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Unruhen in Xinjiang Jetzt herrscht offene Feindschaft

09.07.2009 ·  In Urumtschi herrscht eine Art unerklärtes Kriegsrecht. Uiguren und Han-Chinesen werden von schwer bewaffneten Sicherheitskräften auseinandergehalten. Die Gräben zwischen beiden Volksgruppen sind tiefer denn je. Viele Uiguren trauen sich nicht mehr auf die Straße.

Von Till Fähnders, Urumtschi
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Der Uigure hat ein leichtes Zittern in den Mundwinkeln, als er dem Journalisten ins Ohr flüstert: „Wir haben Angst“, sagt er. Er steht in einem Raum, der eigentlich geschützt sein müsste. Gemusterte Teppiche liegen auf dem Boden, in der Vorhalle verbeugen sich die gläubigen Muslime zum stillen Gebet. Sie tragen traditionelle Kappen auf den Köpfen. Die Spione der Regierung können aber auch in der Moschee nicht weit sein. Deswegen muss der Mann vorsichtig sein. „Die Leute, die ihr interviewt, werden verhaftet“, sagt er auf Chinesisch. Die Journalisten sollten lieber in den Außenbezirken recherchieren, dort seien die Sicherheitsvorkehrungen noch nicht so intensiv. Er sagt, ein paar einzelne „böse Menschen“ seien für die Ausschreitungen in Urumtschi verantwortlich, bei denen nach offiziellen Angaben seit Sonntag 156 Menschen getötet wurden.

Die unzufriedenen und frustrierten Uiguren hatten am vergangenen Sonntag als erste Gewalt angewendet – so stellen es die offiziellen Stellen jedenfalls dar. Urumtschi ist seit den Unruhen eine gespaltene Stadt, aber vielleicht war sie das vorher auch schon. Nun ist die Feindschaft aber offen ausgebrochen. Uiguren und Han-Chinesen, die etwa 70 Prozent der Stadtbevölkerung ausmachen, stehen sich gegenüber. In ihren Köpfen haben sich Hass, Angst und Anspannung festgesetzt.

Eine Art Kriegszustand

In Urumtschi herrscht eine Art unerklärtes Kriegsrecht. Die Regierung schickt endlose Konvois mit Truppen in die Stadt, um die Ordnung wiederherzustellen. An einer Ecke stehen Dutzende, an manchen Straßen bis zu hundert Militärlastwagen, die wiederum jeweils mehrere Dutzend Soldaten aufnehmen können. Am späten Nachmittag sammelten sich hunderte Sicherheitskräfte in voller Schutzmontur zu einer Machtdemonstration am zentralen Volksplatz. Mehrere hundert Meter weit und stundenlang waren ihre Rufe zu vernehmen. Später schwärmten die Truppen wieder in die Stadt aus. Panzerfahrzeuge, Wasserwerfer und mit Tränengasschussanlagen ausgestattete Kleinbusse drängen sich in manchen Straßen. Die Soldaten, die nach Urumtschi verlegt wurden, tragen Maschinengewehre mit aufgepflanztem Bajonett, Gummi- oder Holzknüppel. Den „Großen Basar“ haben die Truppen zu einer Festung ausgebaut, in die kein Uigure mehr ohne Erlaubnis hineingelassen wird.

Viele Uiguren trauen sich nicht mehr auf die Straße. Doch auch die Han-Chinesen sind ängstlich. Eine junge Frau zuckt erschreckt zusammen, als sie von einem Fremden angesprochen wird. Die Regierung macht keine Angaben darüber, wie viele der Opfer Uiguren und wie viele Han-Chinesen waren. Aber es scheint sicher, dass es auf beiden Seiten Tote gegeben hat. Am Dienstag hatten sich Gruppen von Han-Chinesen zusammengerottet, mit Knüppeln und Messern bewaffnet, um Rache zu üben. Uigurische Restaurants wurden angegriffen und der Mob machte Jagd auf Muslime. Am Mittwoch, als die Regierung die Situation mehr oder weniger schon im Griff zu haben schien, soll es noch einzelne Übergriffe gegeben haben. Han-Chinesen gingen dem Vernehmen nach mit Tritten auf Uiguren los.

Seither scheint sich die Lage äußerlich zu beruhigen – dafür Sorgen allein die zu Tausenden aufmarschierten Sicherheitskräfte. Einige Läden haben wieder geöffnet. Doch an einer Ecke verteilen immer noch Wachmänner Gemüse an die Bevölkerung, weil viele Märkte weiter geschlossen bleiben und Lebensmittel schwer zu bekommen sind. Um die gerechte Verteilung entbrennt deshalb ein lautstarker Streit zwischen einer Frau und einem älteren Mann. Auch am Donnerstag gibt es noch Gerüchte von neuen Zwischenfällen. Manche sprechen gar von weiteren Toten. An einer Filiale der „Bank of China“ liegt hinter den frisch eingeschlagenen Scheiben noch der Ziegelstein, den Unbekannte durch das Fenster warfen. Die Spuren der Gewalt sind auch anderswo noch nicht beseitigt. Ein abgebranntes Autohaus liegt immer noch in Asche.

