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UN-Abzug aus Osttimor Abschied mit einem guten Gefühl

 ·  Der Einsatz der Vereinten Nationen in Osttimor geht zu Ende. Von 2013 an muss das Land alleine zurechtkommen. Die Voraussetzungen scheinen günstig. Vor allem sind die UN stolz darauf, endlich einmal einen Einsatz als vollen Erfolg werten zu können.

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© AFP Erinnerungsfoto:Polizisten der Vereinten Nationen vor ihrer Abreise aus Osttimor

Die Präsenz der Vereinten Nationen in der osttimoresischen Hauptstadt Dili ist derzeit noch unübersehbar. Schon am Flughafen Presidente Nicolau Lobato streift der Blick drei weiße Hubschrauber und ein Kleinflugzeug am Rand des Rollfelds, an deren Seiten groß und schwarz die Buchstaben „UN“ prangen. Ebenso sind viele der Geländewagen bemalt, die durch die Stadt fahren. Zur Mittagszeit parken ein paar von ihnen vor den westlich angehauchten Restaurants, deren offene Speisesäle mit Meeresblick die Besucher anziehen.

Doch so, wie die Zeichen des langjährigen Friedenseinsatzes der Vereinten Nationen offenkundig sind, so häufen sich auch die Zeichen des Abschieds. Denn die Osttimor-Mission ist eine der wenigen der Vereinten Nationen, die von den Vertretern in Dili und den Entscheidern im Sicherheitsrat als voller Erfolg gewertet werden. Und so kommt es, dass am Flughafen auch immer mehr UN-Einsatzkräfte ihren einheimischen Kollegen die Hände schütteln und ihnen alles Gute wünschen.

Es war ein langer Weg bis hierhin. Osttimor war mehr als vierhundert Jahre lang eine portugiesische Kolonie. Diese Geschichte hat in der Sprache, der Religion (90 Prozent Katholiken) und dem Selbstverständnis der Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Aus diesem Grund unterscheidet sich der Ostteil auch stark von dem Westteil der Insel, der einst von den Niederlanden kolonisiert worden war und heute noch zu Indonesien gehört. Nach dem Ende der portugiesischen Diktatur im Jahr 1974 wurden die Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen.

Das Tor zur Souveränität

Auch für Osttimor folgte eine sehr kurze Periode der Eigenständigkeit. Nur neun Tage nach ihrer Proklamation marschierten indonesische Truppen ein und machten Osttimor zur 27. Provinz Indonesiens. Es folgte ein 24 Jahre währender, erbitterter Kampf zwischen indonesischen Militärs und osttimoresischen Guerrilla-Truppen. Bis zu 200.000 Menschen starben bei Hinrichtungen, durch Folter, an Unterernährung und den Folgen von Vertreibungen. Menschenrechte wurden systematisch verletzt.

Erst als im Jahr 1998 in Indonesien Präsident Suharto stürzte, öffnete sich für Osttimor das Tor zur Souveränität. Die Bevölkerung hatte sich in einem Referendum für Unabhängigkeit ausgesprochen. Doch proindonesische Milizen sowie das indonesische Militär reagierten mit einem brutalen Rachefeldzug und zerstörten fast die gesamte Infrastruktur des Landes. Die Vereinten Nationen schickten schon damals erstmals Friedenstruppen nach Osttimor. Das Land kam unter ihre Verwaltung. Vor zehn Jahren wurde es dann endlich formal unabhängig. Doch im Jahr 2006 kam es wieder zu schweren Unruhen, die mit der Entlassung von Soldaten und Auseinandersetzungen zwischen Militär und Polizei begonnen hatten und in Straßenkämpfen rivalisierender Banden gipfelten. Mehr als 100.000 Menschen flüchteten. Die Rivalität zwischen dem ersten Präsidenten Xanana Gusmão und dem damaligen Ministerpräsidenten Alkatiri dürfte eine Rolle gespielt haben. Wieder musste eine internationale Stabilisierungstruppe (ISF) für Ruhe sorgen.

Es war der Beginn der Integrierten Mission der Vereinten Nationen in Osttimor (Unmit), die dem Land endgültigen Frieden bringen sollte. Doch schon 2008 gab es einen neuen Rückschlag. Koordinierte Anschläge auf das Leben von Regierungschef Gusmão und den damaligen Präsidenten José Ramos-Horta erschütterten das Land. Die Friedensmission der Vereinten Nationen blieb einige weitere Jahre in Osttimor. Erst seit März 2011 hat nun die nationale Polizei PNTL ihre Aufgaben wieder übernommen, bis zum 31. Dezember dieses Jahres werden Unmit und die internationalen Truppen abgezogen. Aufbruchsstimmung herrscht deshalb nicht nur in dem jüngsten Land Asiens insgesamt, sondern insbesondere im Hauptquartier der UN-Mission in Dili. Die Gebäude heißen „Obrigado Baracks“, „obrigado“ wie „danke“ auf Portugiesisch und der zweiten Landessprache Tetum. Eine Halle, in der bis vor kurzem Wachsoldaten untergebracht waren, steht schon leer. Auf einem Rasenstück bereiten Köche gerade einen Grillabend vor. Denn nur wenige Mitarbeiter werden bis zum 31. Dezember bleiben.

