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Tschetschenien Moskaus Mann in Grosnyj

06.10.2006 ·  Die meisten Tschetschenen sind Krieg und Elend leid. Um so größer ist die Verehrung für den nur 30 Jahre alten Ministerpräsidenten Ramsan Kadyrow, der Sicherheit und Wohlstand verspricht. Doch die Angst herrscht weiter, berichtet Michael Ludwig aus Grosnyj.

Von Michael Ludwig, Grosnyj
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„Die Ausweise!“ Der inguschische Taxifahrer reicht dem Mann mit der Kalaschnikow die Fahrzeugpapiere und seinen Ausweis durch das Fenster. Der schaut sich die Dokumente an, läßt sich den Kofferraum zeigen und winkt den Wagen durch. Der Kontrollposten an der inguschisch-tschetschenischen Verwaltungsgrenze auf der Straße von Nasran nach Grosnyj ist geschafft.

Nach etwa einem Kilometer wollen die tschetschenischen Posten und die „Federaly“, die russischen Soldaten, die Dokumente sehen. Dann geht es weiter. Der Fahrer schaut in den Rückspiegel, wirkt nervös, verlangsamt das Tempo, fährt auf den Seitenstreifen und hält an. Man weiß ja nie! Manche sind schon erschossen worden, die nicht gehalten haben, als es besser gewesen wäre, zu stoppen.

„Allah allein ist mächtig!“

Drei weiße Wolgas rasen von hinten heran, bremsen in einer Staubwolke. Eines der Autos setzt sich vor das inguschische Taxi. Bewaffnete springen aus dem Wolga mit den dunklen Scheiben. Sie sichern rundum. „Aussteigen!“ sagt der Taxifahrer und fügt gottergeben hinzu: „Allah allein ist mächtig!“ - „Alles in Ordnung!“ ruft der bullige Zwei-Meter-Mann, der inzwischen aus einer der weißen Limousinen gestiegen ist, die hinter dem Taxi geblieben sind, und vertreibt den Schrecken.

Es ist Dschemlaj Chadaschew, der Chef der Rayonverwaltung von Schatoj, einer Stadt südlich von Grosnyj. Er schiebt die Pistole im Gürtel zurecht und bittet in seinen Wagen. Mit quietschenden Reifen und in atemraubendem Tempo geht es davon in Richtung Grosnyj. Der Fahrer im Wolga grinst, streichelt die Handgranaten an seinem Gürtel und drückt auf das Gaspedal.

Eine kleine Armee von Leibwächtern

Dschemlaj Chadaschew sagt, in dieser Gegend sei es dank Ministerpräsident Ramsan Kadyrow und dessen Leuten inzwischen ruhig und sicher. Sie hätten die Untergrundkämpfer, die „Bojewiki“, das Fürchten gelehrt und die meisten zur Aufgabe gezwungen. Aber wer könne schon wissen, ob nicht irgendein „Wahhabit“ einen für Geld umlegen wolle, fragt er.

Als „Wahhabiten“ werden in Tschetschenien nicht mehr nur muslimische Fundamentalisten bezeichnet, sondern alle Untergrundkämpfer, die trotz des Amnestieangebots der Regierung in den Wäldern geblieben sind oder sich in Inguschetien verstecken. Ministerpräsident Ramsan Kadyrow sagt später, in Tschetschenien seien noch 50 bis 60 Bojewiki aktiv, ihr Führer Doku Umarow sei in Inguschetien.

Rayonchef Chadaschew umgibt sich dennoch mit einer kleinen Armee von Leibwächtern, und das nicht grundlos. Erst wenige Tage zuvor war der Chef der Einberufungsbehörde von Schatoj von einem Untergrundkämpfer vor seinem Haus erschossen worden. Chadaschew zeigt in Schatoj, was er erreicht hat.

„Nie wieder Krieg und Bruderkrieg“

Den „Federaly“ hat er zwei Gebäude abgeluchst und renovieren lassen. In dem einen befindet sich jetzt ein Krankenhaus, im anderen ist eine Schule untergebracht. Deutsche haben mit Geld geholfen, aber die Ausstattung mit medizinischem Gerät ist noch nicht vollständig, und auch nicht alle nötigen Medikamente können besorgt werden.

„Unser Kapital sind die Kinder“, sagt Chadaschew. Eine ganze Generation sei in den Kriegs- und Nachkriegswirren nicht zur Schule gegangen. Das sei eine Katastrophe für Tschetschenien. Und dann schiebt er noch hinterher, nichts sei schlimmer, als hungrigen Kindern auf die Bitte um Essen antworten zu müssen, daß nichts da sei. Er habe das erlebt und hätte sich damals am liebsten aufgehängt. „Nie wieder Krieg und Bruderkrieg“, sagt er.

