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Türkische Seifenoper Wie toll trieben es die alten Sultane?

Der türkische Ministerpräsident Erdogan ärgert sich über die Darstellung Süleymans des Prächtigen in einer Seifenoper. Nun soll ein Gesetz die teuren Ahnen vor Verunglimpfung schützen.

© IMAGO Hahn im Korb: Süleyman I. (Mitte) und seine Frauen in der türkischen Fernsehserie „Das prächtige Jahrhundert“

Ein großer Mann braucht keine große Frau. Ihm reichen zwei kleine. Oder einige Dutzend. Diese Behauptung eines längst vergessenen westrumelischen Denkers traf zuvörderst auf die Sultane von Istanbul zu, deren breit gefächerte Möglichkeiten zur Triebabfuhr Generationen westlicher Reiseschriftsteller bis in das vorvergangene Jahrhundert hinein (und gelegentlich darüber hinaus) zu Autorenphantasien von schwüler Mediokrität angeregt haben. Die Helden solcher Schilderungen aus der Welt der Harems waren ritterliche Europäer und die von ihnen geretteten Frauen eigentlich sittsam, weshalb am Ende alles gut wurde.

Michael Martens Folgen:

Doch in der postritterlichen Zeit geht es anders zu, auch in der Türkei, wo die Sitten mangels Rittern schon von alters her weniger feinfühlig sind als anderswo. Heute werden sogar osmanische Sultane im türkischen Fernsehen als pflichtvergessene Wollüstlinge verunglimpft. Das aber will der seit 2002 herrschende türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan nun ändern. In einer auch im Ausland viel beachteten Rede erinnerte Erdogan die Türken Ende vergangenen Jahres – der eher nebensächliche Anlass war die Eröffnung eines Flughafens in der türkischen Provinz – an die Größe ihrer Vergangenheit und die daraus erwachsende Verantwortung: „Wir leben in einer Welt mit sieben Milliarden. Was unsere Aufgabe ist, wissen wir sehr gut. Wohin auch immer unsere Vorfahren auf Pferden geritten sind, dorthin gehen auch wir. Wir interessieren uns für jeden dieser Orte.“

Deshalb müsse sich die Türkei in Gaza, Syrien, Libanon, Kosovo, Irak, Aserbaidschan, Afghanistan, Burma und Somalia engagieren. An dieser Aufzählung war schon für sich genommen der Hinweis auf den von der Forschung bisher vollkommen ignorierten osmanischen Feldzug gegen Burma bemerkenswert, doch er wurde von einer anderen Aussage Erdogans verdrängt. Der Ministerpräsident brachte nämlich auch sein Missfallen an einer Fernsehserie zum Ausdruck, die der türkischen Vergangenheit nicht gerecht werde: „Muhtesem Yüzyil“ („Das prächtige Jahrhundert“) heißt das opulent ausstaffierte Kostümdrama, in dem es um die Leidenschaften und Intrigen am Hofe des Sultans Süleyman I. geht, auch „der Prächtige“, oder „der Gesetzgeber“ genannt. Es wird viel geliebt in „Muhtesem Yüzyil“, vor allem Roxelane, des Sultans rothaarige Lieblingsfrau, die historisch wahrscheinlich aus dem Gebiet der heutigen Ukraine stammt, in der Serie allerdings von einer aus Kassel stammenden Darbieterin verkörpert wird. Um der Dramaturgie willen wird in „Muhtesem Yüzyil“ allerdings nicht nur geliebt, sondern auch reichlich gehasst, intrigiert, gemeuchelmordet und getrunken.

„Wir haben keine solchen Vorfahren“

So sei es in Wahrheit aber nicht gewesen, sagt Erdogan: „Wir haben keine solchen Vorfahren. Wir haben keinen solchen Sultan Süleyman kennengelernt. Dreißig Jahre seines Lebens hat er auf einem Pferderücken verbracht. So wie in der Serie ist es nicht zugegangen im Palast“, schimpfte der neue Türkenvater über die von ihm als „Dokumentation“ bezeichnete Seifenoper. Das könne nicht so weitergehen, befand Erdogan, der frei nach Klaus von Dohnanyi und Daniel Kehlmann endlich seine Klassiker wiedererkennen möchte: „Ich verurteile die Regisseure dieser Serien und die Fernsehkanalbesitzer. Und obwohl wir die Verantwortlichen auf dieses Thema hingewiesen haben, erwarte ich auch von den Gerichten die nötigen Urteile. So ein Verständnis kann es nicht geben. Die nötige Lektion als Nation, die notwendige Antwort als Nation für das Spielen mit den Werten dieser Nation, muss innerhalb der Gerichtsbarkeit gegeben werden.“

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