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Türkische Seifenoper Wie toll trieben es die alten Sultane?

 ·  Der türkische Ministerpräsident Erdogan ärgert sich über die Darstellung Süleymans des Prächtigen in einer Seifenoper. Nun soll ein Gesetz die teuren Ahnen vor Verunglimpfung schützen.

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© IMAGO Hahn im Korb: Süleyman I. (Mitte) und seine Frauen in der türkischen Fernsehserie „Das prächtige Jahrhundert“

Ein großer Mann braucht keine große Frau. Ihm reichen zwei kleine. Oder einige Dutzend. Diese Behauptung eines längst vergessenen westrumelischen Denkers traf zuvörderst auf die Sultane von Istanbul zu, deren breit gefächerte Möglichkeiten zur Triebabfuhr Generationen westlicher Reiseschriftsteller bis in das vorvergangene Jahrhundert hinein (und gelegentlich darüber hinaus) zu Autorenphantasien von schwüler Mediokrität angeregt haben. Die Helden solcher Schilderungen aus der Welt der Harems waren ritterliche Europäer und die von ihnen geretteten Frauen eigentlich sittsam, weshalb am Ende alles gut wurde.

Doch in der postritterlichen Zeit geht es anders zu, auch in der Türkei, wo die Sitten mangels Rittern schon von alters her weniger feinfühlig sind als anderswo. Heute werden sogar osmanische Sultane im türkischen Fernsehen als pflichtvergessene Wollüstlinge verunglimpft. Das aber will der seit 2002 herrschende türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan nun ändern. In einer auch im Ausland viel beachteten Rede erinnerte Erdogan die Türken Ende vergangenen Jahres – der eher nebensächliche Anlass war die Eröffnung eines Flughafens in der türkischen Provinz – an die Größe ihrer Vergangenheit und die daraus erwachsende Verantwortung: „Wir leben in einer Welt mit sieben Milliarden. Was unsere Aufgabe ist, wissen wir sehr gut. Wohin auch immer unsere Vorfahren auf Pferden geritten sind, dorthin gehen auch wir. Wir interessieren uns für jeden dieser Orte.“

Deshalb müsse sich die Türkei in Gaza, Syrien, Libanon, Kosovo, Irak, Aserbaidschan, Afghanistan, Burma und Somalia engagieren. An dieser Aufzählung war schon für sich genommen der Hinweis auf den von der Forschung bisher vollkommen ignorierten osmanischen Feldzug gegen Burma bemerkenswert, doch er wurde von einer anderen Aussage Erdogans verdrängt. Der Ministerpräsident brachte nämlich auch sein Missfallen an einer Fernsehserie zum Ausdruck, die der türkischen Vergangenheit nicht gerecht werde: „Muhtesem Yüzyil“ („Das prächtige Jahrhundert“) heißt das opulent ausstaffierte Kostümdrama, in dem es um die Leidenschaften und Intrigen am Hofe des Sultans Süleyman I. geht, auch „der Prächtige“, oder „der Gesetzgeber“ genannt. Es wird viel geliebt in „Muhtesem Yüzyil“, vor allem Roxelane, des Sultans rothaarige Lieblingsfrau, die historisch wahrscheinlich aus dem Gebiet der heutigen Ukraine stammt, in der Serie allerdings von einer aus Kassel stammenden Darbieterin verkörpert wird. Um der Dramaturgie willen wird in „Muhtesem Yüzyil“ allerdings nicht nur geliebt, sondern auch reichlich gehasst, intrigiert, gemeuchelmordet und getrunken.

