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Unruhen im Kosovo und Belgrad Die gewalttätigste Nacht seit dem Ende des Krieges

18.03.2004 ·  Nach dem Vandalismus in Belgrad und den Unruhen zwischen Albanern und Serben im Kosovo, bei denen mindestens 22 Menschen ums Leben kamen, verstärkt die Nato ihre Präsenz in der Provinz.

Von Michael Martens, Belgrad
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„Wohin?" fragt der Taxifahrer und zeigt sich überrascht, weil als Ziel die Moschee in der Gospodar-Jevremova-Straße genannt wird. „Die gibt es doch nicht mehr", sagt er und holt die Donnerstagsausgabe einer Belgrader Boulevardzeitung aus dem Handschuhfach: In großer Aufmachung sind dort Fotos von brennenden Moscheen in Belgrad und der südserbischen Stadt Nis zu sehen, die in der Nacht zum Donnerstag von serbischen Gewalttätern angegriffen wurden.

Doch in der Belgrader Altstadt zeigt sich, daß die Flammen wenigstens in Serbiens Hauptstadt nicht so zerstörerisch gewütet haben, wie es die Fotos befürchten ließen: Die Bajrakli-Moschee von Belgrad, ursprünglich erbaut zwischen 1660 und 1688, steht noch. Sie ist zwar beschädigt und an einigen Stellen stark verkohlt, aber nicht völlig niedergebrannt. Was die Flammen nicht vermochten, haben allerdings die Verbrecher zuvor und das Löschwasser danach besorgt. Im Innenraum der Moschee und in einem dazugehörigen Gebäude dahinter ist den Gewalttätern ihr Zerstörungswerk gelungen, ist keine Fensterscheibe mehr heil, sind Teppiche zerfetzt und Lampen zertreten.

Spuren des Vandalismus

Davor, im Innenhof, gehen die Menschen über Asche und Scherben, dazwischen liegen in grünen Stapeln tropfnasse Koranausgaben in serbischer Übersetzung, die irgendjemand vor den Flammen retten konnte. Ein Vertreter der muslimischen Gemeinde mahnt inmitten dieser Szenerie des Unfriedens zu Ruhe und Gemeinsamkeit. Der Terror, sagt er, sei der muslimischen Gemeinde der Stadt fremd. Während er spricht, schwelen aus dem völlig zerstörten muslimischen Buchkiosk daneben weiterhin Rauchfähnchen hervor, und auch in der Straße zeigen sich die üblichen Relikte des Vandalismus: Ein halbes Dutzend verkohlter Autowracks liegen herum, einige überforderte Polizisten versuchen, Schaulustige fernzuhalten, die angrenzenden Geschäfte haben heute geschlossen.

Bei der politische Inventur dieser Belgrader Nacht wird unter anderem die Frage zu stellen sein, warum es der Polizei nicht gelang, einer Horde von Gewalttätern Herr zu werden. Vor der Amerikanischen Botschaft, die in der Nacht ebenfalls angegriffen wurde, war es den aus den Zeiten des Milosevic-Regimes im rabiaten Umgang mit Menschenmassen geübten Ordnungshütern immerhin gelungen, die Erstürmung der festungsartig gesicherten diplomatischen Vertretung zu verhindern.

Folgen einer blutigen Nacht

Eine Bestandsaufnahme der Ereignisse wird es aber vor allem einige hundert Kilometer weiter südwestlich geben müssen, im Kosovo. Die am Abend im serbischen Fernsehen übertragenen Bilder von der Gewalt in der nur noch formal zu Serbien gehörenden Provinz hatten die Gegenreaktionen erst hervorgerufen. Im Kosovo wurden die Folgen einer blutigen Nacht am Donnerstag erst langsam deutlich. Die Gerüchte über Heckenschützen und über eine auf das UN-Hauptquartier marschierende Menschenmenge erkalteten zusammen mit den Ruinen serbischer Häuser, die an mehreren Orten der Provinz in Flammen aufgegangen waren.

Wie viele Bewohner der Unruheprovinz diese bisher gewalttätigste Nacht seit dem Ende des Krieges und dem Einmarsch der internationalen Schutztruppe Kfor im Sommer 1999 nicht überlebt haben, war am Donnerstag noch immer je nach Quelle umstritten, doch von 22 Toten war schon am Donnerstag nachmittag die Rede. Die noch am Mittwoch einer Unmik-Sprecherin zugeschriebene Aussage, daß bei den Unruhen auch ein französischer Kfor-Soldat umgekommen sei, bestätigte sich immerhin nicht.