„Wir werden die tschetschenische Republik wiederaufbauen. Nur wir selbst können das tun!“ So steht es auf einem Transparent, das über den Ahmad-Kadyrow-Prospekt in Grosnyj gespannt ist und Ahmads Sohn Ramsan, den Ministerpräsidenten, zeigt. Auf großen Plakaten ist er allgegenwärtig - oft gemeinsam mit seinem Vater, der als tschetschenischer Präsident von Moskaus Gnaden vor zwei Jahren bei einem Anschlag getötet wurde, oder mit dem russischen Präsidenten Putin. Ramsan sagt, die Plakate seien kein Zeichen von Personenkult, sondern Ausdruck der Begeisterung der Jugend. Aber um Mißverständnisse zu vermeiden, werde er anordnen, daß die Plakate entfernt werden.

„Wenn er es will, trage ich sogar ein Kopftuch“

Einer der Gründe für diese Begeisterung ist der sichtbare Fortschritt beim Wiederaufbau Tschetscheniens, vor allem in Grosnyj. Das jedenfalls sagen die jungen Leute im „Fanklub Ramsan Kadyrow“ im Zentrum von Grosnyj. Sie tragen T-Shirts, auf denen Ramsans Porträts aufgedruckt sind, die in ihrer Art an Che Gevuera erinnern. „Er wird Tschetschenien nach vorn bringen und soll Präsident werden. Und wenn er es will, werde ich sogar ein Kopftuch tragen“, sagte eine junge Frau im Klubcafé.

Am Donnerstag wurde Ramsan Kadyrow 30 Jahre alt. Damit erfüllt er jetzt die formalen Voraussetzungen, um Präsident zu werden. Der wiederaufgebaute Ahmad-Kadyrow-Prospekt wurde feierlich eröffnet und der neue Flughafen von Grosnyj eingeweiht. Die Vollendung der neuen Zentralmoschee für viele tausend Beter am Ahmad-Kadyrow-Platz wird noch etwas auf sich warten lassen, aber der Rohbau und die Minarette stehen schon.

Das Leben, der Handel vor allem, erobert auch die Seitenstraßen des Kadyrow-Prospekts zurück. Kontrollposten der Sicherheitskräfte gibt es kaum noch - in ganz Grosnyj sollen es nur noch sechs sein. Auch die vielen Bewaffneten, die bis vor kurzem an jeder Ecke Sicherheit garantieren sollten, aber vor allem Angst einjagten, sind verschwunden.

Der richtige Mann für das Präsidentenamt?

Die Ruinen gegenüber dem Regierungssitz, die noch im vergangenen Herbst den Versicherungen hohnsprachen, alles sei normal, sind abgeräumt. Auch anderswo in der Stadt sind die Ruinen weggeräumt worden. Im Stadtbauamt - „Das Betreten der Büros mit Waffen ist strengstens verboten!“ - sagt man, der Aufbau des vergangenen Jahres sei mit tschetschenischen Mitteln finanziert worden, vor allem aber aus dem Kadyrow-Fonds.

Zu diesem Fonds müssen viele einen Beitrag leisten - von der Marktfrau bis zum Staatsdiener und „Bisnesmen“. Ramsan Kadyrow sagt später vor ausländischen Journalisten, aus Moskau sei kein Geld für den Wiederaufbau geflossen. Er verbessert sich dann: Kürzlich seien 120 Millionen Rubel von der Zentrale angewiesen worden, und bis zum Jahresende sollten weitere Mittel fließen.

Nicht nur die Jugendlichen im Fanklub, auch viele Menschen auf der Straße sagen, daß Ramsan Kadyrow in kurzer Zeit soviel erreicht habe wie kein anderer tschetschenischer Politiker in den vergangenen Jahren. Zwar kontrolliere niemand den Kadyrow-Fonds, aber es sei doch offensichtlich, daß Ramsan wenigstens mit dem Volk zu teilen verstehe, während andere alles in die eigene Tasche steckten. Er sei der richtige Mann für das Präsidentenamt.

Grausamkeit, List und Geld

Kadyrow antwortet auf die Frage, ob er den amtierenden Präsidenten Alu Alchanow noch vor Ablauf von dessen Amtszeit in zwei Jahren im Amt ablösen wolle, er sei noch nicht bereit, Präsident zu werden. Aber er baut an seiner Autorität. Er setzt auf Putin, weil der auf Kadyrow setzt, und er schafft sich Anhänger im Volk.

