10.01.2010 · Die Anstalt, in der in Saudi-Arabien reuige Dschihadisten ihre Umerziehung genießen, ist alles andere als ein Gefängnis. Der politische Gehorsam der ehemaligen Al-Qaida-Aktivisten wird erkauft. Nach der Entlassung ist deren Familie in der Pflicht.
Von Rainer HermannEinem saudischen Dschihadisten, der aus dem Lager Guantánamo Bay in seine Heimat abgeschoben wird, muss das Rehabilitationszentrum Hayar wie ein nettes Internat vorkommen – vielleicht sogar wie ein Urlaubsort. Es liegt eine Stunde außerhalb der Hauptstadt Riad und war einmal ein Gefängnis. Das ist schon lange her. 2003 ließ das Innenministerium Hayar in eine offene Anstalt umbauen. Seither wurden dort mehr als dreitausend islamistische Extremisten umerzogen. Unter ihnen befanden sich Rückkehrer aus Guantánamo Bay und Saudis, die sich im Irak Al Qaida angeschlossen hatten. Einige hatten noch keine Verbrechen begangen, andere hatten ihre Strafe schon abgesessen. Die Insassen können schwimmen, Fußball und Tennis spielen. Hoch im Kurs stehen Videospiele, und im großen Speisesaal schöpfen sie untereinander plaudernd aus einer großen Platte Reis und Hammelfleisch. Malen ist Teil der Therapie, der Sport ist es auch. Denn am Verhalten im Sport wollen die Therapeuten erkennen, ob ein Insasse seine Neigung zur Aggressivität abbaut und damit der Tag seiner Entlassung näherrückt.
Viele Rehabilitierungsprogramme für Dschihadisten in anderen Ländern konzentrieren sich allein auf die religiöse Umerziehung. Im Jemen ist das gescheitert. Dort hatte Hamud al Hitar, angesehener Religionsgelehrter und Richter am Obersten Gerichtshof, im Herbst 2002 ein „Dialogprogramm“ begonnen. Islamistische Gefangene wurden freigelassen, wenn sie am Programm teilgenommen hatten. Die Sicherheitskräfte hatten mehrere tausend Kämpfer und Sympathisanten von Al Qaida festgenommen, die Gefängnisse waren überfüllt. Mit dem Programm wollte sich die Regierung den Respekt zunutze machen, der den Religionsgelehrten entgegengebracht wird. Der „Dialog“ zwischen ihnen und den Extremisten schlief 2005 ein, als sich herausgestellt hatte, dass sich viele der Entlassenen dem „Dschihad“ im Irak angeschlossen hatten.
Mit einem dicken Briefumschlag in die Freiheit
Saudi-Arabien hatte von Beginn an ein Konzept entwickelt, das über die bloße religiöse und ideologische Umerziehung hinausgeht. Nicht zu offensichtlich soll sie im Mittelpunkt stehen. Hundertfünfzig Theologen sind aber in Hayar tätig, die mit den Insassen den Koran lesen und ihn auslegen. Sie hören sich erst an, was die Insassen zu einer ausgewählten Sure sagen. Dann erläutern sie ihnen anhand des Textes, dass der Islam den Gehorsam gegenüber dem legitimen Herrscher vorschreibe und dass Gewaltanwendung eines Einzelnen Sünde sei. Parallel bringen Psychologen ihren Patienten bei, ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten und auf Gewalt zu verzichten.
Eine entscheidende Rolle kommt den Familien zu. Sie werden in den Prozess der Umerziehung eingebunden und sollen verhindern, dass der Patient der Umerziehungsklinik rückfällig wird. Die Familie übernimmt dafür die Verantwortung, nicht der Staat. Jederzeit können Familienangehörige ihr schwarzes Schaf sehen, und vor seiner Entlassung darf dieses auch die Familie besuchen. Frauen sagen ihren Männern, nun beginne ein neues Leben für sie. Bei der Entlassung verpflichten sich das Familienoberhaupt und der reuige Extremist, dass sie gemeinsam dafür sorgen, dass der Entlassene nicht rückfällig werde.
