10.09.2007 · Entsorgen lässt sich der Unglücksreaktor von Tschernobyl noch nicht. Darum soll er für die kommenden 100 Jahre unter einem stabilen Bauwerk verschwinden. Doch fast hätten internationale Interessengegensätze die Sicherung scheitern lassen.
Von Konrad Schuller, KiewWenn es um Tschernobyl geht, werden die Zeitspannen lang. 24.110 Jahre wird es dauern, bis das Plutonium, das vor 26 Jahren bei der Explosion von Reaktor 4 freigesetzt wurde, die Hälfte seiner Radioaktivität verloren haben wird. Achthundert Jahre könnten ins Land gehen, bis die strahlenden Sickerstoffe aus der Ruine über den natürlichen Strom des Grundwassers den Dnjepr erreichen, und seit zehn Jahren versucht die Staatengemeinschaft, zusammen mit der Ukraine ein Sicherheitskonzept für den Unglücksreaktor zu organisieren.
Mitte des Monats nun soll es soweit sein: Am 17. September wird die staatliche Betreibergesellschaft des Kernkraftwerks Tschernobyl das französisch dominierte Konsortium „Novarka“ vertraglich beauftragen, die Sicherung der Ruine zu übernehmen.
Für 100 Jahre wegsperren
Und auch hier tun sich wieder ungewöhnliche Zeiträume auf. Weil niemand weiß, wie der sichere Abbau des explodierten und danach zerschmolzenen, nach wie vor aber höchst radioaktiven Reaktors technisch bewerkstelligt werden kann, soll er zunächst einmal bis ins beginnende 22. Jahrhundert - vertragsgemäß für 100 Jahre - sicher weggesperrt werden.
Die jetzige Ruine, kurz nach der Katastrophe von 1986 durch ein improvisiertes und keineswegs stabiles Kartenhaus aus gigantischen Betonplatten, den sogenannten „Sarkophag“, vorläufig abgedeckt, soll unter einer gigantischen Bogenkonstruktion von gut 100 Meter Höhe und 250 Meter Spannweite verschwinden. Um die Arbeiter vor Strahlung zu schützen, ist geplant, den Bogen zunächst in sicherer Entfernung vom Kraftwerk zu errichten und ihn dann auf Schienen über die Trümmer des Unglücksreaktors gleiten zu lassen. Ende 2011 soll das Werk vollendet sein.
Danach will man sich hundert Jahre Zeit geben, um herauszufinden, wie die verstrahlte Ruine im Inneren der Abdeckung zerlegt und gelagert werden kann. Das gesamte Projekt soll einschließlich einiger Nebenwerke und Vorbereitungsarbeiten 1,39 Milliarden Dollar kosten - etwa das Doppelte dessen, was ursprünglich veranschlagt worden war. Das Geld kommt über die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) von 30 Geberstaaten und der EU, wobei Deutschland einen der größten Anteile trägt.
Querelen bei Auftragsvergabe
Lange hatte es nicht danach ausgesehen, als würde es noch zu dem Vertrag kommen. Nachdem der G-7-Gipfel von Denver 1997 beschlossen hatte, die Sicherung Tschernobyls zu finanzieren, sah es eine Zeitlang so aus, als würde das Projekt an den kaum lösbaren Interessengegensätzen zwischen der Ukraine und der EBRD sowie zwischen europäischen und amerikanischen Auftragsbewerbern scheitern.
Nachdem die EBRD, welche die Auftragsvergabe im Auftrag der internationalen Geber überwacht, das französisch dominierte Konsortium „Novarka“ für den geplanten Bau nominiert hatte, stellte sich das zuständige Kiewer Ministerium für Katastrophenschutz - damals unter der Führung von Viktor Baloha, dem heutigen Chef von Präsident Juschtschenkos Kanzlei - plötzlich quer. Alles deutete darauf hin, dass die damalige „orangefarbene“ ukrainische Regierung es viel lieber gesehen hätte, wenn der amerikanische Bewerber CH2M Hill den Auftrag erhalten hätte.
Eklatante Planungsfehler
Die Ursachen des Konflikts wurden unterschiedlich dargestellt. Europäische Gesprächspartner wiesen darauf hin, dass zu dem amerikanisch geführten Konsortium einige ukrainische Firmen gehörten, die vermutlich ihre Leute in der Umgebung des Ministers Baloha plaziert hätten. Mit stiller Unterstützung Amerikas versuche diese Seilschaft, das von der EBRD kontrollierte Vergabeverfahren zu beeinflussen und die europäische „Novarka“ zu verdrängen.
