http://www.faz.net/-gpf-7407s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.10.2012, 17:21 Uhr

Ukraine Die Schlacht um Wahlkreis 95

Das eigentliche Ringen um das Ergebnis geht in der Ukraine vielerorts erst nach der Abstimmung los. Die Atmosphäre ist vergiftet.

von , Kiew
© F.A.Z.-Foto Reinhard Veser Wählen in Irpin: Ein Schlägertrupp im Kulturhaus...

Der unrasierte, schwarzgekleidete Mann an der Tür muss nur einen Fingerzeig geben, dann strömen sie aus dem zur Feier der Parlamentswahl mit gelben und blauen Luftballons geschmückten großen Saal des Kulturhauses von Irpin heraus, füllen die Eingangshalle mit ihrem Geruch nach Schweiß, Rauch und Alkohol und sorgen dafür, dass niemand mehr in das Obergeschoss durchkommt: gut hundert ebenso dunkel gekleidete, düster blickende, stämmige Männer mit kurz geschorenen Haaren. Dort oben wertet die Bezirkswahlkommission die Abstimmungsprotokolle aus den Wahllokalen von Irpin aus. Der Wahlkreis Nummer 95 in dem 40.000-Einwohner-Städtchen 20 Kilometer nordwestlich von Kiew ist hart umkämpft - und die Schlacht um das Direktmandat hat nach der Auszählung der Stimmen erst richtig begonnen. Das ist nicht nur in Irpin so, sondern in vielen Wahlkreisen in Kiew und der Zentralukraine, in denen ein knapper Sieg von Oppositionskandidaten wahrscheinlich ist.

Reinhard Veser Folgen:

Auf der Treppe ins Obergeschoss des Kulturhauses stehen neben versiegelten Kartons mit Stimmzetteln die Leiter der Wahllokale. Die meisten von ihnen sind Frauen jenseits der 50; manche können sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie sind seit der Öffnung der Wahllokale am Sonntagmorgen um acht Uhr ununterbrochen im Einsatz. Jetzt ist es ein Uhr in der Nacht zum Dienstag, und manche von ihnen warten schon seit 20 Stunden auf dieser Treppe darauf, dass die Wahlkommission ihre Protokolle endlich annimmt. Nach Hause dürfen sie nicht, denn laut Wahlgesetz müssen die Wahlkommissionen aller Ebenen bis zum Abschluss ihrer Arbeit ununterbrochen arbeiten. Für die Bezirkswahlkommission scheint das aber nicht zu gelten: Sie hatte sich in der Nacht auf Montag eine Pause von acht Stunden gegönnt. Dann bearbeitete sie in der Zeit von halb elf Uhr vormittags bis Mitternacht die Protokolle von etwa 20 der 89 Wahllokale im Wahlkreis, nahm aber die Hälfte davon wegen angeblicher Formfehler nicht an. Jetzt diskutiert die Kommission wieder über eine Unterbrechung ihrer Arbeit.

Wer die dunkel gekleideten Männer sind und in wessen Auftrag sie handeln, kann im Kulturhaus niemand mit Sicherheit sagen. In ukrainischen Medien werden sie mit einer Beschreibung charakterisiert, die ein Synonym für die Schlägertrupps des organisierten Verbrechens ist: „junge Männer von sportlicher Gestalt“. Das seien wohl Leute von Petro Melnyk, dem Kandidaten der „Partei der Regionen“ von Präsident Janukowitsch, sagt ein Oppositionsaktivist. Melnyk ist ein wichtiger Mann in Irpin, er ist Parlamentsabgeordneter und Direktor der Hochschule der Steuerverwaltung, die der größte Arbeitgeber der Stadt ist - und er hat einen Ruf, zu dem diese Männer passen.

21942516 © F.A.Z.-Foto Reinhard Veser Vergrößern ... und ein Sekretär der Bezirkswahlkommission mit einem Protokoll.

Die Leute in Irpin erzählen, Melnyk habe eine Rede vor seinen 3000 Studenten gehalten, in der er sie vor den Konsequenzen eines schlechten Ergebnisses für ihn gewarnt habe. In den Studiengruppen gebe es Leute, die dafür verantwortlich seien, dass die Studenten zur Wahl gingen und richtig abstimmten, sagt ein Wahlbeobachter der Opposition. Außerdem seien in den Wohnheimen der Hochschule vor der Wahl auffällig viele neue Bewohner registriert worden. Diese Vorwürfe zu beweisen, ist schwierig - aus den Wählerlisten geht nicht hervor, wer wann in Irpin registriert wurde. Landesweit bekannt wurde Melnyk, ein dicker Mann mit der Ausstrahlung eines sowjetischen Parteifunktionärs, im März durch einen Vorfall, den ein Video auf Youtube zeigt: Bei der Bürgermeisterwahl in einem kleinen Städtchen des Bezirks nahm er eine Abgeordnete der Opposition, die die Abstimmung beobachten wollte, in den Schwitzkasten und schleifte sie aus dem Raum.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kein Abi, kein Studium Die Lüge der Petra Hinz

Eine SPD-Bundestagsabgeordnete hat Abitur und Studium vorgetäuscht und ist nach 30 Jahren aufgeflogen. Inzwischen kann man erkennen, dass sie ein Leben wie ein Phantom geführt hat – und wohl einige Mitwisser hatte. Mehr Von Timo Steppat, Essen

24.07.2016, 09:21 Uhr | Politik
Wahlkampf in Amerika Hillary Clinton erklärt Tim Kaine zu ihrem Vize

Hillary Clinton hat Tim Kaine als ihren Kandidat für das Vizepräsidentenamt nominiert. Der Senator aus Virginia war früher Bürgermeister von Richmond und gilt als profilierter Politiker, der sich für eine Liberalisierung der Einwanderungsgesetze stark macht. Mehr

24.07.2016, 19:25 Uhr | Politik
Russisches Olympia-Geschäft Annektiert, abgekauft, abgemeldet

Russlands Leichtathletikverband hatte der Ukraine für Wera Rebrik von der Krim 150.000 Dollar gezahlt. Die Speerwerferin sollte in Rio Olympia-Gold holen. Ein ganz schlechtes Geschäft. Mehr Von Denis Trubetskoy, Kiew

23.07.2016, 13:36 Uhr | Sport
Reutlingen Mann tötet Frau mit Machete und verletzt weitere Menschen

Am Sonntagnachmittag hat ein 21 Jahre alter Mann in Reutlingen eine Frau getötet. Anschließend verletzte der mutmaßliche Täter weitere Menschen mit dem Messer, wurde jedoch nach kurzer Zeit von der Polizei festgenommen. Erste Ermittlungsergebnisse deuten auf eine Beziehungstat hin. Mehr

25.07.2016, 08:04 Uhr | Gesellschaft
Terror und Amokläufe Der Wahnsinn der Mörder ist ansteckend

Die freie Gesellschaft darf sich vom Wahnsinn der Mörder nicht anstecken lassen. Der wichtigste Erfolg für Terroristen ist jedoch, dass dies zum Teil schon geschehen ist. Mehr Von Friederike Haupt

23.07.2016, 19:07 Uhr | Politik