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Ukraine Tschernobyl: Opferzahlen „absolut manipuliert“

07.04.2006 ·  Kurz vor dem zwanzigsten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist ein Streit über die Zahl der Opfer entbrannt. Entscheidende Zahlen gelten als manipuliert: 9.000 Tote - 100.000 Tote?

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Kurz vor dem zwanzigsten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist ein Streit über die Zahl der Opfer entbrannt. Das „Tschernobyl-Forum“, zu dem mehrere Unterorganisationen der Vereinten Nationen sowie die Regierungen Rußlands, der Ukraine und Weißrußlands gehören, hatte im Herbst 2005 eine Studie präsentiert, nach der etwa 9.000 Menschen an den Folgen des Unglücks gestorben sind oder noch sterben werden. neue Rechnungen gehen von bis zu 100.000 Todesopfern aus.

Auch der Chef des strahlenmedizinischen Institutes in Rußland meldet sich zu Wort: Bereits 1971 sei bekannt gewesen, was im Falle eines Reaktorunfalls zu tun sei. 15 Jahre später seien diese notwendigen Maßnahmen jedoch nicht ergriffen worden. Ebenso seien die Helfer, nicht über die Risiken aufgeklärt worden (siehe den FAZ-Korrespondentenbericht: Mangelndes Katastrophenmanagement in Tschernobyl).

Jetzt hat die Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW) eine Untersuchung vorgelegt, wonach allein unter den sowjetischen Aufräummannschaften, die nach der Katastrophe in Tschernobyl im Einsatz waren, die Gesamtzahl der Opfer bis zu 90.000 betragen könnte. Rechnet man die Opfer unter den Einwohnern der verstrahlten Gebiete hinzu, kommt eine von der IPPNW zitierte Schätzung sogar auf 264.000 Tote.

„Zahlen manipuliert“

Die Vorsitzende der deutschen Sektion der IPPNW, Angelika Claußen, warf dem Tschernobyl-Forum in dieser Woche vor dem Umweltausschuß des Bundestags vor, es habe in seiner Untersuchung „Zahlen manipuliert“. Das hänge damit zusammen, daß die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), die die Arbeit des Forums koordiniert hatte, schon durch ihre Satzung dazu verpflichtet sei, die Nutzung der Kernenergie zu fördern.

Die Studie des „Forums“ war auf Initiative der IAEA entstanden, weil seit dem Unglück am 26. April 1986 überaus unterschiedliche Opferzahlen im Umlauf gewesen waren. Es wertete das Wissen von acht UN-Organisationen sowie drei Regierungen aus und kam zu dem Schluß, insgesamt sei in den höher verstrahlten Gebieten am Unglücksreaktor mit 4.000 Toten zu rechnen und in den weniger verstrahlten, aber viel größeren Zonen weiter weg mit etwa 5.000.

Gorbatschow: Es gibt eine Dunkelziffer

Die IPPNW dagegen ging von der Annahme aus, daß viele der Angaben, auf denen diese Schätzung beruhe, schon zu Sowjetzeiten manipuliert worden seien. So hätten etwa nicht nur 350.000 Menschen an den Aufräumarbeiten teilgenommen, sondern bis zu einer Million. Wenn man aber die Angaben hochrechne, die man von heutigen Behörden und Opferverbänden über die Sterblichkeitsquoten beim früheren Räumpersonal erhalte, komme man allein hier - also ohne die Einwohner der Katastrophenregionen - schon auf 50.000 bis 100.000 Todesopfer.

Der deutsche Botschafter in der Ukraine, Dietmar Stüdemann, bestätigte, daß die sowjetischen Behörden seinerzeit die Opferzahlen „absolut manipuliert“ hätten. Michail Gorbatschow, der seinerzeitige Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, habe ihm selbst bestätigt, daß es jenseits der offiziellen Zahlen eine große „Dunkelziffer“ gebe. Stüdemann wies darauf hin, daß allein in der Ukraine heute etwa 300.000 ehemalige Tschernobyl-Helfer registriert seien. Damit wäre die damalige offizielle Zahl von 350.000 beinahe schon erfüllt, obwohl damals das Räumpersonal aus allen 15 Republiken der Sowjetunion gekommen sei.

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