23.11.2004 · Auf den Straßen Kiews mischen sich Demonstranten und Nichtdemonstranten. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Vor dem Parlament skandieren Tausende gegen den offiziellen Ausgang der Wahl.
Von Konrad Schuller, KiewKiew, am Kreschtschatik. Der Monumentalboulevard der ukrainischen Hauptstadt, zwischen dem Hochufer des Dnjepr und dem Bessarabischen Markt, ist eine Prachtstraße nach dem Geschmack von Diktatoren. Er ist breit wie ein Fußballfeld, erleuchtet von mächtigen Gußlaternen, gesäumt von Kolossalgebäuden Stalinscher Fasson.
Erst vor kurzem, am Jahrestag der Befreiung Kiews im Zweiten Weltkrieg, haben Präsident Leonid Kutschma und sein Ministerpräsident Viktor Janukowitsch hier eine Parade veranstaltet, mit allem, was das Autokratenherz begehrt: Panzern, Bataillonen und einer Tribüne zum Winken. Heute aber zeigt sich, daß der Kreschtschatik auch etwas anderes sein kann: eine Straße, wie geschaffen zum Sturz von Oligarchen.
An jeder Würstchenbude war Demonstration
Wer bestimmen will, wie viele es waren, die an diesem Tag auf den Plätzen und Straßen in Kiew gegen die gefälschte Wahl vom Sonntag protestiert und den betrogenen Oppositionskandidaten Viktor Juschtschenko verteidigt haben, sollte die Hoffnung fahren lassen. In der Millionenstadt Kiew war es am Dienstag unmöglich, eine Trennlinie zwischen Demonstranten und Nichtdemonstranten zu ziehen.
Kundgebungen im engeren Sinne waren vor allem für den Platz vor dem Parlament geplant, der Werchowna Rada, außerdem, wie schon in den vergangenen Tagen, für den Unabhängigkeitsplatz, das Herz der Stadt. Die Realität aber war, daß an jeder Hotelrezeption, in jedem Bahnhofsfoyer, an jeder Würstchenbude Demonstration war.
Die ganze Stadt auf den Beinen
Wo immer drei zusammenstanden, wehte von irgendeiner Armbinde, Mütze oder Autoantenne das orangefarbene Band der Opposition. In jeder Gasse füllte rhythmisches Hupen, Rufen und Lachen die Winterluft. Der Kreschtschatik füllte sich schließlich ohne Planung wie von selbst. Am frühen Nachmittag hatte sich der Strom der Revolutionsbummler derart verdichtet, daß aus losen Grüppchen eine ruhig strömende, Fahnen und Wimpel schwenkende, rufende, lachende Marschgemeinde geworden war.
Es ist mehr als eine Redensart, wenn hier festgestellt wird: die ganze Millionenstadt Kiew ist auf den Beinen gewesen - und niemand, kein einziger, wurde gesehen, der die Macht unterstützt hätte: Kutschma und Janukowitsch.
Eine Situation wie aus dem Handbuch des Revolutionärs
Platz der Unabhängigkeit. Eine Situation wie aus dem Handbuch des Revolutionärs: Ein Wahlausgang ist umstritten. Der angeblich siegreiche Kandidat der herrschenden Clans hat sich nach einem ergaunerten Sieg unter dem Beifall der russischen Regierung zum neuen Präsidenten erklärt.
Jetzt hat der formal unterlegene Oppositionskandidat das Volk herausgerufen. Unter dem Jubel von Zigtausenden läßt er sich zum Präsidenten ausrufen und kündigt einen Marsch auf das Parlament an. Die Wahlusurpation der alten Macht bezeichnet er als "Staatsstreich" und ruft die Bürger auf, durch eine friedliche Erhebung ihre "wahre" Entscheidung zu verteidigen.
Legitime Volkserhebung oder Rebellion des Pöbels
Die Macht hat ihrerseits propagandistisch vorgesorgt und behält sich den Griff zur Gewalt vor. Der ukrainische Präsident Kutschma hatte schon am Samstag verkündet, er werde es einer "Minderheit" von Wahlverlierern nicht erlauben, in seinem Land die Logik der Entwicklung zu diktieren.
Aus dieser Sicht ist nicht die fortgesetzte Macht des Oligarchen Viktor Janukowitsch Putsch und Hochverrat, sondern der Versuch Juschtschenkos, durch einen angeblich aufgehetzten, ferngesteuerten, gewaltbereiten Mob die Wahlentscheidung zu annullieren. Legitime Volkserhebung oder Rebellion des Pöbels - zwischen diesen beiden Polen schwankten am Dienstag die Interpretationen der Ereignisse von Kiew.
Kein Mob
Was aber war die Realität? Kreschtschatik, Ecke Platz der Unabhängigkeit. Über Nacht haben einige hundert Aktivisten der Opposition hier ein Zeltlager errichtet. Jetzt, am frühen Morgen, stehen zwanzig, dreißig von ihnen Schlange an den wenigen Toilettenhäuschen, die am Straßenrand aufgestellt worden sind.
Weiter hinten werden an Neuankömmlinge Decken, Isoliermatten und Filzjacken ausgegeben. Jeder quittiert das Empfangene, und hinterher gibt es Tee und Borschtsch aus der Lagerküche. Das Lager ist mit Parkbänken, Stricken, Brettern umzäunt, und wer sich gehen läßt, wird hinausgewiesen. Dies ist kein Mob und will keiner sein.
