29.07.2009 · Die Uiguren-Anführerin Rebiya Kadeer hat der chinesischen Regierung vorgeworfen, seit den blutigen Unruhen in der Xinjiang Anfang Juli fast 10.000 Menschen verschleppt zu haben. Peking geht mit einer Kampagne gegen die Exil-Uigurin vor.
Von Till Fähnders, PekingDie Uiguren-Anführerin Rebiya Kadeer hat der chinesischen Regierung vorgeworfen, fast 10.000 Menschen verschleppt zu haben. Die Uiguren seien seit den blutigen Unruhen in der nordwestchinesischen Region Xinjiang Anfang Juli verschwunden. Peking versuche, die muslimische Minderheit „zu vernichten“, sagte Frau Kadeer am Mittwoch bei einem Aufenthalt in Japan nach Angaben von Nachrichtenagenturen. In der Regionalhauptstadt Urumtschi seien derweil 253 weitere Verdächtige festgenommen worden, die an den Ausschreitungen beteiligt gewesen sein sollen, berichtete die chinesische Agentur Xinhua. Zuvor waren schon mehr als 1400 Personen festgenommen worden. Bei den Unruhen waren offiziell 197 Menschen ums Leben gekommen. Die Vorsitzende des Uigurischen Weltkongresses (WUC) geht aber von erheblich mehr uigurischen Opfern aus.
Die Regierung in Peking bestellte den japanischen Botschafter ein und verlangte, den „chinafeindlichen und separatistischen Aktivitäten“ Kadeers ein Ende zu bereiten. Peking und die Exil-Uiguren liefern sich derzeit eine Auseinandersetzung auf internationalem Parkett, in die mittlerweile mehrere Länder, Regierungen und Organisationen hineingezogen wurden. Es geht um die Deutung der Unruhen und gegenseitige Anschuldigen.
Japanischer Botschafter einbestellt
Während die Uiguren-Anführerin Rebiya Kadeer über den Globus reist, um Sympathien für die Uiguren zu wecken, hat die chinesische Regierung eine diplomatische Offensive begonnen, mit der sie Rebiya Kadeer zu einer international geächteten Person machen will. Die chinesische Regierung hatte deshalb zuvor schon bei Japan gegen die Erlaubnis zur Einreise der im Exil in Amerika lebenden Uigurin protestiert und alle Länder gewarnt, ihr keine „Bühne“ zu bieten. Peking will Frau Kadeer als Kriminelle und Drahtzieherin der Unruhen darstellen.
Die chinesische Führung soll auch mehrfach gegenüber der australischen Regierung darauf gedrungen haben, der WUC-Vorsitzenden die Einreise zu verweigern. In Australien soll sie im August bei einem Filmfestival die Premiere eines Films über ihr Leben besuchen. Diplomaten des chinesischen Konsulats hatten an die Leiter des Festivals appelliert, den Film aus dem Programm zu nehmen. Außerdem hatten Regisseure aus China – mutmaßlich auf Druck Pekings hin – wegen des Films auf ihre Teilnahme verzichtet. Die Website der Organisatoren war zudem von Hackern angegriffen worden.
Die Regierung der Vereinigten Staaten hatte dagegen während des amerikanisch-chinesischen „strategischen und wirtschaftlichen Dialogs“ Anfang der Woche in Washington sogar Lob von den Vertretern aus Peking für ihre „moderate“ Linie bekommen. Ein chinesischer Vize-Außenminister warnte jedoch davor, den „Separatisten“ keine Möglichkeit zu geben, von amerikanischem Territorium aus gegen China zu agieren.
Die Kampagne gegen die Exil-Uigurin erinnert an den Umgang Pekings mit dem tibetischen Religionsführer, dem Dalai Lama, der am Mittwoch zu einem Besuch in Deutschland erwartet wurde. Regelmäßig wenn das geistliche Oberhaupt der Tibeter ein Land besucht und führende Politiker trifft, kommt Protest aus Peking. Dabei dürfte sich die Regierung dort durchaus bewusst sein, dass Rebiya Kadeer längst nicht über einen vergleichbaren Einfluss verfügt. Bei vielen Uiguren in China dürfte die frühere Geschäftsfrau zwar insgeheim hoch geachtet werden. Sie verfügt aber längst nicht über einen Status, der dem des Dalai Lamas unter den Tibetern vergleichbar wäre, die ihn wie einen Heiligen verehren.
Die Angriffe aus China könnten deshalb andere Folgen haben, als dort gewünscht wird. Kadeer, die mehrere Jahre in chinesischen Gefängnissen verbracht hat, wird in den Augen der Uiguren immer mehr zu einer lebenden Märtyrerin. Schon jetzt versuchen Exilanten, sie als „Mutter der Uiguren“ zu stilisieren.