24.11.2004 · Die aufgeheizte innenpolitische Lage nach den Präsidentenwahlen in der Ukraine ruft zunehmend Sorge hervor. Die historische Spaltung dauert an.
Von Michael Ludwig, Kiew„Wir sind Ukrainer wie ihr auch, keine Separatisten. Und zu Putins Rußland wollen wir auch nicht.“ Das war Klartext von Menschen, die man zur Unterstützung von Wiktor Janukowitsch aus dem Süden und dem Osten der Ukraine, aus Dnepropetrowsk, aus Donezk oder Lugansk nach Kiew gebracht hatte.
Und sie waren, am Straßenrand, an jene Ukrainer in der Hauptstadt gerichtet, die orangenfarbene Halstücher trugen, den liberal-demokratischen Politiker Wiktor Juschtschenko unterstützen, der durch Wahlbetrug von der Macht ferngehalten werden sollte, und die das Gespräch mit den Angereisten suchten. Es war im Grunde die Bestätigung der Entscheidung von vor gut 13 Jahren, als sich die gesamte heutige Ukraine von der Krim bis in den Norden, von Lemberg (Lwiw) im Westen bis Lugansk im Osten für einen eigenen Staat.
Im Zarenreich war die ukrainische Sprache verboten
Aber eine Trennungslinie besteht dennoch zwischen ihnen, und sie ist im Land zu bemerken. Grob gesagt, verläuft sie zwischen den Gebieten, die in der frühen Neuzeit zu Rußland kamen, während der gesamte Rest im Zentrum und im Westen bei der polnisch-litauischen Krone verblieb. Deren Herrschaft reichte bis ins Mittelalter zurück. Das hat eine unterschiedliche historische Sozialisierung bewirkt. Ukrainer, die unter den Zaren lebten, wurden von dem großrussischen Herrschaftsvolk bald als „Kleinrussen“ bezeichnet. Das freiheitliche Ferment, die Kosaken, ging in Rußland auf, bis nur noch eine besondere militärische Formation im Zarenreich übrigblieb.
Im Zarenreich war die ukrainische Sprache verboten. Daß sich andererseits in historisch-ukrainischen Gebieten eine eigene ukrainische Nation herausbildete, mit einer eigenen Sprache, wurde ebenfalls geleugnet. Im Westen ist die ukrainische Sprache noch heute vorherrschend, und Poltawa, die Stadt im Zentrum, ist maßgeblich für die ukrainische Hochsprache. Im Osten, im Süden und auf der Krim ist das Russische vorherrschend. Grund dafür sind die zarische Siedlungspolitik und Bevölkerungsverschiebungen während der Sowjetzeit.
Ethno-Ukrainern, Ethno-Russen und russischsprachige Ukrainer
Die Sprache und familiäre Beziehungen über die Grenzen hinweg haben im Osten auch dafür gesorgt, daß das Bedürfnis, sich von Rußland strikt abzugrenzen, hier geringer ausgeprägt, ist, als im Westen. Ungeschickte Versuche der „neu-ukrainischen“ Sprachenpolitik nach der Unabhängigkeit in der ersten Hälfte der neunziger Jahre, den Osten und den Süden zu ukrainisieren, schlugen fehl und haben in diesen Gebieten einen bitteren Nachgeschmack zurückgelassen. Nicht zu Unrecht lastet man dies dem Übereifer von Politikern der Bewegung „Ruch“ an. Für die Herausbildung einer politischen ukrainischen Nation aus Ethno-Ukrainern, Ethno-Russen und russischsprachigen Ukrainern war das ein herber Rückschlag. Seit einigen Jahren macht das Ukrainische aber durchaus auch im Osten Fortschritte. Amtliche Verlautbarungen aus der Hauptstadt sind auf ukrainisch abgefaßt, das staatliche ukrainische Fernsehen sendet immer häufiger in ukrainischer Sprache, und Examina sind auf ukrainisch abzulegen. Auf Widerstand stößt das nicht. Vielmehr wächst auch in russischsprachigen Gebieten das Verständnis dafür.
In der Hauptstadt Kiew werden beide Sprachen nebeneinander gebraucht, und im Westen hat das Russische wieder einen Platz, seit es nicht mehr ausschließlich mit dem sowjetischen Unrechtssystem, sondern mehr mit den hier lebenden Russen verbunden wird. Und in Kiew spotteten jüngst selbst ethnische Russen, die im Alltag überwiegend das Russische benutzen, darüber, daß Janukowitsch „keine drei Sätze geradeaus auf ukrainisch“ zu sagen in der Lage war, als er mit Juschtschenko im Fernsehen zu debattieren hatte.
