Zwei Städte sind die Pole der Ukraine: im Westen die teils altösterreichisch, teils polnisch geprägte Provinzhauptstadt Lemberg (Lwiw), im Osten die Musterstadt der sowjetischen Industrialisierung, Donezk, mit ihren rußigen Fördertürmen und Hochöfen. Zwischen diesen beiden Städten, zwischen ihrer Geschichte und Mentalität, spannt sich die Ukraine.
Schon ihr Aussehen ist so unterschiedlich wie nur möglich. Lemberg, wo die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Samstag ihr erstes Spiel bei der Europameisterschaft 2012 austragen wird, ist ein mitteleuropäisches Schatzkästlein aus Renaissance und Jugendstil, samt Kopfsteinpflaster, Kaffeeduft und Kirchenläuten. Donezk dagegen, zwanzig Autostunden weiter östlich im Übergangsgebiet zur südrussischen Steppe gelegen, präsentiert sich als industrielle Mondlandschaft aus Abraumhalden und Plattenbaublocks. Lemberg spricht Ukrainisch, Donezk Russisch. Lemberg ist über Generationen von Wien und Warschau aus regiert worden, Donezk blickte immer nach Moskau. Lemberg ist stolz auf seine Tradition des antisowjetischen Widerstands und hat dem Untergrund-Befehlshaber Stepan Bandera ein monumentales Denkmal errichtet, während in Donezks Mitte wie eh und je Wladimir Iljitsch Lenin prangt.
Scheinbare Parität
Auch der politische Gegensatz, der die Ukraine heute spaltet, lässt sich an Lemberg und Donezk ablesen. Donezk im Osten ist die Hochburg der ukrainischen Oligarchen, jener mächtigen postsowjetischen Konzernbarone, welche die blutigen Bandenkriege der neunziger Jahre überlebt haben und unter der informellen Führung des Milliardärs Rinat Achmetow den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch in seine Position gehoben haben. Heute ist der „Donezker Clan“ dabei, durch Schauprozesse und Strafurteile die europäisch gesinnte Opposition auszuschalten. Lemberg dagegen war schon in der „Revolution in Orange“, welche Präsident Janukowitsch im Jahr 2004 nach einer besonders krass gefälschten Wahl vorübergehend vertrieb, eine Hochburg der ukrainischen Demokratiebewegung. Westlich orientierte Politiker wie die heute inhaftierte Ministerpräsidentin Julija Timoschenko haben hier ihre Wähler, und wenn irgendwo im Land gegen das Regime demonstriert wird, sind die Busse aus Lemberg nie weit.
Seit aber Janukowitsch 2010 wiedergekehrt ist und die Führung der Opposition ins Gefängnis gebracht hat, ist Lemberg und mit ihm der mitteleuropäisch geprägte Westen der Ukraine ins Hintertreffen geraten. Besonders klar wird das bei den Vorbereitungen zur Europameisterschaft mit ihren beiden Gastgeberländern Ukraine und Polen. Zwar gehören (neben Kiew und Charkiw) sowohl Lemberg als auch Donezk zu den vier ukrainischen Spielorten, aber wer dieser Tage in Lemberg landet, kann sofort feststellen, dass diese Parität nur scheinbar ist.
Auf den Kipplastern und Baggern der Baustellen drängt sich immer wieder der Schriftzug „Altkom“ ins Bild - der Name eines geheimnisvollen Firmenkonglomerats, das bei der Vorbereitung zur Europameisterschaft wie kein anderes mit Aufträgen bedient worden ist und einen gewaltigen Teil der 10,2 Milliarden Euro auf seine Konten leiten konnte, welche in der Ukraine nach einer Rechnung der Raiffeisenbank für das Turnier ausgegeben worden sind. Natürlich ist Altkom dort beheimatet, wo Präsident Janukowitsch und sein Clan ihre Wurzeln haben: im Gebiet Donezk. In Lemberg haben Unternehmen dieser Gruppe große Anteile am Bau des neuen Stadions, an der Erneuerung des Flughafens und im Straßenbau gewonnen.
„Umfangreiche Gelegenheiten für Korruption und Betrug“
Die Erfolgsgeschichte der Donezker Region nach Vergabe der Europameisterschaft begann am 8. Juli 2010, kurz nach der Wiederkehr Janukowitschs. An diesem Tag beschloss das vom Präsidenten dominierte Parlament in Kiew, für die EM die bis dahin gültige Verpflichtung zu transparenten Ausschreibungen aufzuheben. Großaufträge für Stadien, Flughäfen, Straßen können seither vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Boris Kolesnikow (einem Liebhaber von Autos der Marke Bentley und Vertrauten des Donezker Oligarchenfürsten Achmetow) freihändig vergeben werden.
