Home
http://www.faz.net/-gq5-pi23
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ukraine „Ihr seid der Souverän“

22.11.2004 ·  Angeblich hat das Volk der Ukraine gewählt - doch die Ukrainer scheinen mit dem Ergebnis der Wahlen nicht zufrieden zu sein. Zehntausende demonstrieren in Kiew für Juschtschenko und gegen Kutschma.

Von Michael Ludwig, Kiew
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der ukrainische Landeswahlleiter Sergej Kiwalow, ein ehemaliger Boxer aus Odessa im Süden der Ukraine, verkündet im Staatsfernsehen ungerührt die Ergebnisse der Präsidentenwahl. Draußen ziehen Menschenkolonnen, orangefarbene Fahnen schwenkend, vom Podol, der alten Unterstadt, über den Kiewer Europaplatz zum Kreschtschatik hinauf, der Prachtstraße der ukrainischen Hauptstadt. "Juschtschenko!" und immer wieder "Juschtschenko!" rufen sie, den Namen des Mannes, der auf der Siegerliste Kiwalows erst an zweiter Stelle steht.

Hinter dem angeblichen Sieger steht Viktor Janukowitsch. Einige hundert Meter weiter geht der Zug am Unabhängigkeitsplatz in dem gelb- und orangefarbenen Fahnenmeer auf. Dort hatten sich am Montag morgen Zehntausende Anhänger Viktor Juschtschenkos versammelt, eines eher zurückhaltenden Mannes, der unter dem Zwang der Ereignisse fast schon zu einem Volkstribun geworden ist. Als Juschtschenko am Morgen die Bühne auf dem Unabhängigkeitsplatz betrat, kündigte ihn der Leiter seines Wahlstabes als neuen rechtmäßigen Präsidenten des ukrainischen Volkes an.

Kein Stimmvieh

Als solchen betrachtet sich auch Juschtschenko selbst, seit er am Sonntag abend, als der Wahltag zu Ende gegangen war, auf dringende kritische Nachfragen von der Landeswahlleitung keine Antworten erhielt. Als ihren neuen Präsidenten, der dem zweimal vorbestraften Konkurrenten aus der Schwerindustrieregion Donezk, dem politischen Handlanger des Donezker Clans, wie man hier sagt, den Weg in das Präsidentenamt versperrt habe, sieht den Kandidaten Juschtschenko auch ein großer Teil des Volkes, wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Ukrainer.

Diese Menschen wissen, daß sie ihn gewählt haben. Und vor allem wissen sie, wie man versuchte, ihnen ihr Wahlrecht zu nehmen. Wie die Vorgesetzten sie zwingen wollten - und damit oft auch Erfolg hatten - Wahlberechtigungsscheine zu beantragen, um sie dann den "Natschalniks", ihren Chefs, abzuliefern. In blanco natürlich, zur weiteren Verwendung für den Kandidaten der Staatsmacht, für Janukowitsch. Sie haben es satt, daß man sie als Stimmvieh behandelt. Deswegen sind diejenigen von ihnen, die in Kiew leben, dem Aufruf des Bündnisses gefolgt, das Juschtschenko unterstützt. Es besteht aus Juschtschenkos Bewegung "Unsere Ukraine", der Vaterlandspartei von Julija Timoschenko, den Sozialisten von Aleksandr Moros und der Unternehmerpartei von Anatolij Kinach. Studenten gehören dazu, Arbeiter, Angestellte, Honoratioren in eleganten Mänteln oder die alte Frau, die mit ihrer Katze an der Leine herantrippelt. Das Tier hat, wie könnte es anders sein, einen orangefarbenen Wärmer übergezogen bekommen. Mit zittriger Stimme skandiert auch seine Halterin: "Juschtschenko!"