Gefahr für den Glauben
Hinzu kommt, daß es nicht gelungen ist, in der Ukraine, wo die Mehrheit der Bevölkerung sich zur Orthodoxie bekennt, eine orthodoxe Nationalkirche als Baustein für die moderne Nationsbildung zu schaffen. Der Westen und Teile des Zentrums waren in der frühen Neuzeit zwangsweise eine Union mit Rom eingegangen, hier entstand die griechisch-katholische Kirche. Der Osten und der Süden blieben orthodox. Nach dem Ersten Weltkrieg bildete sich eine ukrainische orthodoxe Kirche heraus, die kirchenrechtlich die Unabhängigkeit vom Moskauer Patriarchat anstrebte (Autokephalie). Sie wurde von den Bolschewiken anfangs gefördert, dann verfemt, und die Würdenträger gingen ins Exil. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrten sie zurück.
Von der orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats in der Ukraine spaltete sich zu Beginn der neunziger Jahre zudem ein Teil ab und bildete die orthodoxe ukrainische Kirche des Kiewer Patriarchats, in der häufig das Ukrainische als Kirchensprache verwendet wird und die sich selbst als die orthodoxe ukrainische Nationalkirche versteht. Es bestehen daher zur Zeit drei ukrainische orthodoxe Kirchen, von denen eine zum Moskauer Patriarchat gehört und das Russische als Kirchensprache pflegt. Hinzu kommt die im Westen verbreitete griechisch-katholische Kirche, die orthodoxe Wurzeln hat und in der die Liturgie auf ukrainisch gelesen wird. Die heiße Zeit des Kampfes um den Besitz von Gotteshäusern, die Anfang der neunziger Jahre ausgebrochen war, ist zwar vorüber. Aber die vier Kirchen sind sich nicht wohlgesinnt. Vor der Präsidentenwahl ließen die Moskauer Kirchenoberen ihre Schäflein in der Hauptstadt Kiew demonstrieren, weil Juschtschenko eine Gefahr für den Glauben sei.
Vertikale Trennungslinie zwischen oben und unten
Die Trennungslinien, die Geschichte und Religion gezogen haben, sind nicht die einzigen. Die Industrialisierungspolitik der späten Zaren und der Sowjetunion haben ein wirtschaftliches Ungleichgewicht geschaffen. Der Westen ist dabei der schwächere Teil. Die schwerindustrielle Region um Dnepropetrowsk oder der Donbass mit Donetzk und Lugansk gehören zu den Regionen, die den weit größeren Teil zum Bruttoinlandsprodukt beisteuern. Dieses Gefühl wirtschaftlicher Überlegenheit wird in Politik umgemünzt. Der Donbass und der Donetzker Clan waren unter Janukowitsch als Ministerpräsident auf dem Vormarsch, was die Stellenbesetzung auf den höheren Etagen der Macht angeht. Hinzu kommt, daß im Herrschaftsbereich der Stahl- und Kohlebarone im Osten und Süden die ukrainischen Staatsbürger noch weniger zu sagen haben als anderwärts in der Ukraine, daß sie als Verfügungsmasse für die „hohe Politik“ auch besser zu instrumentalisieren sind. Und das wiederum führt zu einer vertikalen Trennungslinie zwischen oben und unten.
Im Osten schien sie dieser Tage verwischt zu sein. In Donetzk, wo Janukowitsch Gouverneur war, leben die Menschen in manchen Bezirken wie die Hunde, aber sie wählten Janukowitsch, weil er es war, der ihnen als Ministerpräsident wenigstens einen Knochen hinwarf. Immerhin gaben einige zu, daß sie womöglich mißbraucht würden, daß man sie hergebracht habe, um sie gegen andere Ukrainer zu hetzen. Eine solche Einsicht könnte ein Baustein sein für den zweiten Teil der modernen ukrainischen Nationsbildung. Ordnung und Recht, dem sich auch diejenigen nicht entziehen können, die Juschtschenko schlichtweg „Banditen“ genannt hatte und die das Land seit Jahren spalten, wann immer es politischen Nutzen verspricht, sind Begriffe, um die es dabei geht und die im politischen Leben wieder zu Ehren kommen sollen.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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