„Wir haben keine solchen Vorfahren“

So sei es in Wahrheit aber nicht gewesen, sagt Erdogan: „Wir haben keine solchen Vorfahren. Wir haben keinen solchen Sultan Süleyman kennengelernt. Dreißig Jahre seines Lebens hat er auf einem Pferderücken verbracht. So wie in der Serie ist es nicht zugegangen im Palast“, schimpfte der neue Türkenvater über die von ihm als „Dokumentation“ bezeichnete Seifenoper. Das könne nicht so weitergehen, befand Erdogan, der frei nach Klaus von Dohnanyi und Daniel Kehlmann endlich seine Klassiker wiedererkennen möchte: „Ich verurteile die Regisseure dieser Serien und die Fernsehkanalbesitzer. Und obwohl wir die Verantwortlichen auf dieses Thema hingewiesen haben, erwarte ich auch von den Gerichten die nötigen Urteile. So ein Verständnis kann es nicht geben. Die nötige Lektion als Nation, die notwendige Antwort als Nation für das Spielen mit den Werten dieser Nation, muss innerhalb der Gerichtsbarkeit gegeben werden.“

Über diesen Vorfall ist viel berichtet worden, und er müsste niemanden weiter beschäftigen, wäre er folgenlos verraucht. Doch nun soll der unverkennbar erdoganeske Zornesausbruch in den kommenden Wochen womöglich in Gesetzesform gegossen werden. Der Istanbuler Parlamentsabgeordnete Oktay Saral von Erdogans „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) war federführend an dem Entwurf eines Gesetzes beteiligt, das die Herabwürdigung von „Ereignissen und Persönlichkeiten, die zu den nationalen Werten des Landes gehören“ unter Strafe stellen soll.

Filme, die „historische Wahrheiten“ entweder „verzerren“ oder „verändern“, soll es nicht mehr geben dürfen. Was eine historische Wahrheit ist, soll die Mehrheit festlegen, denn dazu wurde sie schließlich erfunden. Sarals Gesetzentwurf sieht vor, dass es in der Türkei künftig verboten sein soll, „historische Ereignisse“, die sich „in Übereinstimmung mit den nationalen Werten der Gesellschaft und den weithin akzeptierten Tatsachen über historische Gestalten“ befinden, anders darzustellen als von der Mehrheit gewünscht. Der Abgeordnete gibt sich zuversichtlich, dass „Muhtesem Yüzyil“ in Kürze vom Bildschirm verschwinden werde: „Danach werden unsere Kollegen Serien machen, die geeignet sind für die Familienstruktur der türkischen Nation, ohne unsere Jugend und Kinder zu verletzen und ohne eine Sprache, die uns erbost. Jetzt werden sie über so eine Serie viel nachdenken und dann eine machen.“

„Dann müsste aus den Fernsehern Blut tropfen“

Allerdings teilen nicht alle Türken die Empörung ihres Ministerpräsidenten und seiner Getreuen über die mangelnde Faktentreue der türkischen Sultansschnulze. In einem seiner letzten Artikel schrieb Ahmet Altan, der zurückgetretene Kolumnist der regierungskritischen Zeitung „Taraf“, dass nach den Kemalisten nun offenbar die AKP im Begriff sei, ihre eigene offizielle Geschichte der Türkei zu erfinden. Während die Kemalisten die Auswüchse von Atatürks Modernisierungsdiktatur beschönigten, gehe es den neuen Machthabern darum, die Glorifizierung der Sultansherrschaft durchzusetzen.

Altan erinnerte daran, dass die osmanische Geschichte der europäischen an Blutrünstigkeit in nichts nachsteht und zitierte aus den Werken anerkannter Historiker einige besonders grausame Episoden aus der Vergangenheit des Reiches, in deren Hauptstadt sich Sultane, Sultansmütter, Sultanssöhne, Lieblingsfrauen, Haremsdamen, Wesire, Janitscharenführer und andere Würdenträger ganz wie seinerzeit in Europa gegenseitig ermordeten, um an die Macht zu gelangen oder sie zu behalten. „Wenn die AKP im Fernsehen wirklich die ganze Wahrheit erzählen will, dann müsste aus den Fernsehern Blut tropfen, abgeschnittene Köpfe und ermordete Menschen von Kleinkindern bis zu Greisen wären zu sehen.“ Auch das Liebesleben der Osmanen sei anders gewesen als in den Vorstellungen der AKP. Achtzig Jahre lang, so Altan, hätten die Türken eine offizielle Geschichte voller Lügen anhören müssen – auf neue offizielle Lügen könnten sie nun gut verzichten.

