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Uiguren-Proteste Gerücht als Auslöser blutiger Unruhen

20.07.2009 ·  Bei den Protesten im chinesischen Xinjiang gab es offiziell 192 Tote. Auslöser war ein Gerücht, nach dem im südchinesischen Shaoguan Uiguren zwei han-chinesische Mädchen vergewaltigt haben sollen.

Von Till Fähnders
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Vor mehr als zehn Tagen waren im nordwestchinesischen Xinjiang die Proteste der Uiguren eskaliert. Die Behörden haben gerade erst die offizielle Zahl der Opfer, die bei den blutigen Unruhen in der Provinzhauptstadt Urumtschi getötet wurden, auf 192 erhöht. Auslöser soll ein Vorfall Ende Juni im südchinesischen Shaoguan gewesen sein.

Zumindest war er wohl der Zündfunke, der die Uiguren auf die Straße trieb - wie es aussieht zunächst in friedlichem Protest. Wie es später zu den gewalttätigen Exzessen gegen Han-Chinesen kommen konnte, bei denen vermutlich auch die Sicherheitskräfte das Feuer gegen Uiguren eröffneten und auch Han-Chinesen auf Uiguren Jagd machten, ist nicht ganz klar. Doch wie konnten die Proteste in Urumtschi überhaupt durch Ereignisse provoziert werden, die mehr als 2000 Kilometer entfernt passierten?

400 Polizisten nötig, um die Lage unter Kontrolle zu bringen

In Shaoguan in der Provinz Guangdong hatten sich die Konflikte zwischen Uiguren und der Mehrheitsbevölkerung der Han-Chinesen, die in Urumtschi zur Explosion führten, schon einmal entladen, wenn auch unter anderen Vorzeichen und in deutlich kleinerem Ausmaß. Dort hatte es nicht mehr als eines Gerüchts bedurft, um Han-Chinesen mit Knüppeln, Messern und Äxten auf Uiguren einschlagen zu lassen. In Urumtschi waren es dann die Uiguren, die als Erste auf die Han-Chinesen losgingen - sofern man den offiziellen Angaben dazu glauben kann.

Wie bei den Ereignissen in Urumtschi gibt es auch bei dem Vorfall in Shaoguan einige Ungereimtheiten. Dies ist die offizielle Version des sogenannten „Shaoguan-Zwischenfalls“, wie sie zunächst durch die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua verbreitet worden war: „Bei einer Schlägerei zwischen Fabrikarbeitern in der südchinesischen Provinz Guangdong sind zwei Menschen getötet und 118 verletzt worden.“ Ort des Geschehens war die Xuri-Spielzeugfabrik in Shaoguan, die einem Hongkonger Tycoon gehören soll. Dort seien am 26. Juni mehrere hundert Fabrikarbeiter aufeinander losgegangen. 400 Polizisten seien nötig gewesen, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. In dieser Meldung war noch keine Rede davon, dass es sich bei den Todesopfern um zwei Uiguren handelte. Allerdings hieß es, dass im Mai und Juni 800 Wanderarbeiter aus dem Shufu-Landkreis in Xinjiang rekrutiert worden seien, um in der Fabrik zu arbeiten - offensichtlich Uiguren. Shufu gehört zum Verwaltungsgebiet Kaschgar ganz im Westen der autonomen Region Xinjiang.

Mit langen Knüppeln auf am Boden Liegende eingedroschen

In jüngerer Zeit sind offenbar viele Uiguren, darunter zahlreiche junge Frauen, im Zuge eines Arbeitsprogramms aus dem armen Westen in die prosperierenden Städte des Ostens und Südens gelockt worden. Damit wird die Hoffnung verbunden, dass die Wanderarbeiter einen Teil des dort verdienten Geldes nach Hause zurückbringen und somit etwas für die Entwicklung der Heimatregion tun. Dies ist ein in China beliebtes Entwicklungsmodell, das bereits in anderen Regionen zu einer Umverteilung des Reichtums ins Hinterland geführt hat. Doch inoffiziellen Berichten nach sollen einige der Uiguren eher gedrängt worden, denn aus eigenem Antrieb in den Süden gegangen sein. Viele fühlten sich in der neuen Umgebung fremd. Schnell kam es zu Verstimmungen.

