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Unterwegs im Osten der Ukraine : Von wegen kein Krieg mehr

  • -Aktualisiert am

Die OSZE-Beobachter Martin Schmid und Oliver Palkowitsch in der Ostukraine Bild: André Krementschouk /Agentur Focus

Offiziell wird im Osten der Ukraine nicht mehr gekämpft. Die Beobachter der OSZE dokumentieren fast täglich Beschuss. Dabei dürfen sie nicht in den Verdacht geraten, ihre Neutralität aufzugeben.

          Die Granate schlug eine Stunde vor Mitternacht ein. Ihre Explosion ließ das Dach bersten und die Innenwände zusammenbrechen. Möbel fingen Feuer, Kleidungsstücke verbrannten. Als Martin Schmid und Oliver Palkowitsch am nächsten Vormittag in Popasna eintreffen, besteht das Haus nur noch aus verkohlten Außenwänden, Schutt und Asche. Die Besitzerin Lidija Wasiljewna Krawtschuk hatte Glück im Unglück. Sie hat bei Bekannten übernachtet - und hat nun nur noch ihr Leben. Sie empfängt die deutschen Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit einem Klagelied. Was denn nun mit ihr werden solle? Die Regierung müsse sich um sie kümmern, sie wolle entschädigt werden.

          Die Kleinstadt Popasna liegt mitten im ostukrainischen Kriegsgebiet, vier Kilometer von der Front entfernt, die von den Beobachtern so aber nicht genannt wird. Die OSZE spricht von einer Kontaktlinie, denn Front hört sich nach Krieg an. Seit dem Waffenstillstandsabkommen von Minsk aus dem September 2014 herrscht in der Ostukraine aber offiziell kein Krieg mehr. Beide Seiten verpflichteten sich damals, Panzer und Artillerie abzuziehen. Doch davon kann bis heute keine Rede sein. In der Nacht sind in Popasna mehrere Granaten eingeschlagen. So geht das seit zwei Jahren - keine Straße, in der inzwischen nicht mindestens ein Haus getroffen wurde. „Wann hört das endlich auf?“, fragt Lidija Krawtschuk. „Wann können wir endlich wieder in Frieden leben?“

          Die schwierige Pflicht zur Unparteilichkeit

          Martin Schmid und Oliver Palkowitsch können darauf keine Antwort geben. Als OSZE-Beobachter sind sie zur Neutralität verpflichtet. Die kleinste emotionale Regung, Mitgefühl oder Verständnis, könnten den Eindruck der Parteilichkeit erwecken. Manchmal, sagt Martin Schmid, falle ihm das schwer. Lidija Krawtschuk steht vor dem Nichts. Sie lebt allein, der Mann ist vor zwei Jahren während der Kämpfe getötet worden. Die Tochter ist geflüchtet, so wie die meisten jungen Menschen in Popasna.

          Vor zwei Stunden haben sich die OSZE-Beobachter von ihrer Basis in Sewerodonezk auf den Weg nach Popasna gemacht. Sewerodonezk liegt in dem von der Regierung kontrollierten Teil des Konfliktgebiets. Dort sind 111 OSZE-Beobachter stationiert, unter ihnen vier Deutsche. Schmid und Palkowitsch sind über schlaglochübersäte Straßen gefahren, an Checkpoints der ukrainischen Armee und des nationalistischen Rechten Sektors vorbei, immer näher an die Kontaktlinie heran. Die Freiwilligen des Rechten Sektors sollten längst von der Front abgezogen sein. Ihre rot-schwarzen Fahnen flattern jedoch immer noch an den Regierungsstützpunkten.

          Nach der Hälfte des Weges haben die Beobachter ihre gepanzerten Geländewagen gestoppt und sich die blauen Westen übergezogen, die gegen Granatsplitter und Gewehrkugeln schützen sollen. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass in ihrer Nähe eine Granate explodiert. Die Reichweite der größten Geschütze der Separatisten beträgt etwa 40 Kilometer.

          Geschütz, Panzer oder Mörser?

          Die beiden deutschen Beobachter stehen neben dem zerstörten Haus in Popasna und sollen ermitteln, was genau in der Nacht geschehen ist. Womit wurde geschossen? Woher kam die Granate? Mit den Schuhen stochern sie vorsichtig im Schutt. Es könnte sein, dass nicht explodierte Munition darunter ist. Sie suchen Granatsplitter, anhand derer sie bestimmen können, welches Kaliber das Geschoss hatte. Das ist wichtig, denn daraus lässt sich auf die Waffe schließen, mit der die Granate abgefeuert wurde. War es ein Geschütz, ein Panzer oder ein Mörser? Sie müssen das herausbekommen, denn nur so können sie beweisen, dass immer noch schwere Waffen an der Nähe der Front stationiert sind.

