Am 3. November 1996 steuerte auf dem Flughafen von Donezk im Osten der Ukraine ein Polizeiwagen auf ein Privatflugzeug zu, dessen Passagiere gerade ausstiegen. Männer in Uniformen eröffneten aus Sturmgewehren das Feuer, die Reisenden brachen zusammen, tödlich getroffen. Dann fuhren die Täter gemächlich davon.
Der Abgeordnete, Geschäftsmann und Donezker Lokalpotentat Jewhen Schtscherban, der zusammen mit seiner Frau und zwei Besatzungsmitgliedern an diesem Tag ums Leben kam, war gerade von einem Fest zurückgekehrt, das der Sänger Iosif Kobson (der „russische Frank Sinatra“) in einem Moskauer Luxushotel gegeben hatte. Sein Tod war der Höhepunkt der blutigen Bandenkriege, mit denen die „kriminellen Autoritäten“ und roten Direktoren der Stahl- und Kohlemetropole Donezk nach der Wende eine neue Eigentumsordnung ausfochten. Er ist bis heute nicht aufgeklärt. 2003 sind zwar einige Männer als unmittelbare Täter verurteilt worden, doch wer den Auftrag gab, blieb im Dunkeln.
Schtscherban hatte viele Todfeinde, und einige von ihnen waren zuvor selbst zum Ziel von Attentaten geworden. Der damalige Ministerpräsident Pawlo Lasarenko - heute wegen Geldwäsche Insasse eines kalifornischen Gefängnisses, damals Repräsentant des „Dnipropetrowsker Klans“ der mit den „Donezkern“ um die Herrschaft auf dem Gasmarkt rang - war gerade einem Bombenanschlag entkommen. In Donezk selbst war ein Rivale Schtscherbans, der Unterweltkönig Achat Bragin („Alik der Grieche“), auf der VIP-Tribüne des Fußballvereins „Schachtjar“ samt Leibwächtern, in die Luft gesprengt worden.
Viele hatten Grund, Schtscherban zu hassen, und ebenso vielen haben Wissende und Halbwissende seither den Mord auf dem Rollfeld angelastet. Die jüngste Theorie hat jetzt Renat Kusmin präsentiert, der stellvertretende Generalstaatsanwalt der Ukraine und Gefolgsmann des Präsidenten Viktor Janukowitsch. Alles, so behauptete Kusmin Ende Oktober, deute darauf hin, dass die Mörder von niemand anderem bezahlt worden seien als von der wichtigsten Gegnerin des Präsidenten: von Julija Timoschenko.
Zuletzt ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung
Timoschenko ist Janukowitschs Feindin, seit sie ihn während der demokratischen „Revolution in Orange“ von 2004 vorübergehend von der Macht vertrieb. Danach hat sie mehrere Jahre die ukrainische Regierung geführt. Nach Janukowitschs Rückkehr im Jahr 2010 hat die Staatsanwaltschaft sie dann mit zahllosen Verfahren überzogen. Trotz heftiger Proteste westlicher Regierungen gegen solchen „politischen Missbrauch“ der Justiz wurde sie am 11.Oktober wegen vorgeblichen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Kaum aber war das Urteil gegen Timoschenko gefallen, legte das Regime nach. Neue Verfahren wurden eröffnet, meist wegen mutmaßlicher Wirtschaftsvergehen in den neunziger Jahren, als Timoschenko als glamouröse Geschäftsfrau und „Gasprinzessin“ die mächtigen „Vereinigten Energiesysteme der Ukraine“ leitete. Zuletzt hat die Generalstaatsanwaltschaft am Freitag ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung eröffnet.
Kusmins Mord-Unterstellung ist nun der vorläufige Scheitelpunkt dieser Welle. Ihre vorgebliche Logik ist einfach: Timoschenko ist - was niemand bestreitet - in den neunziger Jahren dem später in den Vereinigten Staaten verurteilten Ministerpräsidenten Lasarenko eng verbunden gewesen. Deshalb, so die Folgerung, müsse sie auch am Tod des Lasarenko-Konkurrenten Schtscherban mit Schuld tragen. Die entscheidenden Indizien behauptet die Staatsanwaltschaft in den Zeugenaussagen aus Lasarenkos amerikanischem Geldwäscheprozess (das Urteil fiel 2006) gefunden zu haben. Ein Zeuge in diesem Prozess, so hat Staatsanwalt Kusmin kürzlich behauptet, habe amerikanischen Ermittlern gesagt, das Blutgeld für den Mord auf dem Flughafen Donezk sei von Lasarenko und Timoschenko gekommen. Der Zeuge habe vom Auftraggeber des Mordes die Worte gehört: „Julija wird bezahlen.“
Die „amerikanische Beweislage“ ist allerdings problematisch. In dem seinerzeitigen Großverfahren in Kalifornien hat das Gericht nämlich gerade jene Anklagepunkte, in denen Timoschenko als Mittäterin in Lasarenkos Wirtschaftsvergehen auftauchte, mangels Beweisen fallen gelassen. Die damalige Anklägerin Martha Boersch hat später bestritten, dass irgendein Zeuge damals Julija Timoschenko mit dem Mord an Schtscherban in Verbindung gebracht habe. Der amerikanische Botschafter in Kiew hat deshalb am 17. Oktober die ukrainische Staatsanwaltschaft intern aufgefordert, keine „falschen Aussagen“ zu machen.
