Home
http://www.faz.net/-gq5-rwz9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ukraine Die Rächerin Julija und der zweideutige Viktor

24.03.2006 ·  Während der ukrainischen Revolution in Orange von 2004 kämpfte Julija Timoschenko mit Viktor Juschtschenko Seite an Seite. Bei der Parlamentswahl am kommenden Sonntag führt sie ihre eigene Kampagne - mit neuer Farbe.

Von Konrad Schuller, Kiew
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Julija Timoschenko, der Popstar der ukrainischen Politik, hat wieder die Farben gewechselt. Schon ihr Aufstieg während der „Orange Revolution“ von 2004 war ein Ergebnis radikaler Selbstumwandlung gewesen. Die Frau, welcher Mutter Natur eigentlich eine mediterrane Ausstrahlung mit dunklen Haaren und braunen Augen mitgegeben hatte, erfand damals die kunstblonde Ikone Julija: die Märchenslawin mit dem geflochtenen Haarkranz, ebenso traditionsverbunden wie aufreizend polyglott durch die Rap-Songs der Revolutionsregie, ebenso schutzbedürftig mit ihrem kindlichen Schmollmund wie dominant in ihren unerschwinglichen Chanel-Kostümen.

Jetzt ist die Revolution vorüber. Julija Timoschenko hat mit ihrem früheren Mitstreiter, Präsident Juschtschenko, gebrochen. Sie führt zur Parlamentswahl am Sonntag ihre eigene Kampagne, und sie hat sich wieder einmal neu geschaffen. An die Stelle der Kampagnenfarbe Orange trat Schneeweiß - das Symbol für den Anspruch, anders als Juschtschenkos Umgebung den Versuchungen der Korruption stets widerstanden zu haben. Frau Timoschenko trägt ihre neue Farbe vorzugsweise in Gestalt flauschiger Häschenpullover am Leibe, wobei ein feuerrotes Herz über der Brust die Leiden der Schmerzensmutter für die verratene Revolution hervorhebt.

Endkampf zwischen Korruption und Demokratie

Jenseits von Herz und Häschen haben die Tüftler aus Timoschenkos politischem Designstudio auf ihren Plakaten noch eine weiter Facette der neuen Julija kreiert: die Julija des unbedingten Konflikts, welche die kommende Wahl wieder einmal zur Entscheidung auf Leben oder Tod stilisiert, zu einem Endkampf zwischen Korruption und Demokratie.

Timoschenko besetzt mit dieser Inszenierung eine Nische im ukrainischen Wahlkampf, die ihr wie angegossen paßt. Juschtschenko hat nach dem Bruch des Revolutionsbündnisses vorsichtig, aber konsequent darauf hingearbeitet, seinen Wahlblock Unsere Ukraine für eine mögliche Koalition mit dem alten Gegner Viktor Janukowitsch zu öffnen, zumal dessen Partei der Regionen allen Umfragen zufolge die stärkste Kraft des nächsten Parlaments sein wird, während er selbst mit dem Block Julija Timoschenko um den zweiten Platz konkurriert. Seine Aversion gegen die flammend-populistische Timoschenko ist nach den Konflikten des letzten Sommers geradezu körperlich spürbar. Eine Koalition mit dem alten Gegner gilt deshalb vielen Beobachtern als plausible Möglichkeit, obwohl Janukowitschs Partei der Regionen genau jene Kraft ist, die im Herbst 2004 mit ihren eklatanten Wahlfälschungen die orange Revolution ausgelöst hat.

Juschtschenkos Lager hält sich alle Wege offen

Hier nun kommt die Rächerin Julija ins Spiel. Laut Timoschenko nämlich wäre die Rückkehr Janukowitschs in die Regierung das „Ende der Demokratie“. Wenn die Partei der Regionen wieder an die Macht käme, könne man all die Errungenschaften der Revolution vergessen - die Herrschaft des Rechts ebenso wie die Entmachtung der „Mafia“. Den zweideutig manövrierenden Juschtschenko fordert sie deshalb bei jeder Gelegenheit auf, klar zu sagen, ob er eine Koalition mit Janukowitsch wolle, ja oder nein. Je mehr sie fragt, desto weniger erhält sie eine Antwort.

Juschtschenkos Lager nämlich hält sich alle Wege offen. Man glaubt hier wahrgenommen zu haben, daß der Gegner von 2004 sich langsam wandle. Die Stahl- und Kohlemilliardäre aus dem russisch empfindenden Osten der Ukraine, welche die Partei der Regionen finanzieren, senden seit Monaten Zeichen des Umdenkens aus. Glaubt man ihren Signalen, so haben sie mittlerweile verstanden, daß für ihre in den wilden Wendejahren emporgeschossenen Kartelle die Zeit der europäischen Zivilisierung gekommen ist. Das Image der korrupten Oligarchen stört ihre Geschäfte ebenso wie allzu viel Nähe zum erdrückenden Beschützer Putin. Die Partei der Regionen profiliert sich deshalb zwar im Wahlkampf immer noch als Fürsprecher der russophonen Ostukraine, doch zumindest auf dem Papier befürwortet sie zugleich die „atlantische Integration“ des Landes sowie seine Annäherung an die Europäische Union (EU).

„Ehrlichste Wahl in der ukrainischen Geschichte“

Westliche Beobachter in Kiew betrachten diese Entwicklung aufmerksam. Erfahrene Diplomaten glauben zwar keinen Augenblick, daß die alten Clans, wenn sie über eine große Koalition den Weg zurück zur Macht fänden, ihre korrupten Unarten sofort aufgeben würden. Sie wissen aber auch, daß große Wirtschaftakteure, selbst solche von zweifelhafter Herkunft, mehr Interesse an der Fortsetzung der dringenden Wirtschaftsreformen haben könnten als etwa Timoschenko, die in ihrer kurzen Zeit als Ministerpräsidentin die Wirtschaft durch Preisdiktate und andere Markteingriffe verschreckte. Westliche Diplomaten in Kiew sehen deshalb einer solchen Koalition ohne Begeisterung, aber mit Gefaßtheit entgegen.

Diese Gefaßtheit ist um so größer, als die ukrainische Demokratie heute, im Frühjahr 2006, tatsächlich auf wesentlich festeren Füßen steht als noch vor der Revolution. Die Wahl am kommenden Sonntag verspricht, wie der amerikanische Botschafter Herbst sich unlängst ausdrückte, die „ehrlichste in der ukrainischen Geschichte“ zu werden. Die Schikanierung der Presse, der Druck auf die Wähler und die Mordanschläge des Wahlkampfs 2004 sind Vergangenheit, und auch der Chef der OSZE-Wahlbeobachter, Lubomir Kopaj, hat bestätigt, daß der Wahlkampf im großen und ganzen internationalen Standards entsprochen hat.

Timoschenkos Alarmruf vom „Ende der Demokratie“ hat deshalb Juschtschenko nicht zur Absage an Janukowitsch zwingen können. Welche Koalition er nach der Wahl anstreben werde, stellte er kürzlich fest, werde sich zeigen, wenn nach dem 26. März die Kräfteverhältnisse klar seien. Dann erst werde entschieden - und zwar so, wie das „nationale Interesse“ es verlange. Das Schwert der schönen Julija ist bisher abgeprallt.

Quelle: F.A.Z., 25.03.2006, Nr. 72 / Seite 7
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3