          In diesem Krieg zwischen der ukrainischen Regierung und den prorussischen Separatisten ist die OSZE die einzige Partei, die nichts verschleiert, die nicht lügt und täuscht. Sondern die sich penibel an die Fakten hält. „Artillerieeinschlag in Popasna“ wird später im OSZE-Tagesbericht stehen. Er wird täglich auf der Internetseite der Organisation veröffentlicht. Seit dem Missionsbeginn am 16. April 2014 hat es mehr als 900 Tagesberichte gegeben. In so gut wie jedem sind Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen protokolliert.

          „Ein Mörser hätte nur das Wohnzimmer zerstört“

          Die Zerstörungen am Haus von Lidija Krawtschuk lässt die Beobachter vermuten, dass es sich um ein Artilleriegeschoss gehandelt hat. Ein Mörser richte weniger Unheil an, erklärt Oliver Palkowitsch. „Er besteht aus viel weniger Sprengstoff. Da wäre nur das Wohnzimmer zerstört worden.“ Palkowitsch zieht ein scharfkantiges Stück Metall aus dem Putz, ungefähr zehn Zentimeter lang, fünf Zentimeter breit und acht Millimeter dick. Ein Schrapnell dieser Größe durchdringt mühelos die Kabine eines Fahrzeugs. „Das war ein 122-Millimeter-Artilleriegeschoss“, sagt Palkowitsch.

          Martin Schmid zückt ein Notizheft. Er ist heute der Patrouillenleiter und muss am Abend den Bericht schreiben. In seinem Geländewagen liegt ein Buch, in dem die Waffensysteme der beiden Konfliktparteien abgebildet, benannt und beschrieben sind. Ein 122-Millimeter-Geschütz russischer Bauart, das kann Schmid darin unter anderem lesen, hat eine durchschnittliche Reichweite von 15 Kilometern. Weil Popasna vier Kilometer hinter der Front liegt, muss der Abschuss aus einer Entfernung von maximal elf Kilometern erfolgt sein. Laut dem Minsker Abkommen dürfte es dort aber nicht stehen, sondern es müsste mindestens so weit von der Front entfernt sein, wie seine Reichweite beträgt.

          Doch wo genau hat das Geschütz gestanden? Oliver Palkowitsch hat eine Vermutung, darf sie aber nicht sagen. Das wäre eine Schuldzuweisung, die ihm als OSZE-Beobachter nicht zusteht. „Der Beschuss kam aus Richtung Perwomajsk“, sagt stattdessen ein ukrainischer Soldat, der in Popasna stationiert ist. Perwomajsk ist die erste Stadt hinter der Kontaktlinie, die von den Separatisten gehalten wird. Sie liegt auf dem Gebiet der „Volksrepublik Luhansk“.

          Ukrainische und russische Offiziere eingebunden

          Die Anwesenheit des ukrainischen Soldaten ist heikel - allerdings für Russland. Der Soldat gehört zu einer ukrainisch-russischen Koordinierungsstelle, dem Joint Command and Coordination Center (JCCC). Sie wurde auf Betreiben der OSZE eingerichtet, um eine abermalige Eskalation der Kämpfe zu verhindern. Wenn es zu schweren Gefechten kommt, dann informiert die OSZE das JCCC. Ukrainische und russische Offiziere sollen dann dafür sorgen, dass die Kämpfe eingestellt werden. Meist klappt das auch - womit bewiesen ist, dass russische Offiziere direkten Durchgriff auf untere Kommandoebenen der Separatisten haben. Bislang hat Moskau das bestritten.

          Oliver Palkowitsch und Martin Schmid sind erfahrene Experten in Krisengebieten, zwei von knapp 40 Deutschen, die derzeit für die OSZE-Mission in der Ukraine arbeiten. Der 40 Jahre alte Palkowitsch war Zeitsoldat bei der Bundeswehr, ging dann für die Vereinten Nationen nach Südsudan und anschließend als Reservist in den Irak. Der neun Jahre jüngere Schmid war politischer Berater bei der Nato in Afghanistan und schon als Wahlbeobachter mehrfach in der Ukraine.

          Die Außenminister Steinmeier, Ayrault und Klimkin mit Mitgliedern der OSZE-Mission

          Beide arbeiten für das Zentrum für Internationale Friedenseinsätze in Berlin (ZIF), einer vor 15 Jahren gegründeten staatlichen Organisation, die im Auftrag des Auswärtigen Amts derzeit mehrere hundert sogenannte zivile Experten in Konfliktregionen überall auf der Welt im Einsatz hat. Seit die Bundesregierung von der wachsenden Verantwortung Deutschlands in der Welt spricht, steigt der Bedarf an Experten wie Palkowitsch und Schmid. ZIF-Direktorin Almut Wieland-Karimi sagt, sie gehe davon aus, dass weitere Einsätze wie in der Ostukraine auf Deutschland zukommen.

