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Ungarn in der Krise György Konrád: „Mit dem Mut der Verzweiflung“

24.09.2006 ·  Auch in der Nacht zum Sonntag gab es in Budapest wieder Proteste gegen Ministerpräsident Gyurscany. Der Schriftsteller György Konrád spricht in der Sonntagszeitung über Ungarns Unruhen, etatistischen Zauber und revolutionäre Maskeraden.

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Auch in der Naxht zum Sonntag fanden vor dem Parlament in Budapest wieder Demonstrationen statt. Die Protestierenden verlangen den Rücktritt des sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurscany. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht der Schriftsteller György Konrád über Ungarns Unruhen, etatistischen Zauber, revolutionäre Maskeraden und fehlende Konservative.

Herr Konrád, aufregende Zeiten in Budapest. Wie lebt es sich in der Stadt?

Ein wenig wie Paris, als es dort die Krawalle in den Vorstädten gab. Tagsüber sieht man eine Gruppe von Leuten, die in einem Zelt vor dem Parlament kampieren, sonst ist es ruhig. Der Tanz geht erst in der Nacht los.

Video: Abermals Ausschreitungen in Budapest

Was sind das für Leute, die da protestieren?

In der Mehrheit Rechte, Rechtsradikale - man sieht zum Beispiel ungarische Nazi-Flaggen aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine gewisse Rolle spielen auch die Fußball-Hooligans, die sich prügeln und antisemitische Parolen skandieren. Dieser Zug geht nach Auschwitz.

Ist das ein gezielter politischer Protest? Oder war die Rede des Ministerpräsidenten nur ein Anlaß, um auf den Putz zu hauen?

Es war nur ein Anlaß. Dahinter steht aber auch eine Strategie der politischen Rechten, also von Victor Orbán und seiner Partei „Fidesz“. Orbán hat nicht verwunden, daß er die Parlamentswahl verloren hat. Schon seit Mai sagt er, die Regierung müsse gestürzt werden.

Fidesz schürt die Proteste?

Ich glaube schon. Die Partei gibt die ideologische Linie vor - eine Linie, die rechts von „Fidesz“ stehende Gruppierungen anspricht und mobilisiert.

Der Ministerpräsident hat in seiner Rede gesagt, seine Regierung habe das Volk systematisch belogen. Was halten Sie von der Rede?

Sie hat in ihrer Aufgeregtheit und ihrem verzweifelten Ton etwas Großes. Die Opposition wirft ihm Täuschung vor - doch der Witz besteht ja darin, daß da ein Lügner sagt, er will kein Lügner mehr sein. Er möchte Schluß machen mit den Lügen, deren sich die politische Klasse überall auf der Welt bedient. Wann kommt das je vor, daß Politiker Fehler zugeben? Dazu gehört Mut. Es war ein Offenbarungseid. Da sprach ein verzweifelter Mann, und er sprach voller Leidenschaft. So erklärt sich auch die grobe Sprache, die übrigens unter politischen Kadern nicht ungewöhnlich ist.

Was wollte er erreichen?

Vor allem dies: Die Ungarn dürfen nicht weiter ihren Lebensstandard verbessern, indem sie sich in Brüssel bedienen. Bisher haben sich Regierung und Opposition in Versprechungen übertroffen: Steuer- und Preissenkungen, der ganze etatistische Zauber. Es ist hohe Zeit, daß damit Schluß gemacht wird.

Ist die etatistische Erwartung ein altes Erbe?

Ja, aus der sozialistischen Zeit. Es gibt diese Haltung: Man bekommt alles vom Staat und übernimmt selbst keine Verantwortung. Das sitzt in Ungarn deswegen so tief, weil hier der Sozialismus weniger rigide war als anderswo, er war erträglicher. Sie kennen den Spruch von der fröhlichsten Baracke im Sowjetsystem. Viele blicken nicht mit Abscheu und Zorn, sondern verklärend zurück - es war tatsächlich nicht so schlimm. Oppositionsführer Orbán hat im Wahlkampf das Kádár-Regime gelobt. Er hat den damaligen Interventionsstaat verteidigt und gar der Willkürherrschaft Positives abgewonnen.

Kennen Sie Ministerpräsident Gyurcsány persönlich?

Nur oberflächlich, ich habe einmal mit ihm geplaudert. Ich glaube, er ist ein begabter Politiker und endlich einer, der nicht mehr diese furchtbare Politsprache aus der Kádár-Zeit spricht.

Und warum hat der Mann so vulgär dahergeredet?

