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Ukraine Die Geheimnisse des dritten Siegers

19.01.2010 ·  Wenn Julija Timoschenko die Stichwahl in der Ukraine gewinnen will, braucht sie die Stimmen aus dem „orange Lager“ und der Anhänger des drittplazierten Sergej Tihipko. Bisher lehnt er eine Empfehlung jedoch kategorisch ab.

Von Reinhard Veser, Kiew
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Der heimliche Sieger der ukrainischen Präsidentenwahl heißt Sergej Tihipko. Zu Beginn des Wahlkampfs im Oktober vergangenen Jahres lag der frühere Nationalbankpräsident in Umfragen in der Rangliste der 18 Kandidaten noch nahe an den Abstiegsrängen, bei der Abstimmung am Sonntag wurde er jedoch mit etwa 13 Prozent der Stimmen Dritter. Der Ausgang der Stichwahl zwischen Ministerpräsidentin Julija Timoschenko und Viktor Janukowitsch am 7. Februar wird daher in starkem Maße davon abhängen, wem sich seine Wähler zuwenden - und eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Tihipko lehnte am Sonntagabend eine Wahlempfehlung kategorisch ab: „Meine Wähler sind intelligente Menschen, die selbst nachdenken und entscheiden, bevor sie abstimmen. Deshalb werde ich ihnen keine Ratschläge für die zweite Runde geben.“

Im Wahlkampf hat sich Tihipko als neues Gesicht in der ukrainischen Politik dargestellt, als Mann, der jenseits der beiden Lager steht, deren Konfrontation der Ukraine seit der „orange Revolution“ vor fünf Jahren Lähmung und Chaos beschert hat. Seine Kampagne wandte sich gezielt an junge, gutausgebildete Städter, jene in den vergangenen Jahren entstandene Mittelklasse, die eine Modernisierung des Landes wünscht. Neu in der ukrainischen Politik ist Tihipko aber nicht - er hatte nur eine Pause davon gemacht, während der er die TAS-Kommerzbank, die er seit Anfang der neunziger Jahre unter verschiedenen Bezeichnungen aufgebaut hatte, für laut Medienberichten 735 Millionen Euro an skandinavische Investoren verkauft hat. Tihipko war 1997 mit 37 Jahren stellvertretender Ministerpräsident, war anschließend Wirtschaftsminister und von 2002 bis 2004 schließlich Präsident der ukrainischen Nationalbank.

„Keine Ratschläge für die zweite Runde“

Der Grund für Tihipkos zeitweiligen Abschied aus der Politik lag in seiner Rolle während der „orange Revolution“. 2004 war er der Wahlkampfleiter Viktor Janukowitschs und damit möglicherweise mitverantwortlich für die Repressionen, Manipulationen und Fälschungen, mit denen das Regime damals dessen Sieg über den Oppositionskandidaten Viktor Juschtschenko sicherstellen wollte, den nun scheidenden Präsidenten. In Tihipkos Lebenslauf auf seiner Internetseite wird diese Funktion allerdings verschwiegen - im Gegensatz zu einer anderen Station seiner Laufbahn, die zwanzig Jahre zurückliegt und ihn vermutlich auf verschiedene Weise mit Julija Timoschenko verbindet: Ende der achtziger Jahre war Tihipko in der ostukrainischen Industriestadt Dnipropetrowsk, aus der die Ministerpräsidentin stammt, Chef der kommunistischen Jugendorganisation, des Komsomol. Viele jener Oligarchen, die nach dem Ende der Sowjetunion in Russland und der Ukraine schnell reich wurden, haben ihre Karrieren in dieser Organisation begonnen, die aktive Funktionäre als Vehikel nutzten, um Unternehmen zu gründen, als private Unternehmer in der Sowjetunion offiziell noch gar nicht existierten.

In seiner Komsomol-Funktion soll Tihipko Julija Timoschenko 1989 (laut russischen Presseberichten aus der Zeit der „orange Revolution“) geholfen haben, ihr erstes „Business“ ins Leben zu rufen, einen Verleih von Videokassetten. Sicher ist, dass die Propagandaabteilung des Dnipropetrowsker Komsomol damals von Olexandr Turtschinow geleitet wurde, der einer der engsten politischen Weggefährten Julija Timoschenkos ist und im Falle ihres Wahlsiegs vermutlich ihr Nachfolger als Ministerpräsident wird.

Tihipkos Rückkehr in die Politik begann damit, dass Julija Timoschenko ihn Anfang 2008 zu ihrem Wirtschaftsberater machte. Als er im Frühjahr 2009 ankündigte, er wolle zur Präsidentenwahl antreten, wurden daher Gerüchte laut, diese Kandidatur sei ein „Projekt“ der Ministerpräsidentin, das dazu dienen solle, Janukowitsch Wähler abspenstig zu machen.

In der Tat war Tihipko vor allem im Osten und Süden der Ukraine stark, wo Janukowitschs Hochburgen sind. In dessen Umgebung ist man sicher, dass die Stimmen für Tihipko auf Kosten von Janukowitsch gingen. Aber dies sei kein Grund zur Sorge, sondern zur Zuversicht: Man besitze soziologische Untersuchungen, nach denen die große Mehrheit der Wähler Tihipkos in der Stichwahl wieder für Janukowitsch stimmen werde, heißt es in dessen Partei. Julija Timoschenko dagegen nahm am Sonntagabend Tihipkos Wähler für das demokratische Lager in Anspruch: Sie gehörten zu jenen, die eine europäische und demokratische Ukraine wollen und es nie zulassen würden, dass ein Vertreter krimineller Kreise und zwielichtiger Oligarchen Präsident werde.

Wenn Julija Timoschenko die Stichwahl am 7. Februar gewinnen will, benötigt sie außer den Tihipko-Wählern auch die Stimmen derer, die für die verschiedenen Kandidaten aus dem einstigen „orange Lager“ gestimmt haben. So begann sie schon am Sonntagabend, um die Wähler ihres einstigen Bündnispartners Viktor Juschtschenko zu werben, mit dem sie heillos zerstritten ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass dessen national und westlich orientierte Anhänger für Janukowitsch, den Mann aus dem russischsprachigen Osten der Ukraine stimmen, ist gering. Die größere Gefahr für Julija Timoschenko ist, dass sie zu Hause bleiben.

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Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik.

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