18.02.2009 · Die pessimistischen Historienmaler wurden eines Besseren belehrt: Die Vision des finnischen UN-Vermittlers Ahtisaari von einem unabhängigen Kosovo hat die Region nicht in blutige Abgründe gestürzt.
Von Michael MartensEinem früheren Botschafter Serbiens in Belgien gaben Freunde die Mahnung mit auf den Weg, er solle darauf achten, nicht eines Tages als Botschafter der Vojvodina in Flandern zu erwachen. Das war zu einer Zeit, als der finnische UN-Vermittler Martti Ahtisaari, damals noch ohne die Weihen des Friedensnobelpreises, die Staatswerdung des Kosovos vorbereitete. Es war die Zeit, als die Serben in Erinnerung an die Abspaltung Montenegros im Jahr 2006 und in Erwartung der nächsten Trennung gern spotteten, Serbien sei wie die berühmte Mobiltelefonmarke aus dem Heimatland Ahtisaaris - jedes neue Modell falle ein wenig kleiner aus. Tatsächlich ist das Modell Serbien 2008, das Ahtisaari-Serbien, kleiner denn je. Verglichen mit den Vorgängerversionen des früheren Chefingenieurs Milosevic, der eher für das Großformat schwärmte, ist es winzig. Aber im Gegensatz dazu ist es äußerst erfolgreich.
Die Historienmaler haben falsch gepinselt
Dabei war mit Katastrophenszenarien ein schwunghafter Handel betrieben worden, bevor das Parlament in Prishtina am 17. Februar 2008 die Unabhängigkeit von Serbien proklamierte. Nicht nur serbische Politiker, auch ausländische Schwarzseher taten sich als Warner und Mahner hervor.
Es hieß, die Welt werde elende Flüchtlingstrecks zu sehen bekommen, Serben und andere Minderheiten, die in Scharen das Kosovo verlassen würden. In Serbien werde eine nationalistische Koalition an die Macht zurückkehren, und bald darauf werde die Region wieder vor den blutigen Abgründen der neunziger Jahre stehen.
Doch die ahnungsvollen Historienmaler haben ein falsches Bild gepinselt. Der partielle Weltuntergang auf dem Balkan fand nicht statt. Alle, die als Folge der Unabhängigkeit des Kosovos eine Stabilisierung der Region vorausgesagt haben, dürfen sich hingegen bestätigt sehen. Sicher, der neue Staat im Südosten wird der EU noch viele Sorgen bereiten. Aber diese Sorgen wären ungleich größer geworden, hätte man das Kosovo bei Serbien belassen.
Die regionalen Folgen der Unabhängigkeit sind erfreulich
Auch in anderen Krisengebieten hat die Loslösung des Kosovos von Serbien keinen Schaden angerichtet. Die Behauptung, der Konflikt zwischen Georgien und Russland sei eine Folge davon, ist zynisch bis dreist. Russland hat im Kaukasus demonstriert, dass es seine Grundsätze zur territorialen Integrität von Staaten, die es im Kosovo hochgehalten hat, sofort über Bord wirft, wenn eine neue Lage dies vorteilhaft erscheinen lässt. Bevor es Serbien im Stich ließ, hat Moskau als Lohn für seinen russischen Bärendienst freilich noch die staatliche serbische Erdölgesellschaft zum Schleuderpreis eingeheimst. Putin und Medwedjew können zufrieden sein.
Durchweg erfreulich sind die regionalen Folgen der Unabhängigkeit des Kosovos. Weder brach ein neuer Balkan-Krieg aus, noch ist Bosnien zerfallen, wie manch ein serbischer Führer vorausgesagt, wohl auch erhofft hatte.
Als Folge der Proklamation von Prishtina hat es nur zwei Todesopfer gegeben: Bei den telegenen Ausschreitungen gegen westliche Botschaften in Belgrad verbrannte ein junger Randalierer in der amerikanischen Vertretung, die andere Krawallmacher zuvor in Brand gesetzt hatten. Das geschah unter den Augen der serbischen Polizei, die von dem damaligen Ministerpräsidenten Kostunica und seinem Innenminister zum Nichtstun angehalten worden war - es wurden schließlich Bilder der Gewalt benötigt, deren unausweichliches Heraufziehen man so lange beschworen hatte.
Außerdem kam im kosovarischen Mitrovica bei Zusammenstößen mit einem von Belgrad in Marsch gesetzten serbischen Mob ein ukrainischer UN-Polizist ums Leben.
2008 war ein erfolgreiches Jahr
Das sind zwei Tote zu viel, gewiss. Aber es sind wenige, gemessen an dem Blutvergießen, das prophezeit worden war und noch vor einem Jahrzehnt tatsächlich geherrscht hatte auf dem Balkan. Dass die Folgen auch im Vergleich mit anderen Krisenregionen harmlos waren, zeigt ein Blick auf den prall gefüllten Veranstaltungskalender des internationalen Blutvergießens im ersten Monat nach der Proklamation von Prishtina: Er verzeichnet in Kamerun, Kenia, Pakistan, Indien, Armenien, China und anderen Gebieten Unruhen mit vielen Todesopfern. Das Amselfeld dagegen ist nicht länger ein Krisenherd erster Ordnung.
Die besten Resultate erbrachte Ahtisaaris Notoperation in Serbien selbst. Wenn serbische Historiker eines Tages die erste Dekade nach dem Sturz Milosevics bewerten, dürfte dem Jahr 2008 ihre besondere Aufmerksamkeit gelten - denn für Serbien war das Jahr, in dem es das 1912 eroberte Amselfeld wieder verlor, das erfolgreichste seiner jüngsten Geschichte.
Es war das Jahr, in dem Milosevics nationalistischer Nachfolger Kostunica abgewählt und bald darauf der zuvor angeblich unauffindbare ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic in Belgrad verhaftet und an das Haager Tribunal überstellt wurde. Es war auch das Jahr, in dem die Serbische Radikale Partei des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Seselj sich spaltete, weil ihr der Griff nach der Macht misslang. Es war das Jahr, in welchem Martti Ahtisaari den Serben die Last ihrer Vergangenheit erleichterte, indem er die Grundlagen für ein unabhängiges Kosovo schuf.
Plumpe Agitation
Hans Meier (HansMeier555)
- 18.02.2009, 23:26 Uhr
@Herr Maier
Jus Sh (Jusufish)
- 19.02.2009, 01:14 Uhr
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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