17.07.2006 · Die israelische Regierung lehnt eine UN-Truppe für den Libanon ab und will das Bombardement erst einstellen, wenn die Hizbullah ausgeschaltet ist. Die bisherigen Aktionen haben die Terrortruppe aber kaum geschwächt.
Von Hans-Christian Rößler, JerusalemSelten fühlt sich die israelische Regierung im Ausland wirklich verstanden. Doch dieses Mal war Außenministerin Livni sichtlich angetan. „Israel stimmt mit der Position der internationalen Gemeinschaft überein, die die Verantwortung für den Konflikt extremistischen Elementen gibt“, sagte sie über die Nahost-Erklärung des G-8-Gipfeltreffens.
Auch die israelische Führung sei der Ansicht, daß sich der Libanon-Konflikt nur beilegen läßt, wenn die beiden entführten Soldaten freikommen, die Raketenangriffe aufhören und die UN-Resolution 1559 endlich Wirklichkeit wird. Wohltuend empfindet man in Jerusalem, daß die G8 die Terroraktionen der Hizbullah eindeutig als Ursache der jüngsten Eskalation benennen.
G-8-Mitglieder wollen internationale Truppe
Doch als Grundlage für ein schnelles Ende der Gewalt reichen auch diese neuen Gemeinsamkeiten nicht. Denn die G-8-Mitglieder wollen am liebsten, daß im Südlibanon eine internationale Truppe unter UN-Führung für Frieden sorgt: Das sei der einzige Weg, um die Bombenangriffe auf Israel zu stoppen, bekräftigten am Montag der britische Premierminister Blair und UN-Generalsekretär Annan.
Aus Jerusalem kommt dazu ein klares Nein. Zwar hatten am Sonntag israelische Diplomaten eine internationale Schutztruppe nicht ganz ausgeschlossen. Aus dem Büro von Ministerpräsident Olmert hieß es aber schon kurz darauf, einem solchen Plan werde Israel nie zustimmen. Und Verteidigungsminister Peretz stellte klar, daß im Südlibanon nur die libanesische Armee für Sicherheit zu sorgen habe - vorher müsse aber die Fähigkeit der Hizbullah, Israel anzugreifen, „ausgelöscht“ werden.
Bisherige Aktionen haben Hizbullah kaum geschwächt
In Israel scheinen es Regierung und Armee auch nicht eilig damit zu haben, die Intervention im Libanon zu beenden. „Wir haben den Höhepunkt noch nicht erreicht“, lautete am Montag zum Beispiel eine Überschrift der Zeitung „Haaretz“. Zwei Wochen werden die Streitkräfte nach Einschätzung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Mofaz noch brauchen, um die Hizbullah endgültig zu schwächen. Militärs warnen davor, daß eine internationale Truppe es der israelischen Armee schwermachen könnte, auf Angriffe aus dem Libanon zu reagieren. Ziel sei es jetzt, alles dafür zu tun, damit von der Hizbullah keine Gefahr mehr für Israel ausgehe.
Dabei bleibt für Armee und Luftwaffe noch einiges zu tun. In israelischen Medienberichten war am Montag einhellig die Rede davon, daß die bisherigen Aktionen die Hizbullah nur um ein Viertel ihrer Angriffsfähigkeit gebracht hätten. Rund eineinhalbtausend Raketen hatte die Miliz bis Montag auf Ziele in Israel abgefeuert - aus einem Arsenal von schätzungsweise weit mehr als 10.000, zu dem auch Langstreckenraketen gehören sollen.
Hizbullah-Führer im Süden Beiruts vermutet
Die israelischen Streitkräfte versuchen deshalb, Waffenbunker und Abschußrampen zu zerstören. Zugleich ebnen sie einen etwa einen Kilometer breiten Pufferstreifen jenseits der libanesischen Grenze ein. Er soll der Hizbullah die Möglichkeit für Aktionen wie die Entführung der beiden Soldaten am Mittwoch nehmen.
Mit gezielten Luftangriffen bemüht sich das Militär gleichzeitig, Hizbullah-Führer zu töten, von denen sie die meisten in Bunkern im Süden Beiruts vermutet. Die Zeitung „Maariv“ meldete am Montag, die amerikanische Regierung unterstütze israelische Pläne, Hizbullah-Führer Nasrallah zu ermorden, um der von ihm geführten Organisation den letzten Stoß zu versetzen.
Teheran prüft die Option einer Eskalation
Den ausländischen Politikern wie dem französischen Premierminister Villepin und der UN-Delegation, die sich jetzt in die Region aufmachten, wird es daher schwerfallen, beide Seiten von einer Waffenruhe zu überzeugen. Denn auch die Hizbullah ist weit davon entfernt, ihre Raketenangriffe einzustellen. Einer ihrer Sprecher machte am Montag zur Bedingung, daß Israel erst seine „Aggression“ beenden müsse, bevor die Organisation über die G-8-Vorschläge verhandeln werde.
Über die Zukunft des Konflikts bestimmen jedoch im Augenblick nicht die beiden Konfliktparteien alleine. „Die nächsten beiden Tage sind entscheidend. Viel hängt davon ab, ob Teheran sich entschließt, die Gelegenheit zu nutzen und der Hizbullah zu erlauben, Langstreckenraketen mit noch stärkerer Sprengkraft als bisher einzusetzen“, erwartet der israelische Militärfachmann Zeev Schiff. In Israel vermutet man, daß diese Geschosse aus Iran längst in den Händen der Hizbullah sind.
Doch nicht nur scheint Teheran die Option einer Eskalation zu prüfen; Terroristen haben sich anscheinend schon dazu entschlossen. Wohl in letzter Minute konnten israelische Sicherheitskräfte am Montag in der Nähe des Jerusalemer Rathauses einen Bombenanschlag eines 25 Jahre alten Palästinensers verhindern.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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