21.10.2007 · Bei den seit Jahren blutigsten Kämpfen zwischen kurdischen Rebellen und türkischen Soldaten sind am Wochenende 35 Menschen getötet worden. Die Führung in Ankara berief ein Krisentreffen ein.
Bei den seit Jahren blutigsten Kämpfen zwischen kurdischen Rebellen und türkischen Soldaten sind am Wochenende 44 Menschen getötet worden. Die türkische Armeeführung teilte mit, zwölf der im Grenzgebiet zum Irak Getöteten seien Soldaten. 16 weitere Soldaten wurden verwundet. 32 Kämpfer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) seien „außer Gefecht“, teilte der Generalstab der Türkei mit. Die Aufständischen hätten zudem „viele Geiseln“ unter türkischen Soldaten genommen, meldete die PKK-freundliche Nachrichtenagentur Firat.
Die Führung in Ankara berief ein Krisentreffen ein. Die politische und militärische Führungsspitze solle mit Staatspräsident Abdullah Gül über das weitere Vorgehen beraten, sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.
Keine sofortige Offensive
Angeblich ist trotz der jüngsten Gefechte mit der PKK zunächst keine grenzüberschreitende Offensive gegen die kurdische Rebellen im Irak geplant. Es müsse nicht zwingend eine sofortige Reaktion auf die Angriffe auf türkische Soldaten geben, erklärte Verteidigungsminister Vecdi Gönül am Sonntag nach Gesprächen mit seinem amerikanischen Kollegen Robert Gates in Kiew. Das türkische Militär plane zwar grundsätzlich einen solchen Einsatz - bevorzugt aber gemeinsam mit den Amerikaner.
Gates sagte, vor einer größeren Militäroperation müssten zunächst ausreichend Geheimdienstinformationen gesammelt werden, um gezielt gegen die Verstecke der Rebellen vorgehen zu können. „Eine große Truppe ohne genaue Ziele zu entsenden, kann leicht zu hohen Kollateralschäden führen“, sagte Gates.
Nach Angaben des türkischen Generalstabes waren die PKK-Kämpfer aus dem Irak in die türkische Provinz Hakkari eingedrungen. Sie hätten Posten der Armee angegriffen. Es habe Gefechte gegeben, bei denen die Armee Kampfhubschrauber eingesetzt habe. Die Kämpfe dauerten am Sonntag an. Nach kurdischen Angaben wurden mehrere türkische Soldaten verschleppt. Der türkische Nachrichtensender CNN- Türk berichtete, zehn türkische Soldaten würden vermisst.
Das türkische Parlament hatte am Mittwoch grünes Licht für grenzüberschreitende Einsätze der Armee gegen die PKK gegeben (siehe Türkisches Parlament erlaubt Militäraktionen im Nordirak). Die türkische Regierung wirft den Vereinigte Staaten vor, nichts gegen PKK-Stützpunkte in den nordirakischen Kurdengebieten zu unternehmen. Die Vereinigte Staaten, die Europäische Union, die NATO und der Irak haben Ankara zur Zurückhaltung aufgerufen. Die PKK kämpft seit mehr als 20 Jahren für mehr Autonomie in den Kurdengebieten. Die Gruppe wird von den Vereinigten Staaten und der EU als terroristische Vereinigung eingestuft.
PKK droht Öl-Pipelines in die Luft zu sprengen
Die PKK drohte am Samstag damit, im Falle einer türkischen Invasion im Nordirak Öl-Pipelines in die Luft zu sprengen. PKK- Sprecher Abdul Rahman al-Chaderchi sagte der Nachrichtenagentur Aswat al-Irak: „Es ist möglich, dass PKK-Kämpfer die Pipelines, die irakisches Öl für den Export in die Türkei transportieren, in die Luft jagen, wenn wir angegriffen werden sollten.“ Der Export des Öls, das in der Umgebung der nordirakischen Stadt Kirkuk gefördert wird, läuft über den türkischen Hafen Ceyhan.
Das irakische Parlament forderte die PKK-Kämpfer zum Verlassen des Landes auf. Parlamentspräsident Mahmud al-Maschhadani sagte am Sonntag nach einer kurzfristig einberufenen Sitzung: „Wir verurteilen die Angriffe gegen benachbarte Staaten, die von irakischem Gebiet aus erfolgen, und wir rufen die bewaffneten PKK-Mitglieder auf, das irakische Staatsgebiet zu verlassen.“ Notfalls müsse die Regierung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki die Aktivitäten der PKK stoppen.
Mit welchen Mitteln die irakische Regierung die Angriffe der kurdischen Kämpfer beenden soll, sagte Al-Maschhadani aber nicht. Das Gebiet im Nordirak, in dem sich nach türkischen Schätzungen 3500 PKK- Kämpfer verschanzt haben sollen, liegt im kurdischen Autonomiegebiet. Von einer möglichen gewaltsamen Vertreibung der PKK-Kämpfer will die Autonomieregierung bislang nichts wissen.
In der Ortschaft Al-Amedija in der Provinz Dohuk demonstrierten am Sonntag Tausende von Kurden gegen die türkischen Pläne für einen Angriff im Nordirak.