Nicht aufgeben

Erst sang man die ukrainische Nationalhymne, dann deckte Juschtschenko die Fälschungen der Staatsmacht auf. "Schande über sie!", ruft die Menge, wann immer ein Fälschungskapitel abgearbeitet ist, und schwenkt die Fahnen - die gelben der Bewegung "Unsere Ukraine", die Juschtschenko zusammengeschweißt hat, und immer häufiger auch georgische. Das ist ein Hinweis darauf, daß man diesmal nicht aufgeben will, daß der kalte Spätherbst eine heiße Zeit für die Staatsmacht werden wird.

Bei Juschtschenko gibt es auch kein Pardon mehr für den Mann, den er einst als seinen politischen Ziehvater betrachtete, der ihm freie Hand für Reformen versprochen hatte und ihn dann in Kumpanei mit Kommunisten und Oligarchen vor drei Jahren als Ministerpräsidenten zur Strecke brachte: "Väterchen" ("Batjko") Kutschma nannte Juschtschenko ihn und versuchte, seine Bundesgenossen zu bremsen, die Kutschma schon früher absetzen wollten. Viele von den Studenten, die damals die Bewegung "Ukraine ohne Kutschma" gegründet hatten, sind auch jetzt wieder dabei.

Mit Verachtung im Gesicht

Am Unabhängigkeitsplatz wehen auch die Wimpel der "Pora"- Gesellschaft für faire Wahlen. Kutschma, das wird am Montag deutlich, ist nicht der Übervater der Nation, als der er sich gern gibt. Ohne ihn gäbe es auch die massenhaften Fälschungen nicht, mit denen Juschtschenko verhindert werden sollte. "Kutschmu hedj!" (Nieder mit Kutschma!) ruft die Menge. Kutschma, der Mann mit fast absoluten Vollmachten, die er dazu genutzt hat, dem Land ein - im Soziologenukrainisch - "halbautoritäres System" aufzuzwingen,erscheint den Menschen hier als Kopf der Macht- und Fälscherpyramide. Für Janukowitsch, eine neue Charaktermaske des Systems, in dem die Führung glaubt, das Land gehöre ihr allein, und die Menschen hätten sich still darein zu fügen, hat man nur Verachtung übrig. Sie steht den Menschen ins Gesicht geschrieben.

Juschtschenko und die Menschen hier wollen die Landeswahlleitung zwingen, die Wahl in den Regionen, wo ganz eindeutig gefälscht worden sein muß, für ungültig zu erklären und zurückzutreten. Die streitbare Julija Timoschenko zeichnet an Juschtschenkos Seite den weiteren politischen Weg vor: Das Parlament solle sich noch am Montag auf einer Sondersitzung einschalten, den Kreislauf des Unrechts durchbrechen und die Macht im Lande übernehmen. Aber ohne den Druck von der Straße, von den Menschen, die ihre Wahl verteidigen wollen, gehe es nicht, ruft Timoschenko den Menschen zu. Es komme Unterstützung von außen, aus anderen Städten und Provinzen: "Wir werden noch mehr. Kiewer, bringt denen, die hier auf dem Kreschtschatik eine Zeltstadt bauen, Decken, warmes Essen und Kleidung."

Ein Symbol der Unabhänigkeit

Wir sind das Volk, hatte es an anderer Stelle und zu einer anderen Zeit in Europa geheißen. Timoschenko sagt das gleiche zu den hier Versammelten: Ihr seid der Souverän. "Ruhm der Ukraine!", schallt es zurück. Ein hoher orthodoxer Würdenträger betet für Juschtschenkos Sieg, für die Überwindung der Lüge, und spricht sich gegen die kriminelle Bruderschaft der Mächtigen aus. Am Schluß spricht er das Vaterunser. Die Menge zieht die Mützen vom Kopf, bekreuzigt sich.Der elektrische Strom fällt auf dem Platz immer wieder aus. Die Politiker sind mittags gegangen, um im Parlament weiterzukämpfen.

