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Türkei : Erdogans Nachtwächter

Nächtliches Treiben am Galata-Turm im gleichnamigen Stadtviertel der türkischen Metropole Istanbul Bild: AFP

In der Türkei patrouillieren Hilfspolizisten durch die Stadtviertel. Der Job ist gefährlich. Die jungen Männer gelten als die Augen und Ohren des Präsidenten.

          Weil die Türkei oft mehr Nachrichten produziert, als durchschnittliche Menschen verdauen können, kann es schon einmal vorkommen, dass selbst wichtige Neuigkeiten kaum beachtet werden. So war es im Februar, als regierungstreue türkische Medien meldeten, die Machthaber in Ankara planten, mehrere tausend „Nachbarschaftswächter“ einzustellen. Das sollte die Verbrechensrate in türkischen Städten senken. Die Wächter, hieß es, sollten nachts durch die Straßen ihrer Stadtviertel patrouillieren und nach dem Rechten schauen. Doch in der Türkei, wo schon die heiße Phase des Wahlkampfs vor dem Verfassungsreferendum am 16. April begonnen hatte, erregte die Nachricht kaum Aufsehen, im Ausland auch nicht.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Zwei Monate später, am 29. April, schuf der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan dann Fakten: Per Notstandsdekret, seinem Lieblingsinstrument bei der Erschaffung einer Türkei nach seinen Vorstellungen, verfügte er, dass 7000 Stellen für „bekci“, Nachtwächter, zu schaffen seien. Das türkische Innenministerium teilte dazu mit, die Wächter sollten auf Anweisung Erdogans vor allem in Großstädten wie Istanbul, Ankara oder Adana eingesetzt werden, aber auch in südlichen Provinzen an der Grenze zu Syrien, in Gaziantep etwa oder in Hatay – und zwar jeweils zur Unterstützung der regulären Polizei.

          Vor einigen Tagen haben in Istanbul und anderen türkischen Städten mehrere hundert der neuen Hilfspolizisten ihren Dienst angetreten. Doch sollen sie wirklich nur das Sicherheitsgefühl der Bürger stärken, wie die Regierung behauptet? Oder sind die neuen Stadtteilwarte, die nachts als Augen und Ohren der Regierung um die Häuserblocks ziehen, nicht vor allem ein zusätzliches Instrument der Machthaber, um die Kontrolle über die eigenen Bürger zu verfeinern? Das behaupten türkische Oppositionspolitiker, von denen es, man muss das inzwischen wohl hervorheben, durchaus noch einige gibt, die nicht im Gefängnis sitzen.

          Im Visier kurdischer Scharfschützen

          Als „Gece Kartallari“, zu Deutsch „Nachtadler“, werden die neuen Wächter von den Türken bezeichnet. Bewerber um einen Adlerposten müssen türkische Staatsbürger sein und seit mindestens einem Jahr in dem Bezirk oder Stadtviertel leben, in dem sie ihren Dienst tun wollen. Wer eine Haftstrafe von mehr als sechs Monaten in seinem Register oder den Militärdienst noch nicht abgeleistet hat, kommt als Kandidat ebenso wenig in Frage wie Bewerber, die schon älter als 30 sind. Die Nachtadler sollen jung und vorbildlich sein.

          Im Südosten zahlt der Staat ihnen dafür durchschnittlich umgerechnet 400 bis 600 Euro im Monat, in Istanbul und Ankara, wo das Leben teurer ist, sogar knapp 850 Euro. Dafür müssen die Aufpasser sechs Nächte in der Woche jeweils von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens ihre Runden drehen. Insbesondere in Südostanatolien mit seiner hohen Arbeitslosigkeit ist das Geld, das der türkische Staat seinen Nachtwächtern zahlt, ein starker Anreiz.

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