Nun ja, er sprach ganz am Ende dieser Versammlung vor Mitgliedern der Sozialistischen Partei. Er wollte sie dazu bringen, seinen Reformkurs zu unterstützen, seine Austeritätspolitik zu akzeptieren. Sie können sich vorstellen, wie es da zugegangen ist: Viele haben herumgenörgelt, und insgesamt wollten sie, daß die Reformen möglichst langsam angegangen und verwässert werden. Mit seiner drastischen Sprache wollte Gyurcsány seine Leute aufrütteln, ihnen die ungeschminkte Wahrheit präsentieren.

Wird die Rede kathartische Wirkung haben?

Vielleicht ein wenig - es war ja der seltene Fall einer wirklich aufrichtigen Rede. Aber bitte sehr, Katharsis nicht nur bei den Politikern. Auch die Leute müssen endlich begreifen, daß es im demokratischen Ungarn dieses paternalistische Königtum nicht mehr geben darf, an das sich alle so gewöhnt haben.

Steckt in der gegenwärtigen Krise die sprichwörtliche Chance?

Ja. Es nutzt immer, wenn die Wahrheit auf den Tisch kommt. Es ist aber auch gut, daß die extreme Rechte zeigt, wer sie wirklich ist. Jeder kann jetzt sehen, daß es eine Verbindung zwischen „Fidesz“ und den Randalierern gibt. Wir haben in Ungarn leider keine konservative Partei der Art, wie sie in Westeuropa üblich ist: eine gemäßigte bürgerliche Rechtspartei, die einen klaren Trennstrich zwischen sich und den Rechtsradikalen zieht. In Ungarn gibt es eine latente Allianz zwischen der Mitte und der extremen Rechten - das ganze garniert mit linken Losungen und einer Verklärung des Kádár-Regimes. Ein schreckliches Gemisch.

Antisemiten treten in Ungarn selbstbewußt auf, die extreme Rechte verbirgt sich nicht. Warum?

Nach der Diktatur ist man ins Gegenteil verfallen. Jeder darf nun alles sagen - man ist stolz darauf, daß verbale Entgleisungen nicht verfolgt werden. Daß zu Rechten auch Pflichten gehören, haben wir noch nicht verinnerlicht.

Ist Ungarn ein nationalistisch-enges oder ein weltoffenes Land?

Die Ungarn sind recht weltoffen und nicht chauvinistisch. Es gibt kaum Haß auf Ausländer. Eine Meinungsumfrage hat erbracht, die Ungarn sehen Holland als Vorbild.

Bald wird des 50. Jahrestages des Ungarn-Aufstands gedacht. Spielt die Erinnerung daran bei den gegenwärtigen Unruhen eine Rolle?

Ja. Viele junge Leute hören und lesen zur Zeit sehr viel über die Revolution von 1956. Und da wollen sie nun auch Helden sein. Mit Begeisterung haben einige von ihnen aus dem Gebäude des staatlichen Rundfunks Archivaufnahmen über 1956 gestohlen, die sie nun voller Begeisterung an der Universität zeigen. Das hat etwas Kindliches, da wird etwas nachgespielt.

Da fällt einem Marx' Spruch von der Tragödie ein, die sich als Farce wiederhole.

In der Tat, das ist hier auch schon angemerkt worden. Jede Revolution hat komische, lächerliche Momente, immer werden Klischees einer früheren Revolution bemüht. 1956 berief man sich auf 1848, heute beruft man sich auf 1956.

Blicken Sie optimistisch in Ungarns Zukunft?

Ja. Ungarn ist ein Rechtsstaat und wird es bleiben. Unser Staatshaushalt ist in einer dramatischen Verfassung, wir erfüllen die Brüsseler Kriterien nicht. Aber die Regierung hat das erkannt und ausgesprochen - ein guter Anfang. Gewiß, es gibt Armut und ein großes soziales Gefälle. Aber die Städte sind lebendiger geworden, sie sehen schöner aus, man kann hier leben. Die Leute sind nicht verzweifelt.

György Konrád wurde 1933 in Ostungarn geboren und gehörte während des sozialistischen Regimes zu den Dissidenten des Landes, von 1978 bis 1988 hatte er Publikationsverbot in Ungarn. Neben Romanen veröffentlichte Konrád essayistische Werke, in denen er unter anderem für ein friedliches Mitteleuropa plädierte. Konrád war von 1997 bis 2003 Präsident der Akademie der Künste in Berlin-Brandenburg. 1991 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. György Konrád lebt in Budapest.


Die Fragen stellte Thomas Schmid.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 12
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