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Universität Penn State Verlorener Nimbus

 ·  Das amerikanische Bildungssystem hat schon viel von seinem Glanz eingebüßt. Der Skandal um sexuellen Missbrauch an der Penn State University kommt erschwerend hinzu.

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© AFP Zuviel Loyalität: Ein Penn State-Footballspieler vor der Trainingshalle.

Es steht in vielen Lebensläufen, die den amerikanischen Traum widerspiegeln und bekräftigen: Er oder sie hat als erster oder erste der Familie den Sprung ans College geschafft. Der Zugang zu Bildungs- und damit zu gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten in der klassenlosen Meritokratie gehört zum Selbstverständnis der amerikanischen Gesellschaft. Ungeachtet des globalen Ansehensverlusts der von einer hartnäckigen Wirtschafts- und Identitätskrise geplagten Supermacht Vereinigte Staaten ist für Millionen junge Menschen aus aller Herren Länder das Studium an einer amerikanischen Universität auch heute noch der Schlüssel zum Erfolg in einer globalisierten Welt. Für die Amerikaner selbst ist das Studium am College und an der Universität ein ebenso integraler Bestandteil eines erfolgreichen Lebens wie das Eigenheim und der Zweit- oder Drittwagen.

Die Krise am Immobilienmarkt hat den Traum von den eigenen vier Wänden für viele Amerikaner schmerzhaft platzen lassen. In einer vergleichbaren, wenn auch nicht so dramatischen Entwicklung hat auch der Wert der Hochschulausbildung in der seit 2008 währenden Rezession seinen Nimbus verloren. Eine ganze Generation von College- und Universitätsabsolventen drängt auf den Arbeitsmarkt, der bei weitem nicht die erforderliche Zahl von neuen und dazu gut dotierten Jobs bietet. Hinzu kommt die Schuldenlast von vielen zehntausend, womöglich einigen hunderttausend Dollar, die fast jeder Hochschulabsolvent als „Erbe“ seines Studiums mitbringt. Für die Generation der „Babyboomer“, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurde, und auch für nachfolgende Absolventenjahrgänge waren die mitunter horrend hohen Studiengebühren zumal der privaten Eliteuniversitäten dennoch eine gute Investition, weil der Studienabschluss einer (renommierten) Hochschule den Zugang zu Spitzenjobs mit Spitzengehältern garantierte. Diese Gleichung geht jetzt nicht mehr ohne Weiteres auf, und das hat den Blick aufs Studium für viele junge Amerikaner tiefgreifend verändert.

Hinzu kommt jetzt der Skandal wegen jahrelangen Missbrauchs an der „Pennsylvania State University“ in Zentralpennsylvania, der die Nation tief erschüttert. Der Dachverband für College-Sport NCAA hat am Montag drakonische Strafen gegen die „Penn State“ und vor allem gegen deren Football-Abteilung verhängt. Die Hochschule muss 60 Millionen Dollar Strafe zahlen, wird für vier Jahre von allen Playoff-Spielen nach der regulären Saison verbannt und bekommt sämtliche 111 Siege seit 1998 aberkannt. Die Universität muss schließlich in den kommenden vier Jahren die Zahl der Stipendien verringern, die sie an Studenten mit herausragenden sportlichen Fähigkeiten vergibt.

Den Assistenztrainer jahrelang gedekt

Damit kommt ein Missbrauchsskandal zu einem vorläufigen Abschluss, der das amerikanische Hochschulwesen fast ebenso tief erschüttert hat wie der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche die größte Religionsgemeinschaft in den Vereinigten Staaten. Im Juni war der frühere Assistenztrainer Jerry Sandusky, der vor allem für das Fitness- und Ausdauertraining der Football-Spieler zuständig war, wegen sexuellen Missbrauchs und Gefährdung von Jugendlichen in 45 Fällen für schuldig befunden worden. Ihm droht eine lebenslange Gefängnisstrafe. Sandusky beteuert weiter seine Unschuld, auch seine Ehefrau hält weiter zu ihm, und seine Anwälte wollen Berufung gegen das Urteil eines Geschworenengerichts einlegen. Doch für die Mehrheit der Amerikaner ist das Urteil gegen Sandusky rechtens - und die Strafe des Sportverbandes NCAA gegen „Penn State“ ebenso.

Neben der strafrechtlichen Verfolgung der Verbrechen hat die Universität auch eine eigene Untersuchung in Auftrag gegeben und damit den früheren Direktor der Bundeskriminalpolizei FBI Louis Freeh beauftragt. Freeh und seine Mitarbeiter kamen zu dem Ergebnis, dass der wegen seines beispiellosen Erfolgs fast wie ein Held verehrte Cheftrainer Joe Paterno seinen Assistenztrainer jahrelang gedeckt und den systematischen Missbrauch vertuscht hat. Wegen des Skandals wurde nicht nur der inzwischen verstorbene Trainer Paterno entlassen, auch Universitätspräsident Graham Spanier musste zurücktreten. Das Denkmal des legendären Trainers Paterno, der fast ein halbes Jahrhundert lang Cheftrainer war, wurde am Tag vor der Verhängung der Strafe durch den Verband NCAA vom Campus entfernt.

Louis Freehs Ermittlungen ergaben, dass es eine systematische Vertuschung der Straftaten gab, die Sandusky über 15 Jahre hinweg an Schutzbefohlenen begangen hatte. Er bedrängte und missbrauchte die Jugendlichen in der Dusche, und seine Opfer schwiegen meist aus Angst, sie würden ihre Positionen in der Mannschaftsaufstellung verlieren, wenn sie von den Vorfällen berichteten. Das Ergebnis sei ein „perverses und gewissenloses“ Machtgefüge gewesen, aus dem es für die Opfer kein Entkommen gab, sagte NCAA-Präsident Mark Emmert zur Begründung der Strafe gegen „Penn State“: „Die NCAA kann mit keinem Geld der Welt den Schaden wiedergutmachen, den Jerry Sandusky seinen Opfern zugefügt hat.“

Das Stichwort „Geld“ ist überaus wichtig im Zusammenhang mit dem College-Sport. Allein das Football-Programm von „Penn State“ bescherte der Universität 2011 Einnahmen in Höhe von 72 Millionen Dollar. Die riesigen Stadien und Hallen sind vor allem bei den Playoff-Spielen ausverkauft, Fernsehübertragungsrechte und Fanartikel spülen Millionen in die Kassen. Viele Spitzensportler der Universitätsmannschaften sind bloß pro forma als Studenten immatrikuliert. In Wahrheit sind sie Berufssportler, die sich am College auf eine Karriere in den Profiligen vor allem für Football und Basketball vorbereiten. Die Sportprogramme vieler Universitäten sind riesige Profitmaschinen, die das Vermögen und das Ansehen der Hochschulen mehren. Wie die Großbanken sind sie „too big to fail“ (zu groß um zu scheitern) und damit faktisch unverwundbar. Die erfolgreichsten Trainer haben mehr Macht und Geld als mancher Universitätspräsident. Die Tageszeitung „Washington Post“ schrieb am Dienstag in einem zustimmenden Kommentar zur NCAA-Strafe, die jahrelang ungesühnten Verbrechen an der „Penn State“ seien Ausfluss der an den Universitäten verbreiteten Geisteshaltung „Sports Are King“. Es sei an der Zeit, dass wieder Bildung und Erziehung König an Amerikas Hochschulen werde. Dagegen spricht freilich, dass das Geschäft des College-Sports längst viel zu groß geworden ist, um wegen eines Skandals wie jenem an „Penn State“ im Ganzen zu scheitern oder auch nur zu schrumpfen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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