem Bürgerrechtsmarsch erschossen wurden, ein weiterer starb später an den Folgen seiner Verletzungen. Die 1974 in Derry errichtete Gedenksäule trägt neben den Namen der vierzehn Toten eine mahnende Inschrift, dass den Opfern, den Hinterbleibenen und den Menschen von Derry immer noch Gerechtigkeit und Wahrheit geschuldet werde. „Das britische Militär, die britische Justiz, die britische Regierung und die Regierung von Stormont – sie alle müssen die Verantwortung für den Blutsonntag und die Folgen übernehmen“, heißt es, und schließlich: „Nur dann können die Wunden jenes Tages endgültig heilen.“
In diesem Sinne hat der irische Nobelpreisträger Seamus Heaney in einem Gedicht über den Blutsonntag von der Gerechtigkeit gesprochen, die wie eine Eichel im Winter so lange im Dreck liegen bleibe, bis die Eiche in Derry sprieße, wo die dreizehn toten Männer lagen. Diese Zeilen hat der Abgeordnete Mark Durkan am Tag der Veröffentlichung des Saville-Berichtes über den 30. Januar 1972 im britischen Parlament zitiert. Seine Stimme bebte, als er die Namen der Toten noch einmal aussprach und die Hoffnung äußerte, dass Savilles uneingeschränkte Entlastung der Opfer „eine Heilung der Geschichte in Derry und in Irland“ herbeiführen werde.
Fast vierzig Jahre lang blieb der Blutsonntag ein Politikum
Der Blutsonntag ist in die Opfermythologie der irischen Nationalisten eingeätzt und liegt als peinliche Entgleisung schwer auf dem britischen Gewissen. Davon zeugen auch die zahlreichen Poplieder, die darauf Bezug nehmen, von John Lennons pathetischer Beschwörung der Schreie der „dreizehn Märtyrer“ und seiner bitteren Klage, dass kein Tropfen Soldatenblutes geflossen sei, bis hin zu U2. Und es ist kein Zufall, das in einigen der Giebelwandmalereien im katholischen Bogside-Bezirk von Derry Picassos „Guernica“ Widerhall findet. Der Blutsonntag hat für die Iren eine ähnliche Bedeutung wie der Luftangriff auf die baskische Stadt im Spanischen Bürgerkrieg.
Der als beschönigend kritisierte Untersuchungsbericht, den Lord Widgery nur elf Monate nach dem Vorfall veröffentlichte, befand, dass das Verhalten der britischen Fallschirmjäger „an Fahrlässigkeit grenzte“. Widgerys Feststellung, dass zuerst auf die Soldaten geschossen worden sei, und sein Fazit, dass es ohne den illegalen Marsch keine Toten gegeben hätte, ist des Öfteren als Ursache für die Verschärfung des Nordirland-Konflikts bezeichnet worden. In der republikanischen Volksmythologie ist der Tag zu einer Art „Stunde null“ stilisiert worden, als vorsätzliche Tat und als Rechtfertigung für alles, was danach kam. Der Sinn-Féin-Politiker Gerry Adams hat soeben der Darstellung der Ereignisse als Entgleisung widersprochen: Es sei die Geschichte der britischen Armee in Irland schlechthin.
„Hierarchie der Toten“
Diese Wahrnehmung empfinden selbst versöhnliche nordirische Protestanten als schwer verdaulich, auch wenn sie das Verhalten der Fallschirmjäger genauso unmissverständlich verurteilen, wie David Cameron es in seiner würdigen Erklärung nach der Veröffentlichung des Saville-Berichtes getan hat. Mitunter fällt der verbitterte Begriff von einer „Hierarchie der Toten“, womit gemeint ist, dass die Opfer der IRA-Terrorkampagne in der Rangordnung eine untergeordnete Stellung einnähmen. Wo bleibe die Gerechtigkeit für die anderen 3.526 Toten der Unruhen?
Martin McGuinness soll sich gewundert haben, dass Tony Blair 1998 im Rahmen des Friedensprozesses die Saville-Untersuchung einberufen habe. Eine Entschuldigung hätte gereicht, meinte der Sinn-Féin-Politiker, der am Blutsonntag als stellvertretender Kommandant der IRA dabei war. Zwölf Jahre später, nach Ausgaben von fast 200 Millionen Pfund, ist die Entschuldigung erfolgt. Fast vierzig Jahre lang blieb der Blutsonntag ein Politikum. Jetzt besteht die Chance, dass dieser Vorfall aus der Aktualität verschwindet und wie der Blutsonntag von 1920 Gegenstand der historischen Auseinandersetzung wird.
Bias
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