20.07.2007 · Obschon seit siebzig Jahren tot, prägt er noch immer das Denken und Trachten der Türken. Auch im Wahlkampf darf Atatürk deshalb nicht fehlen: Ihm fühlen sich alle irgendwo verpflichtet - von den Säkularen und Nationalisten bis hin zur Partei Erdogans. Wolfgang Günter Lerch über den „Übervater“ der Türken.
Von Wolfgang Günter LerchEs ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Zahl der Atatürk-Bilder in der Türkei oder der Büsten und Standbilder herauszufinden. Es dürften unüberschaubar viele sein. Wenn der Begriff „Übervater“ irgendwo zutrifft, dann in Bezug auf diesen General und Politiker, der - obschon bereits siebzig Jahre tot - noch immer das Denken und Trachten der Türken prägt.
Auch im Wahlkampf darf Atatürk nicht fehlen: Ihm fühlen sich alle irgendwo verpflichtet - von den Säkularen und Nationalisten bis hin zur Partei Erdogans. Die ungebrochen wirksame weltliche Ikonographie um Atatürk hat durchaus das Ausmaß, das früher in kommunistischen Ländern zu beobachten war; und dennoch lässt sich das nur schwer miteinander vergleichen.
Keiner traut sich ihn zu kritisieren
Eine in allen Punkten vollkommen einheitliche Meinung zu und über Atatürk gibt es zwar nicht, doch dass er der charismatische Retter der Nation und Gründer des neuen türkischen Staates, der Republik, mit bleibenden Strukturen war und deshalb Verehrung genießen muss - darin sind sich fast alle Türken einig.
Selbst die Kommunisten haben in früheren Jahrzehnten daran recht wenig herumgemäkelt, auch wenn sie ansonsten an der Republik und ihrem „bourgeoisen“ System vieles auszusetzen hatten. Und diejenigen unter den besonders radikalen Muslimen in der Türkei, die den Übervater wegen seines Vorgehens gegen den zu seiner Zeit alles beherrschenden Islam vielleicht hassen mögen, sagen es nicht laut.
Es geschieht immer in seinem Namen
Der gegenwärtige Wahlkampf wurde im Mai und im Juni von manchen zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen Säkularen und der regierenden AKP Erdogans stilisiert, was er gar nicht ist. Doch es versteht sich, dass die sogenannten Säkularen - ein sehr heterogener Club, der von den Alt-Stalinisten bis zur auf das politische Sektierertum heruntergekommenen „Sozialdemokratie“ reicht - immer besonders auf Atatürk abstellen.
Sie begreifen sich als die säkularen Rechtgläubigen, als Atatürks einzig legitime Gralshüter, wie auch das Militär, das zu putschen oder doch wenigstens zu intervenieren liebt. Das geschieht dann immer „im Namen Atatürks“ und seines Vermächtnisses, das er unter anderem in seiner berühmten „Rede an die Jugend“ niederlegte.
Spektakuläre Siege als General
Mustafa Kemal, der seit 1934 offiziell den Nachnamen „Atatürk - Vater der Türken“ führte (was eine seiner zahlreichen Reformen war, denn Familiennamen waren bis dahin unbekannt), stammte aus der Stadt Saloniki, die im Jahr seiner Geburt, 1881, unter dem Namen Selânik noch zum Osmanischen Reich gehörte. Erst nach den Balkankriegen 1912/13 verloren die Türken dieses Gebiet endgültig.
Der spätere Atatürk schlug die Laufbahn eines Offiziers ein und fand schon bald die Nähe zu jenen Militärs und Zivilisten, die unter dem Namen „Jungtürken“ bekannt geworden sind. Im Ersten Weltkrieg war er der einzige osmanische General, der spektakuläre Siege vorzuweisen hatte, insbesondere auf der Halbinsel Gallipoli, wo es den mit dem Deutschen Reich verbündeten Türken gelang, die Invasionstruppen der westlichen Mächte zurückzuschlagen, ein unerwarteter Sieg, dessen noch heute gedacht wird.
1923 proklamierte er die Republik
Im Jahre 1919 wurde Mustafa Kemal nach Samsun am Schwarzen Meer gesandt, um im Auftrag des besiegten Sultans die Bestimmungen des Waffenstillstandes durchzusetzen; doch er tat das genaue Gegenteil: Er organisierte den Widerstand gegen den letzten Sultan Mehmet VI. Vahidettin, der dabei war, die Türkei zu verschleudern.