Zwei Männer in historischen Uniformen der ukrainischen Kosaken stehen auf dem Bürgersteig des Kreschtschatik ein wenig verloren herum. Ihre Brüder in Zaporosche, der Wiege des Kosakentums, haben für Janukowitsch gestimmt. Aber trotzig glauben auch sie an den Sieg, schließlich ist in der Nationalhymne aller Ukrainer davon die Rede, daß dieses Volk aus kosakischer Wurzel stammt, daß es rauhe Burschen zu seinen Vorvätern zählt, die Freiheit über alles schätzten. Einst hatte ein Fürst, ohne viel nach dessen Willen zu fragen, das Volk angeblich genau diese Strecke entlang zum Dnepr treiben lassen, zur Taufe. Heute hängen am Denkmal der legendären Stadtgründer von Kiew die orangenen Fähnlein der Selbstbewußten. Kij, der Namensgeber der Stadt, trägt es, und um den Kopf der bronzenen Lebedj, seiner Schwester, ist ein gelbes Stirnband gewunden. Heute könnten der Kreschtschatik und der Unabhängigkeitsplatz zu einem Symbol werden, daß sich eben hier eine politische Nation formt, die Subjekt sein will.

Spannungen könnten zunehmen

Juschtschenko, der Zauderer von einst, sagte, die Revolution sei vor 13 Jahren stehengeblieben, damals, als sich die Ukrainer - übrigens die im Westen und die im Osten gleichermaßen - gegen die Sowjetunion entschieden hatten. Heute gehe es darum, sie zu vollenden. Das gelingt aber wohl nur, wenn man den Riß zwischen Osten und Westen, der durch das Land geht und sich am Wahlverhalten - der Osten und Süden für Janukowitsch, der Westen und das Zentrum für Juschtschenko - gezeigt hat, schließen kann. Oder will man versuchen, das Land von der Hauptstadt aus grundlegend zu verändern? Von außen und von "denen da oben" ist nichts unversucht geblieben, den Riß zu vertiefen. Die mit angeblichem Bedauern geäußerten Kutschma-Worte, daß die Ukrainer leider keine Nation seien, trieften deshalb vor Scheinheiligkeit.

Wenn tatsächlich versucht wird, die Revolution zu vollenden, wird der ukrainische Innenminister Nikolaj Bilokon ein Versprechen, das er den Milizionären vor der Wahl gab, so schnell nicht wahrmachen können, obschon der Boxer im Landeswahlausschuß alles tat, um Bilokon zu helfen. Der Innenminister hatte versprochen, die Miliz werde sich drei Tage lang betrinken können, wenn Janukowitsch erst einmal gesiegt habe. Auf dem Papier ist der Donezker Janukowitsch als Erster durchs Rennen gegangen. Nur das Volk, vorerst das Kiewer Volk, spielte nicht mit und verdarb das Besäufnis fürs erste, obschon Kutschma davor gewarnt hatte, daß er eine Revolution nicht dulden werde.

Wenn die Politiker sich nicht einigen, könnten die Spannungen in der Hauptstadt zunehmen. Als es auf den Abend zuging, kamen immer mehr Menschen auf den Unabhängigkeitsplatz. Friedliche Menschen, die von der Arbeit und von außerhalb kamen, um denen auf dem Platz beizustehen. Ein ukrainischer Konteradmiral rief die Soldaten am Montag vom Kreschtschatik aus auf, ihren Eid nicht zu vergessen, der sie dem ukrainischen Volk verpflichte. Aber schon am Sonntag, als immer deutlicher wurde, daß mit groß angelegten Wahlfälschungen zu rechnen sein würde, waren auch Flugblätter verteilt worden, auf denen Milizionäre und andere Ukrainer sich gegenüberstanden. Blumen für die Miliz waren abgebildet und einige wenige Worte: "Schieß nicht!" Hoffentlich werden sie beherzigt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2004, Nr. 274 / Seite 3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3