          Gefährliche Nähe zwischen den Kontrollpunkten

          Die Arbeit von Oliver Palkowitsch und Martin Schmid in Popasna ist beendet. Bevor sie nach Sewerodonezk zurückfahren, wollen sie noch einen Checkpoint der ukrainischen Armee am Rand von Popasna besichtigen. Er befindet sich an der Straße nach Perwomajsk. Als sie dort mit ihren weißen Geländewagen eintreffen, setzen sich die Beobachter auch ihren Schutzhelm auf. Der Kontrollpunkt der Separatisten liegt 700 Meter entfernt. Wäre die Kontaktlinie ein weißer Strich, könnten die Beobachter sie von hier aus sehen.

          Auf dem Asphalt der Straße stehen große, fast mannshohe Betonblöcke und Bunker mit Luken aus kugelsicherem Glas. In halb geduckter Körperhaltung laufen die Beobachter zu den ukrainischen Soldaten, die an dem Posten Dienst haben. An der Mauer steht eine geladene Panzerfaust, mit der ein 350 Meter entferntes gepanzertes Ziel bekämpft werden kann. Aus Sicherheitsgründen dürfen sich die Beobachter dort nicht lange aufhalten. Auf der anderen Seite gibt es Scharfschützen. Ihre Waffen verfügen über Zieloptiken, die es ihnen ermöglichen, einen Menschen aus einer Entfernung von tausend Metern mit einem Schuss zu töten.

          „Unsere Bewegungsfreiheit wird immer noch eingeschränkt“

          Die Arbeit der OSZE-Beobachter ist gefährlich. Immer wieder werden sie beschossen. Bisher hat es einen Schwerverletzten gegeben, allerdings war das schon vor zwei Jahren. „Unsere Bewegungsfreiheit wird immer noch eingeschränkt, vor allem in Gebieten, die nicht von der Regierung kontrolliert werden“, sagt Oliver Palkowitsch. Damit meint er das Separatistengebiet.

          Gleichzeitig wird die OSZE aber als Vermittlerin von beiden Seiten zunehmend akzeptiert. Im Sommer etwa wurden die Beobachter aus Sewerodonezk gerufen, um den Leichnam eines Mannes zu bergen. Er war von ukrainischen Soldaten erschossen worden, nachdem er die Kontaktlinie überquert und sich dem Checkpoint am Stadtrand von Popasna genähert hatte. Tagelang hatte er bei 40 Grad Hitze in einem Straßengraben mitten im Niemandsland zwischen den Waffenstellungen beider Seiten und Perwomajsk gelegen. Das Misstrauen war so groß, dass sich weder die ukrainischen Soldaten noch die Separatisten hinter ihren Schutzwällen hervorwagten.

          In der Bevölkerung wächst der Frust

          Auf dem Rückweg nach Sewerodonezk kaufen Schmid und Palkowitsch Lebensmittel ein. „Ihr seid Faulpelze, die einen Haufen Geld für nichts kriegen“, wettert eine ältere Frau, als sie die Beobachter in ihren blauen Jacken sieht. Auf beiden Seiten der Front wächst der Frust der Bevölkerung über die verfahrene Lage. Die ukrainische Armee und die Separatisten haben sich in ihren Stellungen eingegraben, ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht.

          Dass Palkowitsch und Schmid nur dazu da sein sollen, die Kriegsparteien zu beobachten und darüber der Weltöffentlichkeit zu berichten, können die zwischen den Fronten gefangenen Einwohner nicht verstehen. „Ich kann ihren Frust nachvollziehen“, sagt Martin Schmid. Aber die OSZE darf nicht mehr tun, als die Kriegsparteien dazu zu bewegen, Hilfsorganisationen den Zugang zum Konfliktgebiet zu öffnen. Die Mission selbst hat keinen humanitären Charakter.

          Doch vieles, was sich im Konfliktgebiet ereignet, bekommt die OSZE gar nicht mit. Schmid, Palkowitsch und ihre Kollegen können die Orte nur stichpunktartig besuchen. Die OSZE hat deshalb Drohnen mit weitem Radius angemietet, mit denen sie die Region aus der Luft überwachen kann. Im Sommer ist nun allerdings auch die letzte der drei Drohnen verlorengegangen. Ob durch gezielten Abschuss oder mit Hilfe eines Störsenders, das will die OSZE nicht sagen. Auf jeden Fall geschah es absichtlich. Durch wen? Auch das sagt die OSZE nicht.

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