Die Folgen dieses Ermächtigungsgesetzes sind zwiespältig. Einerseits hat die Ukraine nach 2010 einen wahren Bauboom erlebt. Vier Flughäfen sind ganz oder teilweise erneuert worden, zwei Stadien (Kiew und Charkiw) wurden von Grund auf modernisiert, das in Lemberg vollständig neu gebaut. Sogar der Oppositionsabgeordnete Ostap Semerak, der aus Lemberg stammt und ihren „westlichen“ Traditionen verbunden ist, gibt zu, dass die Stadt heute „wahrscheinlich die besten Straßen ihrer Geschichte“ hat.
Andererseits haben die freihändigen Aufträge aus Kiew einigen wenigen - wem genau, ist unklar - üppige Beute eingebracht. Die ukrainische Presse ist voll von Berichten über neue Bänke in Charkiwer U-Bahn-Stationen, die so viel kosten wie ein Kleinwagen, oder über mobile Toilettenhäuschen in Donezk für je fünfzigtausend Dollar. Eine Untersuchung der Raiffeisen Research GmbH stellt denn auch fest, die Kiewer „Olympijski“-Arena sei mit 3,6 Milliarden Euro Gesamtkosten „eines der teuersten Stadien der letzten Jahrzehnte weltweit“ geworden. Das Turnier habe „umfangreiche Gelegenheiten für Korruption und Betrug“ geschaffen, viele Objekte seien vermutlich „substantiell überbezahlt“ worden. Ostap Semerak, der Lemberger Abgeordnete, der schon in seiner Studentenzeit zur antisowjetischen Opposition gehört hat, ist deshalb überzeugt, die Vorbereitung der Meisterschaft sei insgesamt einer der „größten Korruptionsskandale“ der unabhängigen Ukraine geworden. Dreißig bis vierzig Prozent des Geldes, das der Staat für das Turnier ausgegeben habe, sind nach seiner Schätzung in dunklen Kanälen versickert.
Firmen mit unklaren Besitzern
Detailliert beschreibt der Abgeordnete, wie die Umleitung der staatlichen Investitionsmillarden funktioniert haben könnte. Insgesamt drei Lemberger Geschäftsleute hätten ihm berichtet, dass sie als Subunternehmer für Infrastrukturprojekte unverhohlen aufgefordert worden seien, ums Doppelte überhöhte Preise zu verlangen. „Die Differenz sollten sie dann zurückgeben, und zwar bar im Geldkoffer.“ Dadurch fließe ein Teil des Staatsgelds zuletzt immer nach Donezk, selbst wenn es scheinbar in Lemberg ausgegeben werde - so der Vorwurf des Lemberger Politikers.
Bei der Kanalisierung des schwarzen Geldes spielen nach Ansicht der Opposition Firmen mit unklaren Besitzern wie das Donezker Altkom-Konglomerat eine zentrale Rolle. Die Eigentumsverhältnisse dieser Gruppe, so stellten ukrainische Internetzeitungen es unlängst dar, verloren sich über Adressen im südenglischen Maidstone schließlich bei einem Briefkasten im zentralamerikanischen Belize. Die ukrainische Opposition hat viel Häme verbreitet, als Rechercheure herausfanden, dass an der Spitze einer der Scheinfirmen, hinter der sich die mutmaßlichen Profiteure des mächtigen Donezker Baukonzerns verbergen, eine Zeitlang eine zyprische Yogalehrerin geführt wurde.
Die Yogalehrerin aus Zypern hat ihren Nebenjob verloren
Die Folgen dieser Wirtschaftsweise lassen sich der Raiffeisen-Studie vom März entnehmen. Diese stellt plastisch dar, wie die überbezahlten EM-Projekte der vergangenen Jahre die „finanzielle Nachhaltigkeit“ der Ukraine beschädigt haben. Die Verschuldung dieses bitter armen und ohnehin krisengeschüttelten Staates sei allein 2010 und 2011 um 49 Prozent gestiegen. „Intransparenz“ und „schwache Herrschaft des Rechts“ spielten dabei eine gewaltige Rolle.
Wer tatsächlich die Euro-Milliarden einnimmt, die über solche Kanäle in die Taschen dunkler Hintermänner fließen, hat bislang niemand nachweisen können. Die Opposition aber ist überzeugt, dass hier kein anderer als der Herr der Aufträge, der stellvertretende Ministerpräsident Kolesnikow, Achmetows Mann in Kiew, die Schlüssel in der Hand hält. Kein anderer als er, so behauptet zumindest der Oppositionsabgeordnete Semerak, stehe hinter den Briefkastenfirmen, die den Giganten Altkom kontrollierten und das Lemberger Geld in den Osten kanalisierten. Kolesnikow und die Firma Altkom haben Fragen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis Redaktionsschluss nicht beantwortet. Öffentlich hat der stellvertretende Ministerpräsident aber mehrmals bestritten, mit Altkom etwas zu tun zu haben, und die Firma selbst hat versichert, transparent zu arbeiten und keine politische Protektion zu genießen. Eines aber ist unterdessen immerhin erreicht worden: Die Yogalehrerin aus Zypern hat ihren Nebenjob mittlerweile verloren.