Keine extremen Nationalisten
Unabhängigkeitssäule. Unter dem pompösen Denkmal der Ukrainischen Unabhängigkeit vor dem Hotel "Ukraina" stehen sie dicht gedrängt und hören aus den Lautsprechern, wie Juschtschenko sich zum Präsidenten ausruft. Applaus, Getrappel, rhythmisches Rufen und Hupen lassen das Zwerchfell vibrieren.
Plötzlich aber verstummt die Menge. Die Regie hat die Nationalhymne eingespielt, aber das Lied, ein kompliziert moduliertes Gesangswerk voll schweren Pathos, ist erst vor dreizehn Jahren beim Zerfall der Sowjetunion hier eingeführt worden.
Die Leute haben keine Bindung zu Text und Melodie, und während die Lautsprecher schmettern, schweigen sie lieber. Dies sind keine erzreaktionären Faschisten, die mit extremem Nationalismus das Land spalten wollen, wie die Macht es behauptet. Es sind nur Leute, die ihre Wahl verteidigen.
Leute, die endlich tun, was sie selber wollen
Bessarabischer Platz. Die Demonstration hat um sich gegriffen und das Lenindenkmal erreicht. Es geht in lockerem Strom zum Zentrum. Zwar ist vieles perfekt organisiert, Kamerawagen der Opposition fahren auf, Lastkraftwagen bringen Styroporplatten als Schlafunterlage für die Eisesnächte in der Zeltstadt herbei. Dennoch geschieht vieles spontan.
Es gibt keine megaphontragenden Losungsrufer, keine aufrüttelnde Marschmusik, keinen aggressiv gedrängten "Schwarzen Block". Die Menschen lachen und winken. Das Ganze wirkt mehr wie ein Nachmittagsspaziergang als wie ein Aufmarsch zu einer Schlacht.
Eine alte Frau in dickem Mantel hat in einer Tasche eine heiße Kanne mit heißem Tee mitgebracht. Der Schnabel der Kanne ist mit Zeitungspapier verstopft, damit nichts ausläuft, und als Wärmedämmung ist ein Strickpullover um das Gefäß geschlungen. Dies sind keine ferngelenkten Marionetten, die auf Befehl handeln. Es sind Leute, die endlich tun, was sie selber wollen.
Wilde Gerüchte
Zeltstadt, Ecke Prorizna-Straße. Im Camp haben die ganze Nacht über wilde Gerüchte die Runde gemacht. Der Kandidat Juschtschenko hatte am Abend die Warnung ausgegeben, organisierte Trupps des Regimes würden sich unter die Lagergemeinschaft mischen, Krawalle anzetteln und so eine Intervention der Staatsmacht provozieren.
Freunde, Verwandte, Bekannte haben die ganze Nacht per Mobiltelefon die neuesten Gerüchte weitergegeben. Einer will an der nördlichen Landesgrenze beobachtet haben, wie ganze Lastwagen-Ladungen mit russischen Spezialeinheiten in ukrainische Uniformen gesteckt wurden, um in Kiew aufzuräumen, weil die eigenen, ukrainischen Soldaten zur erforderlichen Brutalität nicht bereit sein könnten.
Sie sorgen sich, aber sie bleiben
Die jungen Männer und Frauen des Zeltlagers in ihren Pelzmützen und Wollsocken bilden dichte Spaliere am Lattenzaun und kontrollieren jeden, der kommt. Sie können verhaftet und Gott weiß wohin geschafft werden, wenn das hier schiefgeht, und sie haben vorgesorgt.
Ausweise und Mobiltelefone haben sie dabei, und jeder hat sich bei der provisorischen Lagerverwaltung registrieren lassen, damit im Falle eines Falles jedes Schicksal nachverfolgt werden kann. Sie machen sich Sorgen, aber sie bleiben.
Tausende stehen skandierend vor dem Parlament
Platz vor der Werchowna Rada. Am Nachmittag soll das Parlament zu einer Sondersitzung zusammentreten, um über die Absetzung der Zentralen Wahlkommission zu entscheiden. Juschtschenkos Hauptverbündete, die schöne, aber undurchsichtige frühere Ministerin Julija Timoschenko, hat die Bürger aufgerufen, vor dem Gebäude zusammenzuströmen. Jetzt stehen Tausende skandierend im Park vor den mächtigen Eingangssäulen, das Fahnenmeer wogt, und jede Minute werden es mehr.
Die Szene erinnert zunächst an die Parlamentsblockaden der verflossenen Bonner Republik, als die Polizei alle Mühe hatte, die Unversehrtheit der Bannmeile zu wahren und als der Bundestag stundenlang gelähmt war. In Kiew aber bleibt die Menge wie von selbst an einer schmalen Umzäunung stehen, welche die Sicherheitskräfte aufgerichtet haben.
Das Volk
Obwohl nur eine einzige lose Reihe von Polizisten ohne Helm und Stock die Menge vom Parlament trennt, versucht niemand, in das Gebäude einzudringen. Die Eingänge bleiben frei, niemand wird behindert. Die Leute wissen: Nach dieser mißratenen Wahl ist die Rada das letzte legitime Verfassungsorgan, und sie hüten sich, es zu verletzen. Dies ist kein Pöbel beim Staatsstreich, dies sind Bürger, die ihr Parlament um Hilfe rufen.
Was also war das alles an diesem Dienstag in Kiew? Wenn die Menge, die überall unabsehbar strömte, kein ferngelenkter Mob war, keine alkoholisierte Putschistenarmee, keine faschistische Horde und keine kopflos verängstigte Schafherde, was war sie dann? Vorläufige Diagnose, Stand Dienstag, fünfzehn Uhr: es war das Volk, das seine Wahl verteidigt.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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