Mit in die Freiheit nimmt er einen dicken Briefumschlag mit umgerechnet mehreren zehntausend Euro. Er soll sich neu einrichten, ein Auto kaufen und eventuell heiraten können. Der politische Gehorsam wird erkauft. Der liberale Intellektuelle Chaled al Maeena, Herausgeber der englischsprachigen Tageszeitung „Arab News“, verteidigt dieses Vorgehen. Die saudische Gesellschaft sei patriarchalisch, sagt er. Anders als im Westen sei das Verhältnis von Staat und Bürger. Begehe der Sohn einen Fehler, vergebe ihm der Vater. Nichts anderes geschehe, wenn König Abdullah die Dschihadisten begnadige.
Teil des Rehabilitierungsprogramms ist daher meist auch eine private Audienz bei Prinz Muhammad Bin Nayef Bin Abdalaziz Al Saud, dem stellvertretenden Innenminister, der den saudischen Kampf gegen den Terror und Al Qaida anführt. Die verlorenen Söhne des Königreichs sollen das Gefühl haben, dass sich die königliche Familie um sie sorge und kümmere. Fügen sie sich aber nicht, geht der Staat mit großer Härte vor, und Prinz Muhammad lässt sich dabei auch nicht durch die Kritik von Menschenrechtsorganisationen beeindrucken. Nur ein paar Dutzend der 3000 Teilnehmer des Programm sind nach ihrer Entlassung wegen verschiedener Delikte wieder verhaftet worden, und vielleicht ein Dutzend schloss sich abermals dem bewaffneten Dschihad an.
Vergnügen und religiöse Unterweisung
Auch nach ihrer Entlassung werden die Entlassenen überwacht, von der Familie und von den Sicherheitsdiensten. Sie haben auch die Internetforen der Dschihadisten genau im Blick. Zudem hat die neue Abteilung des Innenministeriums für „Ideologische Sicherheit“ gemeinsam mit dem Ministerium für islamische Angelegenheiten Sommerlager für Jugendliche eingerichtet, die sich großer Nachfrage erfreuen. Sie bieten Vergnügen – eine seltene Ware in Saudi-Arabien – und religiöse Unterweisung.
Dass die Umerziehung nicht immer fruchtet, zeigt der Fall Saeed al Shihri, der 2007 aus Guantánamo Bay nach Saudi-Arabien abgeschoben wurde. Nach seiner Entlassung aus der offenen Anstalt von Hayar setzte er sich in den Jemen ab, wo er der zweite Mann von Al Qaida wurde. Aus dem Jemen reiste im vergangenen September der Saudi Abdullah al Asiri ein. Der gesuchte Al-Qaida-Terrorist ließ Prinz Muhammad wissen, er, Asiri, habe dem Terrorismus abgeschworen. Der Prinz ließ ihn mit seinem Privatflugzeug nach Dschidda kommen, wo er als Geste auf eine Leibesvisitation des Gastes verzichtete. Der trug einen Sprengsatz an seinem Körper, tötete bei dem Anschlag jedoch nur sich selbst.
Ahmad al Shaya ist hingegen einer der Vorzeigebekehrten. 2003 reiste er, gerade 19 Jahre alt, in den Irak. Zwei Jahre später gaben ihm die Chefs seiner Zelle den Auftrag, mit einem Öllastwagen in den Bagdader Stadtteil Mansour zu fahren und sich in die Luft zu jagen. Neun Menschen wurden getötet, Ahmad al Shaya überlebte wie durch ein Wunder mit schweren Verbrennungen. Im Rehabilitationszentrum Hayar änderte er sein Denken. Heute will er nicht mehr für eine gerechte Sache gekämpft haben: „Ich war lediglich ein Instrument des Todes.“
Der Islam ist eindeutig der Feind der Demokratie!
pauline mohr (paulinemohr)
- 07.01.2010, 20:50 Uhr
@pauline mohr
Alexander Erbert (student85)
- 08.01.2010, 09:02 Uhr
@P. Mohr
Christoph Mauntel (mauntel)
- 08.01.2010, 09:54 Uhr
Der Islam - eine Haßreligion?
Karsten Bender (Kasmo)
- 08.01.2010, 11:25 Uhr
Weg vom Sowjetfeind, hin zum Islamisten
Alexander Erbert (student85)
- 08.01.2010, 13:18 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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