19.04.2007 · Nach dem Überfall auf einen christlichen Verlag in der osttürkischen Stadt Malatya hat die Polizei zehn Personen festgenommen. Medienberichten zufolge sollen einige von ihnen bereits gestanden haben. Bei dem Anschlag war auch ein Deutscher getötet worden.
Nach dem Mord an den drei Mitarbeitern eines Bibelverlages im osttürkischen Malatya hat die Polizei fünf weitere Verdächtige festgenommen. Damit sei die Zahl der Tatverdächtigen auf zehn gestiegen, sagte Gouverneur Halil Ibrahim Dasöz am Donnerstag vour Journalisten in Malatya. Alle zehn sind 19 bis 20 Jahre alt. Es lägen keine Vorstrafen gegen die Beschuldigten vor, hieß es weiter. Nach möglichen Hintermännern oder auftraggebenden Organisationen werde gefahndet. Er glaube, dass sich das Verbrechen rasch aufklären lasse, sagte der Gouverneur.
Vier Männer waren von der Polizei noch am Tatort festgenommen worden, der fünfte war aus dem Fenster im dritten Stock gesprungen; er wurde am Donnerstag weiter im Krankenhaus behandelt und war nach Worten des Gouverneurs noch nicht vernehmungsfähig. Presseberichten zufolge hatten die anderen Tatbeteiligten in ersten Polizeiverhören den Dreifach-Mord gestanden und angegeben, aus religiös-nationalistischen Motiven gehandelt zu haben. Die Zeitung „Milliyet“ zitierte einen mutmaßlichen Täter mit der Aussage: „Wir haben es fürs Vaterland getan.“
Auch ein Deutscher unter den Opfern
Bei dem Überfall auf das christliche Verlagshaus am Mittwoch ist auch ein Deutscher getötet worden. Das sagte Dasöz dem türkischen Nachrichtensender NTV. Die Angreifer hätten den Opfern die Kehlen durchgeschnitten, nachdem sie an Händen und Füßen gefesselt worden seien. Im Haus seien drei Tote gefunden worden.
Ziel des Überfalls war der christliche Zirve-Verlag, der nach Angaben des Besitzers Hamza Özant in der Vergangenheit mehrmals von Nationalisten bedroht worden war. Demnach protestierten diese dagegen, dass der Verlag die Bibel verteile. Dies werde in der Türkei oft als Beweis für vermeintliche missionarische Tätigkeit und damit als Versuch zur Unterwanderung der Einheit der Türkei bewertet.
Schwerverletzter alarmierte die Polizei
Mehrere Zeitungen berichteten, die Verdächtigen hätten vor dem Angriff am Mittwoch den Verlagssitz in einem Geschäftsgebäude in Malatya ausspioniert. Zudem sollen sie sich ein Auto gemietet haben, das als Fluchtwagen gedacht war. Bei den Verdächtigen war ein Brief gefunden worden, in dem sich die Gruppe als „fünf Brüder“ bezeichnete, die „in den Tod gehen“. Der türkische Außenminister Abdullah Gül sagte am Donnerstag, es werde noch untersucht, ob hinter der Gruppe der mutmaßlichen Täter noch Anstifter gestanden hätten.
Die Polizei wurde den Berichten zufolge zum Tatort gerufen, als der Mann aus dem Fenster des Verlagshauses stürzte. Als sich Polizisten und Passanten um den Schwerverletzten kümmerten, sei es diesem gelungen, sie auf das Geschehen im Haus aufmerksam zu machen. Im Inneren hätten die Beamten die Toten und einen zweiten Schwerverletzten gefunden.
Der ebenfalls aus Malatya stammende armenisch-türkische Publizist Hrant Dink war Anfang des Jahres von einem jungen Nationalisten ermordet worden. Danach hatte der Staat zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für Schriftsteller und Journalisten getroffen. (Siehe auch: Türkei: Kritischer Journalist in Istanbul ermordet)
„Gemeine Morde“
Mit „Entsetzen“ hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) auf den Überfall reagiert. „Ich verurteile diese furchtbare Tat auf das Schärfste“, erklärte er am Mittwoch bei seinem Besuch in Panama. Er gehe fest davon aus, dass die türkischen Behörden alles unternähmen, um das Verbrechen restlos aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. „Die Umstände dieser Tat müssen vollständig ans Licht gebracht werden“, forderte der Außenminister. Die deutsche Botschaft in Ankara stehe in engem Kontakt mit den türkischen Behörden. Ein Mitarbeiter der Botschaft befinde sich auf dem Weg in die Stadt Malatya.
