30.03.2010 · Ein Interview des Ministerpräsidenten schien den Türkei-Besuch Angela Merkels zu belasten. Die Kanzlerin ließ sich nichts anmerken und kam Erdogan im Streit über türkische Schulen in Deutschland nur vordergründig entgegen.
Von Michael Martens, IstanbulIn diesen Monaten muss der türkische Außenminister oft an seinen alten Deutschlehrer denken. Der habe nämlich in der ersten Unterrichtsstunde auf dem deutschsprachigen Istanbuler Erkek Lisesi einen weisen Satz an die Tafel geschrieben: „Wenn es in der Welt keine Schwierigkeiten gäbe, gäbe es auch keinen Erfolg“. An diesen Satz erinnere er sich jedes Mal, wenn er Schwierigkeiten gegenüberstehe, sagt Ahmet Davutoglu, der seit Mai vergangenen Jahres Chef des Außenamtes in Ankara ist. Demnach hat Davutoglu derzeit recht häufig Anlass, sich die aufmunternden Worte seines Studienrates in Erinnerung zu rufen, denn das erklärte Ziel des ersten Diplomaten der Türkei, er wolle eine Außenpolitik führen, die alle Misshelligkeiten mit den Nachbarn des Landes aus dem Weg räumt, war in jüngster Zeit nur bedingt erfolgreich.
Zwar ist das Verhältnis Ankaras zu den straff geführten muslimischen Staaten Iran und Syrien so gut wie nie, aber in den Beziehungen zu Israel und zuletzt auch zu Griechenland kriselt es, die kurzzeitigen Hoffnungen auf eine Annäherung an Armenien sind ebenfalls stark verblasst.
Versöhnliche Töne und ein Missverständnis
Doch um Außenpolitik ging es nicht, als Davutoglu am Dienstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Schülern der deutschen Schule Istanbul zusammenkam. Gesprochen wurde stattdessen über die Bildungschancen junger Menschen, die eine deutsche Auslandsschule in der Türkei besuchen. Angesichts der heftigen Kontroverse um die Gründung türkischer Schulen in Deutschland, die der Türkeireise der Kanzlerin vorausgegangen war, barg freilich auch dieser Gesprächsgegenstand viele Möglichkeiten, einander nicht oder falsch zu verstehen.
Der türkische Ministerpräsident Erdogan hatte Deutschland in der vergangenen Woche beschuldigt, „die Zeichen der Zeit“ nicht erkannt zu haben und Berlin aufgefordert, es müsse die Gründung türkischer Schulen zulassen – schließlich gebe es seit Menschengedenken auch deutsche Schulen in der Türkei. Frau Merkel hatte diese Idee abgelehnt, da sie nicht zur Integration junger Türken in die Gesellschaft beitrage, was den zur Impulsivität neigenden (oder diese Impulsivität zumindest überzeugend mimenden) türkischen Regierungschef bei einer Auslandsreise in Libyen auf die eigens dazu gedachte Palme gebracht hatte: Er zeigte sich enttäuscht von Frau Merkel und sagte, er verstehe den „Hass“ und die „Abneigung“ nicht, die man der Türkei entgegenbringe. (Siehe auch: Erdogan enttäuscht von der Bundeskanzlerin)
Nach ihrem direkten Gespräch in Ankara am Montag schlugen Frau Merkel und ihr Gastgeber allerdings versöhnliche Töne an, sprachen gar von einem Missverständnis. Natürlich könne die Türkei Schulen in Deutschland eröffnen, zitierten türkische Medien die Kanzlerin am Dienstag – doch sei sie sich mit Herrn Erdogan darin einig, dass dies nicht als Entschuldigung dafür herhalten dürfe, kein Deutsch zu lernen. Schließlich wolle man in Deutschland, dass die die Türken der nächsten Generation auch als Wissenschaftler, Geschäftsleute oder Lehrer erfolgreich seien.