Allerdings war Süleyman der Prächtige im Gegensatz zu seinem Vater Selim I. tatsächlich ein milder Herrscher. Da sein Vater bereits alle maßgeblichen Rivalen in der Herrscherfamilie umgebracht hatte, musste Süleyman nur noch hie und da einen Großwesir beseitigen lassen. So wurde der Wesir Makbul Ibrahim Pascha erdrosselt und sein Nachfolger Kara Ahmed geköpft, doch sonst musste sich Süleyman der Prächtige kaum mit den Details innertürkischer Personalpolitik befassen. Er konnte stattdessen Ruhm als osmanischer Heerführer erringen. Der Sultan eroberte Belgrad, machte Ungarn zur osmanischen Provinz, nahm Rhodos und Bagdad ein, schlug vor der albanischen Küste eine alliierte Flotte unter Andrea Doria. Als Staatsmann tat er sich außerdem durch eine umfangreiche Gesetzgebung hervor. (Siehe dazu auch: „Das Kanzleiwesen Süleymans des Prächtigen“, Wiesbaden 1974)

Hurende und trinkende Herrscher passen nicht

Weil sich die Kodifizierung des ostanatolischen Gewohnheitsrechts allerdings ebenso schwer für eine Unterhaltungsserie in Szene setzen lässt wie die zweifellos faszinierende Entwicklung des osmanischen Katasterwesens auf dem Balkan, kommen diese historischen Leistungen Süleymans in „Muhtesem Yüzyil“ tatsächlich ein wenig kurz. Allerdings stört sich Tayyip Erdogan ohnehin nur selektiv an historischen Zerrbildern. Als im vergangenen Jahr der islamische Agitpropfilm „Fetih 1453“ über die Eroberung Konstantinopels in der Türkei Millionen Kinogänger begeisterte, hatte Erdogan nichts daran auszusetzen, dass hier alle Christen als moralisch verkommene, daueralkoholisierte, hurende Gauner, die Eroberer dagegen als tadellose Ehrenmänner gezeigt wurden.

Solche Darstellungen sind nicht die Ausnahme im neuen türkischen Massenfilm. In der vergangenen Woche beschwerten sich Angehörige der griechischen Minderheit Istanbuls beim türkischen Rundfunkrat über eine Serie, in der alle negativen Charaktere – wie Prostituierte, Verräter und Kollaborateure – als Griechen dargestellt seien. Die Verfasser der Beschwerde hielten sogar eine Erläuterung darüber für nötig, dass Übeltaten und Lügen in allen Gesellschaften existierten und nicht nur von einer bestimmten Ethnie zu verantworten seien.

Doch Erdogan spricht mit seiner Kritik ein durchaus verbreitetes Geschichtsbild der Türken an, in dem tadellose (und selbstverständlich muslimische) Männer das Abendland die Sitten lehren. Die Türken stellen sich ihre Sultane als unbeugsame Männer vor, als John Wayne mit Turban. Hurende und trinkende Herrscher passen nicht zu diesem Bild. Andererseits sind die Feierabendepen aus der guten alten Zeit gerade deshalb so beliebt beim türkischen Publikum, weil es dort auch bunt und verwegen zugeht. Wenn die Produzenten von „Muhtesem Yüzyil“ die richtigen Schlüsse aus den Empfehlungen ihres Ministerpräsidenten ziehen, wird ein Verbot der Serie daher am Ende nicht nötig sein. Zum einen hat Erdogan schon häufiger seinen kernigen Ankündigungen (etwa zur Wiedereinführung der Todesstrafe) keine Taten folgen lassen. Sie dienen ihm eher dazu, nationalistische Wähler an sich zu binden. Zum anderen lassen sich die heimtückischen, von niedrigen Begierden zerfressenen Bösewichter, ohne die kein Drama auskommt, auch mit Christen besetzen. Dann höben sich die Sultane umso deutlicher vom Otterngezücht der Ungläubigen ab. Das Publikum will es so, und Erdogan leuchtet ihm heim.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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