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Aktualisiert: 26.02.2014, 19:23 Uhr

Ukraine Gewalt zwischen Russen und Tataren auf der Krim

Auf der Krim ist es zu Zusammenstößen zwischen Anhängern der neuen ukrainischen Führung und pro-russischen Demonstranten gekommen. Viele fürchten ein Abspalten der Halbinsel von der Ukraine.

von , Simferopol
© dpa Proukrainische Krimtataren vor dem Parlament in Simferopol

Der Streit über den Verbleib der Autonomen Republik Krim in der Ukraine ist am Mittwoch in der Hauptstadt Simferopol in blutigen Ausschreitungen eskaliert. Bei Zusammenstößen zwischen Krimtataren und Russen vor dem Parlamentsgebäude ist vermutlich ein Mann getötet worden, mehrere weitere wurden verletzt. Mehrere tausend Demonstranten beider Seiten standen sich im Innenhof des achteckigen Parlamentsgebäudes gegenüber, stürmten aufeinander zu und entrissen sich gegenseitig Flaggen. Bei den Tumulten flogen Feuerwerkskörper und Steine. Mindestens 5000 proukrainische Krimtataren, die meisten von ihnen Männer im mittleren Alter, hatten sich im Laufe des Vormittags versammelt, um für die Einheit der Ukraine zu demonstrieren. Für den Nachmittag war eine Sitzung des Parlaments geplant, auf der Medienberichten zufolge über den Verbleib der Autonomen Republik in der Ukraine entschieden werden sollte. Die Demonstration unter ukrainischen und tatarischen Flaggen verlief zunächst friedlich.

Am Nachmittag strömten jedoch mehrere tausend Angehörige der russischen Bevölkerungsmehrheit auf der Krim vor dem Parlament zusammen, bis sich Tataren und Russen nur durch eine Reihe von Polizisten getrennt gegenüberstanden. Die Stimmung heizte sich zunehmend auf, als beide Seiten sich gegenseitig mit den Losungen „Wir sind die Ukraine“ und „Wir sind Russland“ zu übertönen versuchten. Die russischen Demonstranten forderten lautstark ein Referendum über die weitere Zugehörigkeit zur Ukraine. Auf Nachfrage teilten viele der aufgebrachten Männer und Frauen jedoch mit, dass es ihnen nicht unbedingt um einen Anschluss an Moskau gehe, sondern um die Unabhängigkeit von Kiew.

Auf Seiten der Krimtataren war auch der Ruf „Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden“ zu hören, mit dem die auf dem Kiewer Majdan durch Schüsse getöteten Demonstranten geehrt werden sollten. Die russischen Demonstranten entgegneten den Ruf „Berkut!“. So heißt die Sondereinheit der Miliz, die vermutlich auf die Demonstranten in Kiew geschossen hat. Der ukrainische Interimsinnenminister Arsen Awakow hat die „Berkut“ inzwischen aufgelöst. In Sewastopol, der russisch dominierten größten Stadt auf der Krim, weigert sich allerdings der am Wochenende von Demonstranten gewählte „Bürgermeister“ Aleksej Tschalyj, die Einheit aufzulösen. Er kündigte an, den „Berkut“-Männern weiterhin ihre Gehälter zahlen zu wollen. Sie sollten an den Kontrollstellen auf den Straßen nach Sewastopol Dienst tun.

Der Präsident der Nationalversammlung der Krimtataren, Rifat Tschubarow, hatte am Mittwoch nach eigenen Angaben noch versucht, den Präsidenten des Krim-Parlaments in Simferopol, Wladimir Konstantinow, dazu zu bewegen, die umstrittene Parlamentssitzung zu verschieben. Dieser hatte jedoch darauf beharrt, die Sitzung durchzuführen. Wegen der Tumulte vor dem Gebäude fiel die Versammlung der Abgeordneten letztlich aus. Konstantinow war vergangene Woche nach Moskau gereist, um russische Unterstützung für die auf der Halbinsel Krim lebenden Russen zu erbitten. Am Mittwoch dieser Woche waren zwei Abgeordnete der Moskauer Duma zum ersten Mal seit Beginn der Proteste in der Ukraine zu Gesprächen mit russischen Politikern nach Simferopol gereist. Örtliche Medien berichteten anschließend von einem konkreten Angebot Moskaus, den Krimrussen russische Pässe auszustellen. Dies wurde offiziell allerdings nicht bestätigt.

Parlamentspräsident Konstantinow hatte nach seinem Besuch in Moskau unverhohlen von der Möglichkeit der Abspaltung der Krim von der Ukraine gesprochen. In einem Interview mit der russischen Nachrichtenagentur Interfax sagte er, es sei möglich, dass das Land auseinanderfalle. Als Reaktion auf die seiner Ansicht nach nicht legitime Interimsregierung in Kiew kündigte er die „Aufkündigung der Entscheidung von 1954“ an. Damals hatte der aus der Ukraine stammende sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die Halbinsel an die Ukraine übertragen. In einer am Mittwoch auf der Internetseite des Parlaments der Republik Krim veröffentlichten Presseerklärung ruderte Konstantinow allerdings deutlich zurück. Die von einigen Medien verbreitete Information, das Parlament werde über eine so radikale Lösung wie die Abspaltung von der Ukraine abstimmen, sei falsch, heißt es in dem Schreiben. Es handele sich um eine Provokation, die gezielt die Legitimität des Parlaments beschädigen solle.

Die Russen, die auf der Halbinsel Krim mit rund 58 Prozent die Bevölkerungsmehrheit stellen, erkennen die von den Oppositionsparteien in Kiew eingesetzte Übergangsregierung nicht an. Die Krimtataren, die etwa zwölf Prozent der Bevölkerung stellen, haben zu den Moskauer Machthabern ein traditionell schlechtes Verhältnis. Die gesamte Volksgruppe war am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Zentralasien deportiert worden; erst seit Ende der achtziger Jahre durften die Tataren in ihre Heimat zurückkehren.

Den Zorn der Russen hat das Parlament in Kiew in dieser Woche besonders durch die Entscheidung auf sich gezogen, der russischen Sprache ihren offiziellen Status abzuerkennen. Der Vorsitzende der nationalistischen Oppositionspartei „Swoboda“, Oleg Tjahnybok, einer der Kiewer Oppositionsführer, hatte am Dienstag jedoch versucht, mit einem Auftritt in einem Fernsehsender der Krim die Gemüter zu beruhigen. Jeder dürfe in der Sprache sprechen, die er sprechen wolle, sagte Tjahnybok. „Niemals wird jemand in der Ukraine Vertreter von nationalen Minderheiten verfolgen.“

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