Wer indes geglaubt oder gehofft hatte, dieses Thema werde zwischen Frau Merkel und Erdogans Außenminister nun von Angesicht zu Angesicht vertieft, sah sich getäuscht. Frau Merkel übernahm nämlich gleich selbst die Moderation der Veranstaltung und umschiffte souverän alle Klippen der Diskussion. Der türkische Außenminister las in etwas holperigem Dreiminusdeutsch vom Blatt ab, dass die Ausbildung am deutschsprachigen Istanbul Erkek Lisesi, das er von 1971 bis 1977 besuchte, das Fundament für sein späteres berufliches und akademisches Leben gebildet habe. Er ist einer von vielen tausend Türken, die auf einem Gymnasium mit fremdsprachlichem Schwerpunkt den Grundstein für ihre Karriere gelegt haben. Zwar werden solche Schulen auch von ausländischen Kindern besucht, doch anders als die rein türkischen Schulen, die Recep Erdogan gern in Deutschland entstehen sähe, bilden inländische Absolventen die Mehrheit – wie an der 142 Jahre alten Deutschen Schule Istanbul, wo im vergangenen Jahr 110 Türken und 16 Deutsche ihr Abitur gemacht haben.
Diplomatische Andeutung
Ein früherer Absolvent, der erfolgreiche kurdischstämmige Unternehmer und frühere Erdogan-Berater Cüneyd Zapsu, macht die Bundeskanzlerin im Laufe der Diskussion auf eine seit 1999 geltende Gesetzesänderung aufmerksam, die sich deutlich zum Nachteil der deutschen Auslandsschulen in der Türkei ausgewirkt hat. Damals steigerte der türkische Staat seinen Zugriff auf die Erziehung seiner jungen Bürger, indem festgelegt wurde, dass türkische Schüler erst auf eine ausländische Schule gehen dürfen, nachdem sie acht Jahre eine türkische besucht haben. Dort lernen sie erst ab der sechsten Klasse ihre erste Fremdsprache, was natürlich meist Englisch ist. Wer jedoch erst zur neunten Klasse und ohne Deutschkenntnisse auf die deutsche Schule komme, habe es schwer, so Zapsu. Das bestätigen auch die nicht wirklich beeindruckenden Deutschkenntnisse zumindest mancher Schüler der Deutschen Schule Istanbul.
Die diplomatische Andeutung Frau Merkels, dass man sich vielleicht bei der nächsten Bildungsreform einmal überlegen könne, ob diese Regelung so hilfreich sei, griff Davutoglu, unbekümmert die Grenzen seines Ressorts überschreitend, beherzt auf: „Wir brauchen eine neue gesetzliche Regelung.“ Immerhin sei das seit vielen Jahren geplante Vorhaben einer türkisch-deutschen Universität in Istanbul nun ja auf bestem Wege, sagte Davutogu und verwies auf die Abstimmung über das die Einzelheiten dazu regelnde Gesetz, das am Dienstag auf der Tagesordnung des Parlaments in Ankara stand. Frau Merkel zeugte sich erfreut und steuerte das Gespräch dann gezielt auf harmlosere Themen zu. Dass er Physik studieren wolle, sei sehr gut, lobte sie einen türkischen Gymnasiasten – und die Wahl Heidelbergs als Studienort wohl auch: „Wenn man Istanbul kennt, hat man Heidelberg wohl nach einem halben Tag erfasst. Aber dadurch ist die Stadt auch sehr gemütlich.“
Dann verabschiedet sich Frau Merkel und verschwindet in dem die Mächtigen stets umgebenden Menschenwarm, während Herr Davotuglu versonnen vor sich hinblickt, weil er vielleicht schon an den morgigen Arbeitstag denkt und ihm dieser Satz wieder in den Sinn kommt, den sein Deutschlehrer vor fast 40 Jahren an die Tafel geschrieben hat.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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