Abneigung gegen Uiguren

Die Moschee habe gerade erst wieder ihre Tore geöffnet, flüstert der Uigure weiter. Nur wenige hätten sich aus ihren Häusern zum Gebet getraut. Weniger als ein Dutzend Menschen haben sich vor dem Eingang die Schuhe abgestreift, um ihren religiösen Pflichten nachzugeben. „Kaum jemand geht mehr auf die Straße“, sagt der Uigure. Er zeigt durch das Fenster auf den Gehsteig. Nur wenige Angehörige der nationalen Minderheit, von der etwa acht bis neun Millionen im Westen Chinas leben, sind noch bereit, mit der ausländischen Presse zu sprechen. Die Journalisten können sich aber im Vergleich zur Zeit der Unruhen in Tibet im vergangenen Jahr frei in der Stadt bewegen.

Die einzigen Schreie, die am Donnerstag in den Straßen von Urumtschi zu hören sind, sind die Parolen der patrouillierenden Soldaten. Auf roten Bannern, die an den Militärlastwagen entlang gespannt hängen, rufen die Streitkräfte zum Kampf gegen den Separatismus auf. Das richtet sich gegen uigurische Unabhängigkeitskräfte, die eine Republik „Ostturkestan“ wiederherstellen wollen und die die Regierung für die Unruhen verantwortlich macht.

An Zäunen und Mauern der Stadt sind Blätter mit einer Botschaft von Wang Lequan angeklebt, des Parteisekretärs der nordwestchinesischen Autonomen Region Xinjiang, von der Urumtschi die Hauptstadt ist. Von der darin immer wieder beschworenen Einheit der Nationalitäten Chinas scheint das Land aber nun weiter entfernt denn je. Viele Han-Chinesen machen aus ihrer Abneigung gegen die Uiguren keinen Hehl. Sie kritisieren, dass die Uiguren als eine der 55 Minderheiten in China angeblich ungerechtfertigt viele Privilegien genieße. Die gläubigen Muslime, die mit den Türken verwandt sind, anders als die Chinesen aussehen und eine andere Sprache sprechen, gelten vielen Han-Chinesen ohnehin als suspekt. Manche sehen in ihnen nichts anderes als Banditen, die Messer und Bärte tragen und die Modernität verneinen. Die Uiguren haben dagegen das Gefühl, von dem Aufschwung nicht genügend profitiert zu haben. Sie fühlen sich von den Han-Chinesen bedrängt, die sich zunehmend in Xinjiang ansiedeln und hier Geschäfte machen.

Minderheitenpolitik gescheitert

Chinas Minderheitenpolitik der vergangenen 60 Jahre ist in Xinjiang offensichtlich gescheitert. Im zentralen Volkskrankenhaus nicht weit des „Großen Basars“ liegen die Schwerverletzten der Ausschreitungen vom Sonntag. Der rechte Arm des 49 Jahre alten Wu Dashan ist komplett blau angelaufen. Vor drei Jahren sind er und seine Ehefrau aus der zentralchinesischen Provinz Hubei nach Urumtschi gekommen. Wu Dashan arbeitet dort als Kleinhändler. Am Kopf wurden dem Han-Chinesen 30 Platzwunden genäht. Der Oberkörper ist mit blauen Flecken übersät. Er kann nur sehr leise und unter Schmerzen sprechen. Mit Eisenstangen seien sie auf ihn losgegangen, sagt Wu Dashan. Das war am späten Sonntagabend nach zehn Uhr. Am Donnerstag sei er aus der Intensivstation in die chirurgische Abteilung verlegt worden. Seine Ehefrau steht weinend an seinem Bett. „Es war fürchterlich als ich erfuhr, was sie ihm angetan haben“, sagt sie.

Einen Raum weiter liegt der 23 Jahre alte Han Mingming. Auch er gehört zu den Han-Chinesen, die mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Chinas stellen. Der Wanderarbeiter aus der Provinz Gansu hat ein angeschwollenes Gesicht und aufgeplatzte Lippen. Auf Rücken und Oberkörper sind dunkle Flecken zu sehen, die von Schlägen mit Holzknüppeln stammen. Seine Augen sind rot unterlaufen. Der Fahrer eines Autobusses hatte gerade Feierabend, als der Mob ihn angriff.

In dem Krankenhaus liegen auch Uiguren, wie das Personal bestätigt, aber in einer „anderen Abteilung“. Vielleicht möchten sie nicht, dass die Journalisten mit diesen Opfern sprechen. Die Uiguren, so scheint es, werden durch diesen Vorfall noch weiter ins Abseits gedrängt. Die Kontrolle über ihr religiöses und soziales Leben wird sich vermutlich in Zukunft weiter verschärfen. Die tiefen Gräben zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen aber werden damit nicht zugeschüttet. Denn die Probleme liegen nicht im Ausland, sondern mitten in Urumtschi.

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