In Moskau schreibt man die fast vollständige Niederringung der Bojewiki - Grausamkeit, List und Geld waren dabei die wichtigsten Mittel - vor allem dem jungen Kadyrow gut. In Tschetschenien scheinen die Leute, die in den Vorstädten darangehen, ihre Häuser wiederaufzubauen, Mut gefaßt zu haben. Sie rechnen Kadyrow hoch an, daß er den Wiederaufbau energisch vorantreibt und sich mit Moskau anlegt, um mehr Geld dafür zu erhalten.

„Sie erschießen und verschleppen noch immer“

Nur wenige Schritte vom Café des Ramsan-Kadyrow-Fanklubs liegt das Büro der tschetschenischen Filiale der Menschenrechtsorganisation „Memorial“. Hier findet man den Kontrapunkt zum Aufbaupathos. Natalja Estimirowa kämpft um Aufklärung, wenn Menschen von Bewaffneten - oft in Uniform - verschleppt werden und in Geheimgefängnissen verschwinden.

„Die Angehörigen der Opfer versuchen, die Entführten loszukaufen, und wenn sie scheitern, kommen sie zu uns“, sagt sie. Die Angehörigen der Opfer haben Angst, sich öffentlich zu äußern. Die alte Frau in Schatoj hatte wohl recht. „Sie erschießen und verschleppen noch immer“, hatte sie hinter vorgehaltener Hand gesagt. Ramsan Kadyrow versprach dieser Tage vor ausländischen Journalisten, seine Regierung werde dagegen kämpfen, daß Menschen verschleppt und Unschuldige in Gefängnisse gesperrt würden.

„Meine Verwandten“

Davon sind auch die Menschen bedroht, die in einem Auffanglager für zurückgekehrte Flüchtlinge in Grosnyj ohnehin unter üblen Bedingungen leben. Uniformierte sind immer wieder in das Lager eingedrungen und haben Menschen unter vorgehaltener Waffe mitgenommen. Admar Daurow vom Flüchtlingsrat sagt, es sei allein der Solidarität der Flüchtlinge und deren Mut zu verdanken gewesen, daß diese Menschen irgendwann zurückkehrten.

Diese Unsicherheit ist einer der Gründe, weshalb die meisten Flüchtlinge im inguschischen Flüchtlingslager Karabulak vorläufig nicht zurück nach Tschetschenien wollen. In Grosnyj, von wo die meisten vor dem Krieg geflohen waren, seien ihre Häuser und Wohnungen zerstört, und Arbeit, sagen sie, gebe es dort ebensowenig wie Karabulak. Vier Fünftel der arbeitsfähigen Bevölkerung Tschetscheniens sind ohne Arbeitsstelle.

Ahmad Schamajew war oberster Mufti von Tschetschenien, bis er sich mit Ramsan Kadyrow zerstritt und nach Moskau weggelobt wurde. Dort ist er nun Stellvertreter des obersten Muftis von Rußland, aber er kommt oft nach Tschetschenien und predigt. Er erscheint mit einer Leibwache - „meine Verwandten“ - zum Treffen in Grosnyj, obschon er eigentlich als Geistlicher keine haben dürfte.

„Wir sind in Tschetschenien alle Generale

Inzwischen zollt auch Schamajew dem jungen Kadyrow Anerkennung für die Aufbauleistung und dafür, daß der Islam tschetschenischer Prägung wieder zur Geltung komme. Auf die Frage, ob er eine Diktatur Ramsan Kadyrows fürchte, sagt er, erstens habe sich Kadyrow geändert, und zweitens sei eine Diktatur in Tschetschenien unmöglich. Das Land brauche zwar einen Führer und habe ihn mit Kadyrow trotz dessen Jugend gefunden. „Aber andererseits sind wir in Tschetschenien alle Generale.“ Daß einer auf Dauer alle Macht besitze, sei deshalb unmöglich. Dann verschwindet er eilig mit seiner Leibwache.

Manche Beobachter in Tschetschenien meinen, auch die Russen arbeiteten schon heimlich gegen Ramsan Kadyrow, nachdem der die Bojewiki niedergerungen hat. Kadyrow selbst spricht von zwei Attentatsversuchen und gibt sich fatalistisch. Die Täter würden sicherlich ebensowenig bestraft wie jene, die seinen Vater getötet hätten, wobei er einen Hinweis auf eine Beteiligung von „Spezialkräften“ einfließen ließ. Daß er die Bedrohung seiner Person öffentlich herausstellt, kann ein Mittel sein, um das Volk noch stärker auf seine Seite zu bringen und noch mehr Macht zu gewinnen. Doch gewiß ist auch das, wie so vieles in Tschetschenien, nicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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