Als Auslöser für die Gewalt in Shaoguan wurde später ein Gerücht ausgemacht, das über das Internet verbreitet worden war. Demnach hätten sechs Uiguren „zwei unschuldige Mädchen“ in der Fabrik vergewaltigt. In den frühen Morgenstunden des 26. Juni gingen daraufhin Hunderte han-chinesische Arbeiter mit Knüppeln, Stangen, Macheten, Küchenmessern und Äxten auf die Uiguren los, stürmten ihre Schlafsäle und schlugen wie wild auf sie ein. Videoaufnahmen der Kämpfe, die im Internet veröffentlicht wurden, deren Herkunft aber nicht zu verifizieren ist, zeigen eine Meute, die durch eine düstere Straße zieht. Lange Knüppel dienten dem Mob, um auf einzelne am Boden liegende Personen einzudreschen. Es war eine Entladung der Gewalt, die mehrere Stunden gedauert haben soll.

15 Verdächtige festgenommen

Unter den Han-Chinesen muss es aufgestaute Aggressionen gegen die Neuankömmlinge gegeben haben. In der chinesischen Bevölkerung sind stereotype Vorstellungen gegenüber den acht bis neun Millionen in China lebenden muslimischen Uiguren sehr verbreitet. Seit Jahren leiden die Uiguren unter den Vorurteilen, wie die im Exil lebende Uiguren-Führerin Rebiya Kadeer in einer Stellungnahme zu dem Zwischenfall sagte. Sie würden als Kriminelle und Terroristen abgestempelt. Die Staatspresse stelle die Uiguren als rückständig und gewalttätig dar.

Nach dem Vorfall in Shaoguan meldete die Presse, dass die Polizei den Urheber des Gerüchts festgenommen habe. Es handele sich um einen verärgerten früheren Arbeiter der Fabrik, der Rache üben wollte, weil ihm eine Wiedereinstellung verwehrt worden war. Das Gerücht sei falsch, da der Polizei keine Fälle von Vergewaltigung in der Fabrik, in der 18.000 Arbeiter beschäftigt sein sollen, gemeldet worden seien, hieß es. Insgesamt seien 15 Verdächtige festgenommen worden.

Von Sicherheitskräften bewacht

Doch viele Uiguren waren offenbar unzufrieden mit der Art, wie die Behörden den Fall behandelt hatten. Ihr Vorwurf: Die Sicherheitskräfte seien den Uiguren bei den Ausschreitungen nicht zu Hilfe gekommen. Außerdem vermuteten sie, dass erheblich mehr Uiguren getötet wurden, als offiziell angegeben. Den gleichen Verdacht hegen viele Uiguren auch nach den Unruhen in Urumtschi.

Die Ereignisse in Shaoguan ähneln vielen der zigtausend „Zwischenfälle mit Massenbeteiligung“, zu denen es jedes Jahr in China kommt. In zahlreichen Fällen haben Misstrauen gegenüber den Behörden, Zorn über verschleppte Ermittlungen oder Wut über korrupte Beamte zu Protesten und Unruhen geführt. Viele Bürger haben kein Vertrauen zu den Behörden und glauben auch den Berichten der chinesischen Presse nicht. Im Juni beteiligten sich Tausende Chinesen an mehrtägigen Ausschreitungen in der zentralchinesischen Stadt Shishou. Auslöser dort war der Tod eines Hotelkochs.

In Shaoguan sollen nun mehr als 700 der uigurischen Arbeiter in vier Kilometer von der Fabrik entfernt gelegenen Gebäuden untergebracht worden sein, die ständig von Sicherheitskräften bewacht werden. Es ist fraglich, ob sie wieder in der Spielzeugfabrik arbeiten werden - oder nach Xinjiang zurückkehren.

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