„Timoschenko Julija wird bezahlen“
Kusmins Ermittler gehen deshalb nun einen anderen Weg. Sie stützen sich dabei offenbar auf Aussagen des Geschäftsmanns Petro Kiritschenko, der in den neunziger Jahren genau wie Timoschenko zum Kreis des Ministerpräsidenten Lasarenko gehört hat, und der mittlerweile in Amerika lebt. Kiritschenko ist 2001 von ukrainischen Ermittlern in San Francisco vernommen worden. Was er dabei gesagt hat, ist nicht ganz klar. Die amerikanische Staatsanwältin Boersch war aber dabei; sie erinnert sich an nichts, was mit einem Mord im Zusammenhang stünde.
Die einzigen heute verfügbaren Hinweise auf die damaligen Aussagen dieses Mannes stammen aus dem ukrainischen Gerichtsurteil gegen die unmittelbaren Mörder Schtscherbans, jene Männer, die damals aus dem Polizeiauto heraus geschossen haben sollen. In der Urteilsbegründung des Berufungsgerichts Luhansk von 2003 heißt es, der Zeuge Kiritschenko habe in Amerika berichtet, der frühere Ministerpräsident Lasarenko habe ihn beauftragt, drei Millionen Dollar an einen bekannten Kriminellen zu überweisen, der heute als Organisator des Schtscherban-Mordes dargestellt wird. Dabei habe Lasarenko gesagt, „Timoschenko Julija werde bezahlen“.
Das Problem an dieser Aussage ist ihre Unklarheit. Timoschenkos Verteidiger Sergej Wlasenko sagt im Gespräch mit dieser Zeitung, kein Gericht der Welt werde eine Belastung akzeptieren, die wie diese auf Hörensagen beruhe („jemand hat erzählt, jemand habe ihm erzählt, das jemand von jemandem bezahlt werden soll“). Zweitens ist in der Zeugenaussage, wie sie in dem Urteil von Luhansk zusammengefasst ist, von einem Mord nicht einmal ansatzweise die Rede. Lasarenko veranlasst hier zwar Überweisungen, aber diese erscheinen nicht als Blutgeld für ein Attentat, sondern als Bezahlung für den Schutz Julija Timoschenkos vor Anschlägen.
„Hier braucht man noch Ermittlungen“
Der später ermordete Schtscherban wird gar nicht erst nicht erwähnt. Mikola Obichod, der vor zehn Jahren als stellvertretender Generalstaatsanwalt zahlreiche (erfolglose) Verfahren gegen die seinerzeitige Oppositionspolitikerin Timoschenko führte, hat der F.A.Z. gesagt, diese Zeugenaussage habe damals für einen Mordvorwurf nicht gereicht: „Hier braucht man noch Ermittlungen.“
Die Behörden haben deshalb jetzt Maßnahmen ergriffen, die Kiritschenko, den seinerzeitigen Zeugen, zu deutlicheren Aussagen motivieren könnten. Am 2. September wurde seine Frau Isabella wegen angeblichen Immobilienbetrugs in Kiew festgenommen. Ihre Lage ist dramatisch, weil sie nach einer Brustkrebs-Operation nach Auskunft ihres Anwalts ständiger ärztlicher Hilfe bedarf, die sie im Kiewer „Untersuchungsisolator“ (dem berüchtigten Lukijaniwka-Gefängnis, in dem auch Julija Timoschenko sitzt), nicht bekomme. Timoschenkos Verteidiger Wlasenko sagt nun, die Festnahme Frau Kiritschenkos habe nur den Zweck, ihren Mann, der seinerzeit so wenig Eindeutiges über Timoschenkos angebliche Mordaufträge zu sagen hatte, zu einer klaren Anschuldigung zu bewegen.
Der Anwalt der festgenommenen Ehefrau, Denis Bugaj, wollte der F.A.Z. „vorerst“ weder bestätigen noch bestreiten, dass Petro Kiritschenko nach der Festnahme seiner Frau dazu gedrängt werde, Timoschenko zu belasten. Er sagte lediglich, die Gesundheit seiner Mandantin sei nach mehreren Chemotherapien in Amerika äußerst schwach. Seit ihrer Festnahme habe sie im „Isolator“ zehn Kilo Gewicht verloren. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft wollte sich dieser Zeitung gegenüber nicht äußern.
Nun auch noch Mordanklage
Georg Heber (Roestigraben)
- 12.11.2011, 07:49 Uhr
