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Ungarn Ein „Lynchmord“ und seine Folgen

02.06.2009 ·  Ein Fall von Selbstjustiz durch Zigeuner zog in Ungarn weitere Morde nach sich. Sogar das FBI half bei den Ermittlungen. Drei Jahre nach der Tat sorgt der Richterspruch über Ungarn hinaus für ebenso viel Aufmerksamkeit.

Von Reinhard Olt
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Drei Jahre nach der Tat sorgt ein Richterspruch über Ungarn hinaus für ebenso viel Aufmerksamkeit wie die Tat, welche ihm zugrunde liegt. Wegen der Ermordung eines Autofahrers sind am vergangenen Wochenende vom zuständigen Bezirksgericht gegen Bürger einer nordostungarischen Ortschaft die jeweiligen Höchststrafen verhängt worden. Wiewohl das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, da alle Angeklagten in die Berufung gingen, markiert der erstinstanzliche Schuldspruch vorerst den Abschluss eines Verfahrens wegen Selbstjustiz, begangen von Zigeunern an dem damals 45 Jahre alten Lajos Szögi. Der „Lynchmord von Olaszliszka“, einer Ortschaft von zweitausend Einwohnern im Komitat (Bezirk) Borsod-Abaúj-Zemplén, war Ausgangspunkt für Fälle von zum Teil tödlicher Gewalt und aufschäumendem Rassenhass gegen Roma. Wiewohl die Umstände der Tat eher für „Totschlag“ sprechen, da sie spontan und ohne Vorsatz begangen wurde, ist der Haupttäter zu lebenslanger Haft – in Ungarn 30 Jahre – verurteilt worden, fünf weitere Tatbeteiligte erhielten Zuchthausstrafen von 15, zwei Minderjährige Jugendstrafen von zehn Jahren.

Was war geschehen? Am 15. Oktober 2006 hatte der Geografielehrer Szögi mit seinem Auto in Olaszliszka ein elfjähriges Zigeunermädchen angefahren und dabei leicht verletzt. Als er aus dem Wagen stieg, wurde er von aufgebrachten Roma, die es für tot hielten, vor den Augen seiner beiden im Auto sitzenden Töchter attackiert, mit Schlägen und Fußtritten traktiert und starb noch an Ort und Stelle. Als die Tat ruchbar wurde, von der Vertreter der Roma-Gemeinschaften sagten, dass es sich um eine „kriminelle Angelegenheit“ und nicht um eine „Zigeuner-Sache“ handle, erfasste eine Welle der Empörung Ungarn.

Angriffe überall im Land

Als unmittelbare Reaktion darauf nahm ein angetrunkener Ortsbürger von Olaszliszka drei Roma-Jugendliche im Alter von zwölf, 13 und 14 Jahren in seinem Auto mit, die als Anhalter am Straßenrand standen, gab Vollgas und raste mit dem Ruf „Wir verrecken gemeinsam!“ in eine Betonsäule. Drei Monate nach dem Tod Szögis gab es abermals „Lynchstimmung“ unter Roma. In dem Dorf Tiszanána überfuhr ein Kleinlastwagen einen Radfahrer, der starb. Daraufhin gingen Verwandte und Bekannte des Unfallopfers mit Schaufeln, Steinen und Betonteilen auf die beiden Fahrzeuginsassen sowie auf die von diesen alarmierten Polizisten los.

Die Sicherheitsbehörden spielten den Fall ebenso herunter wie die alsbald einsetzende Gewalt in Form verbaler und tätlicher Angriffe gegen Zigeuner überall im Lande, wo sie mit offiziell 190.000 – jedoch geschätzten 700.000 – Angehörigen die größte Minderheit Ungarns bilden. So erschossen Unbekannte in der 50 Kilometer südöstlich von Budapest gelegenen Ortschaft Tatárszentgyörgy einen 27 Jahr alten Mann und dessen fünfjährigen Sohn, nachdem sie aus ihrem Haus flohen, an dem die Täter zuvor Feuer gelegt hatten; zwei Mädchen wurden verletzt. Und in einer Stadtrandsiedlung von Pécs (Fünfkirchen) warfen zwei Männer Handgranaten in ein Haus und töteten das darin lebende Roma-Ehepaar.

Vor wenigen Tagen erst drang im ostungarischen Abádszalók ein Mann ins Haus einer Roma-Familie ein und fügte dem schlafenden Ehepaar mit Rasierklingen schwere Verletzungen an Hals, Brust und Beinen zu. Er konnte bisher als Einziger gefasst werden, weil ihn aufmerksam gewordene Mitbewohner krankenhausreif prügelten. Umgekehrt wurde der Fall des von einer Zigeunerbande in Veszprém erstochenen Handballers Marian Cozma über die Grenzen Ungarns hinaus bekannt, kaum indes Fälle wahrgenommen, in denen kriminelle Roma ungarische Landsleute überfielen, ausraubten oder verprügelten.

Selbst das FBI half

Insgesamt sind seit den Geschehnissen in Olaszliszka sieben Zigeuner durch Gewalttaten ums Leben gekommen. Obschon die Polizeibehörden eigens eine hundert Mann starke Ermittlungseinheit aufstellte und die amerikanische Bundespolizei FBI auf Ersuchen der ungarischen Regierung Spezialisten entsandte, wurden keine weiteren Täter ermittelt. Roma-Vertreter wollen rassistische Hintergründe sehen, die Polizei ist gesetzlich gehalten, sich von auf Minderheiten bezogenen Bewertungen von Straftaten zurückzuhalten. Weil Albert Pásztor, Polizeichef von Miskolc, Hauptstadt des Komitats Borsod-Abaúj-Zemplén, im Februar dieses Jahres den Begriff „Zigeunerkriminalität“ gebrauchte, wurde er vom vormaligen Ministerpräsidenten Gyurcsány gerügt.

Längst ist das Wort zu einem der Kampfbegriffe in der von unerbittlichen Grabenkämpfen zwischen link(sliberal)er Regierung und nationalkonservativer Opposition bis hin zu Parteien und Gruppierungen der extremen Rechten gekennzeichneten Situation geworden, von der die bisweilen hasserfüllte Atmosphäre innenpolitischer Auseinandersetzungen in Ungarn geprägt ist. Zu dem aggressiven Klima trägt hauptsächlich die von der außerparlamentarischen Jobbik-Partei („Für ein besseres Ungarn“) im August 2007 „zum Selbstschutz“ gegründete „Ungarische Garde“ bei, die in Ortschaften mit starkem Roma-Bevölkerungsanteil wie Tatárszentgyörgy immer wieder aufmarschiert und gegen „Zigeunerkriminalität“ Stimmung macht.

Sie baut auf in der Bevölkerung des Landes latent vorhandene Vorurteile: 30 Prozent der Ungarn bezeichnen einer wissenschaftlichen Studie zufolge „die Kultur der Zigeuner als fremd“; zwei Drittel beanstanden, dass sich die Roma „zu stark vermehren“; drei Viertel werfen ihnen „gesetzwidriges Verhalten“ vor.

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