Der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland hat den Mordanschlag „mit tiefem Entsetzen und Abscheu verurteilt“. Die Taten seien „unfassbar“, sagte der Sprecher des Rates, Ayyub Axel Köhler, am Donnerstag in Köln. „Es gibt keine religiöse Rechtfertigung für solche Überfälle“, sagte Köhler. Solche Taten dürften niemals geduldet werden. In Vers 256 der zweiten Sure garantiere der Koran das Recht auf Glaubensfreiheit. „Diese Grundlage darf niemals in Frage gestellt werden“, sagte er. „Ich hoffe, dass wir alle der Versuchung widerstehen, uns gegeneinander ausspielen zu lassen.“
„Wir sind alle Christen“
Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sagte, es reiche nicht aus, nur Beileidserklärungen abzugeben. „Es ist höchste Zeit, die gesellschaftliche Verantwortung für diese Taten zu übernehmen und offen über die Entwicklungen in der Türkei zu sprechen.“ In Istanbul protestierten rund 150 Menschen gegen das Verbrechen und zeigten sich solidarisch mit der christlichen Minderheit in der Türkei. Sie entzündeten Kerzen und entfalteten ein Plakat mit der Aufschrift „Wir sind alle Christen“.
Auch Muslime und Christen des Koordinierungsrates der Vereinigungen des christlich-islamischen Dialoges in Deutschland e.V (KCID) verurteilen die Bluttat und äußen sich schockiert. Melanie Miehl, christliche Vorsitzende des KCID sagte: „Die Morde konnten auf dem Hintergrund nationalistischer Propaganda in der Türkei geschehen. Auf keinen Fall dürfen nun muslimische Minderheiten im Westen dafür haftbar gemacht werden.“
EKD-Vorsitzender Huber „erschüttert“
Die stellvertretende europapolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Berichterstatterin für die Türkei, Lale Akgün, verurteilte „die gemeinen Morde auf das Schärfste“. Sollten sich die Berichte über einen „politischen Hintergrund der Tat bestätigen“, müsse die türkische Regierung dies sehr ernst nehmen, sagte Akgün in Berlin. „Und sie muss im Interesse des EU-Beitritts ihre Bemühungen, die Religionsfreiheit zu garantieren, weiter verstärken.“
Der Parlamentarische Geschäftsführer und menschenrechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen, Volker Beck, verurteilte den Anschlag als „erschreckend und von beispielloser Brutalität“. Die „islamische Geistlichkeit“ sei aufgefordert, „deutlich zu machen, dass Glaubenswechsel und Missionierung, also das Werben für den eigenen Glauben, als Teil der Glaubensfreiheit für alle Glaubensgemeinschaften gleichermaßen unveräußerlicher Teil der Menschenrechte“ seien.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) reagierte ebenfalls bestürzt auf den Überfall. Die Nachricht von der Ermordung der Verlagsmitarbeiter erschüttere ihn, sagte der Vorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, am Mittwoch in Hannover. Anlass des grauenhaften Geschehens sei, dass der Verlag in der Osttürkei Bibeln verteile. Die Bibel bezeuge das Wort des Lebens. Dieses Wort anderen anzubieten dürfe niemals Grund dafür sein, Menschen an Leib und Leben zu bedrohen.
Verquer
Andreas Henke (AndreasHenke)
- 18.04.2007, 19:24 Uhr
Herr Steffen, Herr Menzel u.a.
Patrick Stoll (rastanc)
- 18.04.2007, 19:37 Uhr
nun gut
Marc Müller (Krzyzak)
- 18.04.2007, 19:38 Uhr
alles zufällig
Klaus Steffen (krs)
- 18.04.2007, 19:41 Uhr
Beschämend..
Ali Esfahani (Esfahani)
- 18.04.2007, 19:46 Uhr