02.06.2007 · Die libanesische Armee rückt auf das seit zwei Wochen umkämpfte Flüchtlingslager Nahr al Bared vor. Doch dort sind die gemäßigten Palästinensergruppen noch immer uneins darüber, wie sie den Kämpfern der radikalen Fatah al Islam begegnen sollen.
Von Markus Bickel, BeirutAbbas Zaki ist sichtlich nervös. Der Repräsentant der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im Libanon sitzt unter einem Bild von Jassir Arafat, im in die Wand gegenüber eingelassenen Fernseher überträgt der Sender Al Arabija live den heftigen Artilleriebeschuss des nordlibanesischen Palästinenserlagers Nahr al Bared. „Verbinde mich mit dem Verteidigungsminister!“, ruft Zaki in den Hörer eines der beiden Telefone, die auf dem Tischchen neben seinem Sessel plaziert sind.
Knapp zwei Wochen nach Beginn der Kämpfe zwischen libanesischen Soldaten und der islamistischen Fatah al Islam lässt der 65 Jahre alte Fatah-Funktionär keinen Zweifel an der Loyalität der PLO zum libanesischen Staat und seinen Streitkräften aufkommen. „Ja, wir würden die Armee auch militärisch unterstützen“, sagt Zaki. „Wir sind uns eins im Ziel, den Terrorismus zu bekämpfen – in jeder Form.“ Schon in diesen Stunden, in denen die Armee sich anscheinend auf das Einrücken in das Lager Nahr al Bared rüstet, in dem vor den Kämpfen 30.000 Menschen lebten, stünden Fatah-Kämpfer Seite an Seite mit den libanesischen Truppen.
„Die Leute bleiben nicht aus Sympathie“
An eine politische Lösung des Konflikts glaube er nicht mehr, sagt Zaki. Äußerungen von Fatah-al-Islam-Sprechern, die den Verbleib Tausender Palästinenser in dem Lager als Solidarität für die erst im November vergangenen Jahres entstandene Organisation werten, weist Zaki entschieden zurück: „Die Leute bleiben dort nicht aus Sympathie für die Fatah al Islam, sondern weil sie nicht noch ein zweites Mal vertrieben werden wollen.“
Tags zuvor war Zaki im nordlibanesischen Palästinenserlager Baddawi, wo inzwischen etwa 20.000 Flüchtlinge aus Nahr al Bared Unterschlupf gefunden haben, mit Vertretern der Hamas und anderer Palästinenserfraktionen zusammen gekommen. Doch das Treffen mit dem Ziel, einen gemeinsamen Standpunkt zu finden, um die Kämpfer der Fatah al Islam zum Einlenken zu bewegen, scheiterte.
Der Hamas-Vertreter für politische Angelegenheiten im Libanon, Ali Baraka, ist davon überzeugt, dass nur eine politische, keine militärische Lösung einen Ausweg aus der Krise weise. „Wir arbeiten weiter an der Herstellung eines Waffenstillstandes“, sagt er im Büro der wichtigsten religiösen Palästinenserpartei in Baddawi.
„Seltsames Phänomen“
Auch wenn die vom früheren Fatah-Offizier Shaker al Absi geführte Fatah al Islam ihr vermeintlich religiöses Anliegen im Titel trägt, bezeichnet Hamas-Funktionär Baraka die auf rund 200 Mann geschätzte Truppe als „seltsames Phänomen“. Doch während der PLO-Repräsentant im Libanon, Zaki, die Ziele und das Vorgehen der Organisation deutlich als „schädlich“ und dem Anliegen aller Muslime zuwiderlaufend verurteilt, will Baraka nicht weiter auf den Charakter der mehrheitlich aus nichtlibanesischen und nichtpalästinensischen Mitgliedern zusammengesetzten Fatah al Islam eingehen. Auch Hassan Nasrallah, der Generalsekretär des wichtigsten Hamas-Verbündeten unter den libanesischen Parteien, der Hizbullah, hat sich zwar kritisch über die Organisation geäußert, mit deutlicheren Worten aber vor einem Eindringen der Armee in das Palästinenserlager Nahr al Bared gewarnt.
Am Freitagnachmittag aber deutete alles darauf hin, dass libanesische Truppen zum ersten Mal seit dem Abkommen von Kairo 1969 in eines der zwölf Palästinenserlager einmarschieren wollten, die sie seitdem nicht betreten durften. (Siehe dazu: Heftige Gefechte im libanesischen Lager Nahr al Bared) Ob neben der Fatah al Islam andere palästinensische Milizen versuchen würden, das militärisch zu verhindern, will Zaki heute noch nicht sagen. „Wenn die Kämpfe vorbei sind, werden wir mehr wissen.“ Libanesische Zeitungen hatten am Donnerstag berichtet, Kämpfer der prosyrischen „Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando“ (PFLP – GC) hätten sich auf die Seite der Fatah al Islam geschlagen.