Guerrilla-Veteran als Präsident

Einer von ihnen ist der Leiter der Friedensmission, der Däne Finn Reske-Nielsen. Er sagt, er sei nicht froh zu gehen, aber froh, mit einer erfolgreichen Friedensmission gearbeitet zu haben. „Das ist gut und ja, es passiert nicht allzu oft“, sagt Reske-Nielsen in seinem Büro. Schon Mitte des Monats sollten nur noch 150 bis 200 der ehemals 3000 Mitarbeiter übrig sein. Ein großer Teil der Ausrüstung werde an die Regierung von Osttimor übergeben, sofern es keinen Bedarf bei anderen Friedensmissionen dafür gebe, sagt Reske-Nielsen. Ein kompletter und funktionstüchtiger Operationssaal aus dem missionseigenen Krankenhaus sowie ein Feuerwehrauto seien schon von Kollegen für sich reklamiert worden.

Denn unter den 15 aktuellen Friedensmissionen weltweit mangelt es nicht an problematischen und langwierigen Einsätzen. Da ist Osttimor ein positives Gegenbeispiel. Die letzten zwei Monate können dabei als besonderer Testlauf für die Stabilität in dem kleinen südostasiatischen Inselstaat gesehen werden. Die Osttimorer feierten nicht nur zehn Jahre Unabhängigkeit, sie hielten auch erstmals seit 2007 Präsidentschaftswahlen und Parlamentswahlen ab.

„Natürlich wollten alle erst einmal sehen, wie das abläuft“, sagt Reske-Nielsen in seinem Büro. „Wie erwartet, liefen die Wahlen gut, ich denke, sogar besser als erwartet, wenn man bedenkt, dass die timoresische Polizei schon den Polizeidienst übernommen hatte“, so der Unmit-Chef. Neuer Präsident Osttimors ist seither der Guerrilla-Veteran José Maria Vasconcelos, besser bekannt unter seinem Kampfnamen Taur Matan Ruak („Zwei scharfe Augen“). Regierungschef blieb Xanana Gusmão. Die Wahlbeteiligung war hoch. Für die Zukunft sei deshalb Gutes zu erwarten, sagt Reske-Nielsen. Es gebe eine funktionierende politische Führung sowie eine starke Opposition, die Institutionen seien gefestigt, und sogar die Verbrechensrate sinke. Ein neuer Gewaltausbruch wie im Jahr 2006 sei unwahrscheinlich. Im September schrieb Ministerpräsident Gusmão einen Brief an die Vereinten Nationen, worin er um die Beendigung des Einsatzes bat. Der Sicherheitsrat hat daraufhin das Mandat im November nicht noch einmal verlängert.

Sehnsucht nach politischer Stabilität

Einer der wichtigsten Schritte ist es nun, in dem armen Land eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu sichern. Derzeit wächst das Bruttoinlandsprodukt jährlich etwa um zehn Prozent. Osttimor verfügt über reiche Ölvorkommen, deren Erlöse derzeit vor allem in den Aufbau der Infrastruktur gesteckt werden. Es gibt Symbole der Modernisierung, wie Dilis erstes Kaufhaus „Timor Plaza“. Die Zeltstädte vor den Toren der Hauptstadt sind weitgehend verschwunden. Doch zeigt sich vor allem auch im wirtschaftlichen Bereich, was das Land noch alles vor sich hat. Osttimor ist halb so groß wie Belgien und hat nicht einmal 1,2 Millionen Einwohner. Vieles sieht noch nach klassischer „Dritter Welt“ aus: Kinderreichtum in den Familien, löchrige Straßen, Häuser, die kaum mehr als Wellblechhütten sind. Auf den Straßen Dilis verkaufen Händler Fisch, den sie mangels Auslagen in die Bäume gehängt haben, Kinder schubsen aufgeblasene Reifen mit Stöcken über den Boden. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung lebt den Vereinten Nationen zufolge unter der Armutsgrenze.

Eine der Herausforderungen für das Land sei es deshalb, die Einnahmen aus den Rohstoffverkäufen so einzusetzen, dass sie gleichmäßig verteilt würden und auch Arbeitsplätze in anderen Industrien förderten, sagt Finn Reske-Nielsen. Außerdem seien viele der Meinung, dass die Korruption stark zugenommen habe. Auch in der Polizei gebe es noch einige Probleme. Doch nach Ansicht von Beobachtern gibt es nach Jahrzehnten des Kampfes, der Vertreibung und der Konflikte rivalisierender politischer Fraktionen eine verbreitete Sehnsucht nach politischer Stabilität. Vom kommenden Jahr an muss sich Asiens jüngstes Land darum aber ganz alleine kümmern. Wie es heißt, sollen nur einige Entwicklungsprogramme der Vereinten Nationen fortgeführt werden.

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Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

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