Proteste von Albanern und Serben

Bei allen Untersuchungen muß eine Chronologie der Gewalt im Kosovo wohl mindestens am Montag beginnen, als ein junger Mann in der serbischen Enklave Caglavica, wenige Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Prishtina gelegen, von bisher nicht gefaßten Angreifern beschossen und schwer verwundet wurde. Aus Protest gegen das Attentat blockierten Serben in Caglavica am Dienstag die durch ihren Ort führende wichtige Verbindungsstraße von Prishtina in die mazedonische Hauptstadt Skopje und drohten damit, die Sperren erst wieder zu entfernen, wenn die Täter des Anschlags gefunden seien. Auch die Einwohner der nahegelegenen, weitaus größeren serbischen Enklave Gracanica errichteten Straßenblockaden.

Ebenfalls am Dienstag kam es in mehreren Orten des Kosovos zu Protesten von Angehörigen der albanischen Bevölkerungsmehrheit, bei denen unter anderem gefordert wurde, daß alle inhaftierten Kämpfer der aufgelösten "Befreiungsarmee Kosovo" (UÇK) freizulassen seien und die das Kosovo verwaltende UN-Mission (Unmik) mitsamt ihrem finnischen Leiter Harri Holkeri die Provinz verlassen müsse. Der in Caglavica verwundete junge Serbe wurde unterdessen in ein Krankenhaus im serbisch dominierten Norden der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica gebracht.

Albanisch-serbische Symmetrie der Gewalt

Hier, in der inoffiziellen Hauptstadt der kaum mehr als 100.000 verbliebenen Angehörigen der serbischen Minderheit des Kosovos, begannen am Mittwoch die Ausschreitungen, die im Laufe des Tages und Abends auf die ganze Provinz übergriffen. Sie waren wiederum die Reaktion auf ein Ereignis, das am Dienstag am Ufer des Flusses Ibar stattgefunden hatte, der den albanischen Süden Mitrovicas von dem serbisch dominierten Norden trennt. In dem Fluß waren drei albanische Jungen ertrunken, nachdem sie, so die Aussage eines überlebenden Spielkameraden, von Serben mit einem Hund gejagt worden waren und ihre einzige Rettung in dem nach der Schneeschmelze eiskalten Fluß gesucht hatten.

Offiziell bestätigt ist diese Aussage keineswegs. Für viele albanische Zeitungen bedurfte es offenbar aber keiner weiteren "Beweise" mehr, um die serbische Schuld am Tod der Kinder festzustellen: Die Tageszeitung "Epoka e Re" (Neue Epoche) etwa machte am Mittwoch mit der Schlagzeile auf "Serben töten drei albanische Kinder im Ibar" - und zog daraus auch flugs die Schlußfolgerung, die Serben der Region versuchten gezielt, das Kosovo zu destabilisieren. Der Sprecher der UN-Polizei im Kosovo, Chappell, hatte dagegen auf einer Pressekonferenz noch am Mittwoch ausdrücklich vor voreiligen Schlüssen gewarnt: Zunächst müsse festgestellt werden, was wirklich geschehen sei, sagte der Sprecher und bezeichnete die Aussagen des überlebenden Jungen als "Behauptungen". Tatsächlich ließe sich noch nicht sagen, ob man nach dem Vorfall am Ibar von einem Unfall oder einem Verbrechen sprechen müsse.

Die albanischen Demonstranten aus dem Süden Mitrovicas, die sich am Mittwoch eine blutige Straßenschlacht mit Serben aus dem Norden der Stadt lieferten, schienen jedoch ebenfalls schon zu wissen, wer die Täter sind: die Serben, die viele Albaner stets für alles Übel in ihrer Heimat verantwortlich machen. Auf der anderen Seite des Flusses verhält es sich freilich genauso: Schuld sind immer die "Shiptari" wie die Serben die Albaner verächtlich nennen. Nach diesem Muster funktioniert die albanisch-serbische Symmetrie der Gewalt, die in den vergangenen 72 Stunden zunächst das Kosovo und dann Serbien erschüttert hat, seit Jahren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2004, Nr. 67 / Seite 3
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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