Im Kiewer Ministerium für Katastrophenschutz dagegen war eine andere Version gängig: Hier hieß es, man wehre sich gegen den Vorschlag der EBRD, weil deren Vergabe- und Kontrollgremien nicht in der Lage seien, kompetente Bieter von Pfuschern zu unterscheiden. Das Katastrophenschutzministerium - damals vertreten durch den zuständigen Abteilungsleiter Sergej Paraschin - hatte für seine Argumentation gegen die EBRD und die von ihr favorisierte „Novarka“ tatsächlich triftige Argumente vorzuweisen.
Das wichtigste war, dass erst vor wenigen Jahren ein ebenfalls von der EBRD beaufsichtigtes Zwischenlagerprojekt für abgebrannte Brennstäbe aus Tschernobyl wegen eklatanter Planungsfehler zum Totalschaden geraten war. Ein Prüfbericht stellte später fest, die Kraftwerksleitung habe zwar damals selbst falsche Angaben über die zu lagernden Brennstäbe gemacht.
Die auf Empfehlung der EBRD mit dem Bau beauftragten Europäer hätten allerdings ihrerseits diese Fehler ignoriert, obwohl sie für Fachleute leicht erkennbar gewesen seien, und stur eine unbrauchbare Anlage gebaut. Die Kontrolleure der EBRD schließlich hätten dem Desaster tatenlos zugesehen. Tatsache ist jedenfalls, dass für einen vermutlich dreistelligen Millionenbetrag eine komplett nutzlose Ruine errichtet wurde.
„Die Westler entscheiden alles“
Als nun die EBRD für das Zentralprojekt von Tschernobyl, den großen Bogen, abermals europäischen Bietern den Zuschlag geben wollte, stellte das Kiewer Ministerium für Katastrophenschutz zu seinem Erstaunen fest, dass das favorisierte Konsortium „Novarka“ zum Teil aus denselben Firmen bestand, die zuvor schon das spektakulär verunglückte Zwischenlager für Brennstäbe gebaut hatten: aus den französischen Konzernen Vinci und Bouygues. Aus der Sicht des Ministeriums schien die Folgerung klar: Die Europäer von „Novarka“ mussten zugunsten des amerikanisch-ukrainischen Bewerbers ausgebootet und die EBRD in ihren Kontrollrechten eingeschränkt werden.
„Die Westler entscheiden alles und gehen dann wieder, aber uns bleiben die Trümmer“, sagte Abteilungsleiter Paraschin damals der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Das wollen wir nicht mehr. Wir wollen, dass die Verantwortung für das Projekt und seine Führung in einer einzigen Hand liegt: in unserer.“
Da beide Seiten auf ihrem Standpunkt beharrten, die EBRD auf dem Ergebnis ihrer Ausschreibung und Kiew auf dem Abwehrreflex gegen die als inkompetent dargestellte ausländische Gängelung, schien das Projekt des „New Safe Confinement“, wie der geplante Bogen in der Fachsprache heißt, über Jahre blockiert.
„Nehmt es, oder lasst es bleiben“
Dass das Kraftwerk Tschernobyl am 17. September jetzt den lange abgelehnten Vertrag mit „Novarka“ wohl doch noch unterzeichnen wird, hat vermutlich mehrere Gründe. Zunächst dürfte der amerikanische Widerstand etwas nachgelassen haben, seit beschlossen wurde, der amerikanischen Firma Holtec den kompletten Neubau jenes missglückten Zwischenlagers zu übertragen. Darüber hinaus hat die störrische Gruppe um Baloha und Paraschin ihren Einfluss auf das Ministerium für Katastrophenschutz verloren.
Diese Seilschaft hatte Präsident Juschtschenko nahegestanden, aber als Anfang dieses Jahres der Konflikt zwischen ihm und Ministerpräsident Janukowitsch eskalierte, gelang es Janukowitschs Leuten, das Ministerium für sich zu erobern und die Leute des Präsidenten zu verdrängen. Der neue Minister Nestor Schufritsch nun ist ein Mann Janukowitschs. Von den amerikanisch-ukrainischen Verflechtungen, die Paraschin und Baloha unterstellt worden waren, ist er anscheinend nicht berührt, so dass europäische Fachleute ihn als zugänglich und kooperativ wahrnehmen können.
Der wichtigste Grund für die neue Geschmeidigkeit der ukrainischen Seite aber dürfte ein anderer gewesen sein: In der letzten Phase des Streits über den großen Bogen hatte die EBRD klargemacht, dass sie entschlossen sei, das ganze Projekt scheitern zu lassen, wenn die Ukraine sich weiter gegen den europäischen Ausschreibungssieger Novarka wehren sollte. „Nehmt es, oder lasst es bleiben“, war zuletzt die lakonische Auskunft gewesen - und Kiew griff zu. 1,39 Milliarden Dollar läßt man sich nicht einfach so entgehen.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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