Gegen die 1920 an der kleinasiatischen Küste gelandeten griechischen Armeen schuf er ein Volksheer des Widerstandes, das die Griechen, die weit nach Anatolien vorgedrungen waren, 1922 zurückschlug. Für die Griechen bedeutete das Verlassen Kleinasiens das Ende von dreitausend Jahren Besiedlung.
Smyrna wurde endgültig zu Izmir. Im gleichen Jahr erklärte Atatürks Regierung das Sultanat für abgeschafft, 1923 proklamierte er die Republik. Die der Türkei im Vertrag von Sèvres drohende territoriale Zerstückelung machte er in den Abmachungen von Lausanne 1923 rückgängig. Ein Jahr später wurde auch Abdülmecit, der letzte Kalif, der nur noch repräsentiert hatte, ins Exil geschickt, wie die gesamte Familie Osman, die seit etwa 1300 nach Christus insgesamt 37 Herrscher gestellt hatte.
Der Name „Türke“ war mehr ein Schimpfwort
Von diesem Zeitpunkt an setzte Atatürk eine politische und kulturelle Revolution ins Werk, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte, auch gegen manche Widerstände und nicht ohne autokratische Gewalt. Doch der größte Teil des türkischen Volkes folgte seinem Charisma.
Aus dem islamischen Universalreich der Osmanen sollte ein weltlicher Nationalstaat der Türken werden. Bis dahin war der Name „Türke“ mehr ein Schimpfwort gewesen. Der Sitz der Regierung wurde aus dem kosmopolitisch-osmanischen Istanbul in das anatolische Ankara verlegt, das nun Keimzelle des neuen Landes werden sollte. Dies war nicht nur als symbolischer Akt gedacht, sondern wurde durch eine umfassende Türkisierung untermauert.
Das osmanische Türkisch „reinigen“
Die islamischen Institutionen wurden weitgehend abgeschafft. Atatürk, religiös zum Agnostizismus neigend, schloss die Medresen, die Theologenschulen, und die Scharia-Gerichtshöfe. 1925 wurden die religiösen Orden und Bruderschaften (wenigstens offiziell) verboten. 1928 wurde der Satz, dass der Islam Staatsreligion sei, aus der Verfassung gestrichen.
Im gleichen Jahr wurde die arabische Schrift abgeschafft und durch ein lateinisches Alphabet ersetzt. Eine Sprachkommission begann damit, das zu zwei Dritteln aus persischen und arabischen Wörtern bestehende osmanische Türkisch zu „reinigen“, sprich türkische Wörter an die Stelle der alten zu setzen.
Eine Geschichtskommission schuf eine Vision türkischer Geschichte, in der das Osmanische Reich zur Episode innerhalb einer türkischen Universalgeschichte werden sollte. Wie manches, so ist auch das nur zum Teil gelungen, man tat hier und da auch des Guten zu viel.
In nur fünfzehn Jahren gänzlich verwandelt
Die Frauen erhielten das aktive und passive Wahlrecht. Der Fez wurde abgeschafft und durch europäische Kopfbedeckungen ersetzt. Europäische Rechtssysteme im Handels-, Zivil- und Strafrecht traten an die Stelle der Scharia, der religiösen Gesetzgebung. Als Atatürk 1938 im Dolmabahçe-Palast zu Istanbul starb, hatte sich die Türkei in nur fünfzehn Jahren wenigstens nach außen hin gänzlich verwandelt.
In der Außenpolitik lehnte Atatürk alle Abenteuer ab, die ganze Konzentration seines Wirkens galt den Zuständen daheim. Seit Atatürks Tod haben die Türken sich an dieser Figur, sie verehrend und ihr Denkmäler ohne Zahl errichtend, abgearbeitet. Die demokratische Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg hat dazu geführt, dass manches von Atatürks Reformen, denen man den Namen „Kemalismus“ gab, inzwischen aufgeweicht worden ist - als Folge eines gesellschaftlichen Pluralismus, der auch mit der Einführung des Mehrparteiensystems einherging.
Der Nationalismus ist nach wie vor stark, gerade bei vielen sogenannten Säkularen, der Islam hat stetig an Bedeutung zurückgewonnen. Das Osmanische Reich wird heute günstiger bewertet. Es war gegenüber den Minderheiten toleranter als die Republik. In der AK-Partei hat die Türkei heute eine Partei, die dem Islam der frommen Anatolier Rechnung trägt, ohne Atatürks Strukturen zu zerstören.