15.07.2009 · Erhält der Xinjiang-Konflikt jetzt eine religiöse Dimension? Al Qaida droht zum ersten Mal offen den Chinesen mit „Vergeltung“. Die Türkei spricht von einer „Art Völkermord. Die chinesische Regierung habe den „Greueltaten“ tatenlos zugesehen.
Von Till Fähnders, PekingAl Qaida droht zum ersten Mal offen den Chinesen. Ein algerischer Ableger des Terrornetzes kündigte wegen der blutigen Unruhen am Sonntag vor einer Woche in der Provinz Xinjiang Vergeltung an chinesischen Staatsbürgern im Ausland an. Das berichtete die Beratungsorganisation Stirling Assynt nach Angaben von Nachrichtenagenturen vom Dienstag. Die Terroristen wollten „Rache“ für die getöteten Uiguren. Ob der Aufruf der Terrororganisation bei anderen Gruppierungen Widerhall findet, muss einsweilen unklar bleiben, obwohl es schon einschlägige Prognosen gibt. In einigen Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit gerät China jedenfalls schon ins Fadenkreuz der Kritik - auch aufgrund der Religionszugehörigkeit der muslimischen Uiguren.
In einigen dieser Länder gibt es Bekundungen der Solidarität mit den acht bis neun Millionen Angehörigen des im Nordwesten Chinas lebenden Turkvolks. Zwar haben sich Uiguren während der Ausschreitungen wohl schwerer Gewalttaten bis zum Mord schuldig gemacht. Doch viele glauben, dass auch erheblich mehr Uiguren getötet wurden, als die Regierung zugibt. Nach Angaben von Exil-Organisationen wurden Hunderte Uiguren von den Sicherheitskräften erschossen oder von Han-Chinesen umgebracht.
Die stärkste Reaktion kam bisher aus der Türkei, die sich den Uiguren kulturell und ethnisch in besonderem Maße verbunden fühlt. Der türkische Ministerpräsident Erdogan bezeichnete die Ereignisse in Xinjiang als „eine Art Völkermord“. Die chinesische Regierung habe den „Greueltaten“ tatenlos zugesehen. Scharfe Kritik kam auch von in Deutschland lebenden Türken. In Istanbul gab es Demonstrationen. Die chinesische Staatspresse wies die Vorwürfe empört zurück.
Aufrufe zum „Heiligen Krieg“
Proteste, die das Vorgehen der chinesischen Regierung verurteilten, gab es auch in anderen von Muslimen bewohnten Ländern. In Indonesien, das eine überwiegend muslimische Bevölkerung hat, soll es bei Demonstrationen Aufrufe zum „Heiligen Krieg“ gegen China gegeben haben. Kritik kam auch von reformorientierten Religionsführern in Iran. Nach Ansicht von Fachleuten haben religiöse Probleme aber keine große Rolle bei den Unruhen in Xinjiang gespielt, bei denen nach offiziellen Angaben 184 Menschen getötet wurden. Es seien keine Imame an den Protesten beteiligt gewesen. Es seien auch keine Forderungen nach einem Heiligen Krieg erhoben worden. Auch die chinesische Regierung hat sich bisher darum bemüht, den religiösen Aspekt des Konflikts nicht hervorzuheben. Sie macht pauschal im Ausland lebende Uiguren als Drahtzieher verantwortlich und sieht die „drei Übel“, Terrorismus, Separatismus und Extremismus, am Werk. Einige Uiguren streben einen unabhängigen Staat „Ostturkestan“ an.
Die strenge Kontrolle auch des religiösen Lebens durch die chinesischen Behörden dürfte aber zumindest einer der Gründe für die Unzufriedenheit der Uiguren sein, die schließlich zur Explosion geführt hat - neben vielfältigen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ursachen. Das scheint die Regierung ähnlich zu sehen, auch wenn sie es nicht offen sagt. In Urumtschi blieben in der vergangenen Woche tagelang die Moscheen auf offizielle Anordnung hin geschlossen. Außerdem durfte in vielen Gotteshäusern nicht das traditionelle Freitagsgebet stattfinden. Eine Schule für Islamwissenschaften wurde streng von der Polizei bewacht. Als Gründe wurden Sicherheitsbedenken angeführt. Die Behörden befürchten, dass von den religiösen Versammlungsorten neue Unruhen ausgehen könnten.
Die Uiguren praktizieren traditionell eine gemäßigte Form des sunnitischen Islam. Aber seit einigen Jahren haben sich vereinzelt orthodoxe Ideen verbreitet. Es gibt Einflüsse aus Pakistan und Afghanistan, die beide an Xinjiang grenzen. In der Vergangenheit hatte es auch schon Anschläge von Uiguren in China gegeben. Allerdings gibt es Zweifel, ob sich uigurische Unabhängigkeitskräfte tatsächlich in schlagkräftigen terroristischen Gruppen organisiert haben, wie das die chinesische Regierung behauptet.
Blutiger Vorfall vor Moschee
Womöglich als Reaktion auf die Restriktionen werden die Moscheen in Urumtschi nach ihrer Öffnung nun offenbar zu Brennpunkten des Geschehens. Ein blutiger Vorfall, bei dem am Montag in Urumtschi zwei Uiguren von Polizisten erschossen und ein Uigure verletzt worden waren, spielte sich nach offiziellen Berichten in direkter Nachbarschaft einer Moschee ab.
Die Berichte vom Montag waren die ersten seit Beginn der Unruhen, in denen offiziell Schüsse durch Polizeikräfte eingestanden worden waren. Einer der drei Uiguren soll zuvor in der Moschee ein grünes Banner hochgehalten und zum „Dschihad“ aufgerufen haben, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf einen nicht mit Namen genannten Imam meldete. Zu der Zeit seien etwa 150 Gläubige in der Moschee gewesen, um zu beten. Es habe sich dort aber niemand dem Aufruf anschließen wollen. Danach gingen die drei Uiguren offenbar mit Messern auf Sicherheitskräfte los und wurden erschossen. Die einzelnen Berichte über den Vorfall unterscheiden sich allerdings erheblich.
Vermutlich auch um die florierenden Geschäftsbeziehungen nicht aufs Spiel zu setzen, haben sich einige der arabischen Staaten bisher nicht zu scharfer Kritik an der chinesischen Regierung entschließen können. Dabei dürfte das Geschehen auch dort Aufmerksamkeit erregt haben.
Doch chinesische Firmen haben in den vergangenen Jahren zunehmend in der Region investiert. Der Ökonom Ben Simpfendorfer spricht gar von einer „Neuen Seidenstraße“ die von China in die arabischen Länder führe. Insbesondere seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hätten sich die Amerikaner und Europäer von den arabischen Staaten abgewendet. Deren Platz nehme nun mehr und mehr das aufstrebende ostasiatische Reich ein, sagt Simpfendorfer. Jedes Jahr pilgerten Hunderttausende arabische Händler in die Volksrepublik, um sich mit Produkten „Made in China“ einzudecken. Peking ist im Gegenzug am arabischen Öl interessiert. Das Los der Uiguren scheint vor diesem Hintergrund wohl weniger wichtig zu sein. Außerdem werden einige der arabischen Staaten wie China autoritär regiert. Da möchte keiner die eigene Bevölkerung in aufrührerischen Absichten bestärken.