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Tschetschenien „Helden Russlands“ unter sich

 ·  In Tschetschenien versucht Präsident Ramsan Kadyrow, eine von einem konkurrierenden Clan kontrollierte Einheit der russischen Armee unter seine Kontrolle zu bringen. Menschenrechtler werfen beiden Seiten Morde und Entführungen vor.

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„Wostok“ ist keine gewöhnliche Einheit der russischen Armee. Unter dem Kommando von Sulim Jamadajew dienen zwischen 800 und 1200 gewalterprobte Tschetschenen - der Kern der Truppe, offiziell eine „Eliteeinheit im Antiterrorkampf“, besteht, wie die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja herausgefunden hatte, aus einer Gruppe von Tschetschenen, die Menschenraub und Lösegelderpressung betrieben, bevor sie sich zu Beginn des zweiten Tschetschenienkriegs 1999 auf die Seite der Russen schlugen.

Das Bataillon untersteht unmittelbar dem militärischen Geheimdienst GRU des Verteidigungsministeriums. Vor zwei Jahren wurden die Kämpfer von „Wostok“ für die Absicherung der russischen Mission im Libanon eingesetzt. Sie bewachten russische Baumeister und Arbeiter, die im Libanon Straßen und Brücken reparierten, die im Krieg mit Israel beschädigt worden waren.

Eine politische Lawine kam ins Rollen

Seit Anfang der Woche steht „Wostok“ in einem Konflikt in Tschetschenien - gegen den von Moskau unterstützten tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow und seine Spezialeinheiten, die „Kadyrowzy“. Am Anfang stand ein Zwischenfall auf der Straße von Grosnyj nach Gudermes, der zweitgrößten Stadt Tschetscheniens. Dort befinden sich Kadyrows Residenz und sein Lieblingsboxclub, dort ist aber auch „Wostok“ (Osten) stationiert. Eine Wagenkolonne des Präsidenten wurde von den „Wostok“-Soldaten nicht durchgelassen, und die Frage, wer den Weg frei- zugeben habe, wäre beinahe mit Waffen beantwortet worden, von denen beide Seiten, wie in Tschetschenien üblich, ein Übermaß mit sich herumtragen.

Es blieb bei Schüssen in die Luft, aber es kam eine politische Lawine ins Rollen. Gegen die „Wostok“-Kommandeure wurde ein Verfahren wegen Behinderung einer Amtsperson eingeleitet. Die „Wostok“-Kaserne in Gudermes wurde von tschetschenischen Sicherheitskräften, die Kadyrow unterstehen, blockiert. Bei Zusammenstößen wurden zwei Soldaten der Spezialeinheit getötet. Dann überschwemmte Kadyrows Pressedienst die Öffentlichkeit mit Vorwürfen gegen „Wostok“ und seine Führer, wie sie sonst nur Menschenrechtler gegen die Sicherheitskräfte in Tschetschenien vorbringen: Die Einheit terrorisiere die Zivilbevölkerung. Das (von Kadyrow kontrollierte) tschetschenische Parlament und die tschetschenischen Abgeordneten in der russischen Staatsduma forderten die Entlassung des „Wostok“-Kommandeurs Sulim Jamadajew oder die Auflösung der Einheit.

Kadyrow selbst schaltete sich auch ein, gab sich als Anhänger von Ordnung und Gesetzen, denen sich auch die Jamadajews zu unterwerfen hätten. Er berichtete, dass etwa 200 „Wostok“-Soldaten wegen der Missstände im Bataillon darum gebeten hätten, die Einheit verlassen zu dürfen und ihm zu dienen. Am Freitag schließlich wurde berichtet, dass die Männer des Präsidenten außerhalb der Kaserne von „Wostok“ angelegte Waffenlager entdeckt, von der Einheit in Gudermes eigenmächtig eingerichtete Kontrollposten geschleift und „Wostok“-Soldaten entwaffnet hätten. Die Konfrontation sei in die „aktive Phase“ eingetreten, hieß es in russischen Medien.

„Politischer Arm“ des Jamadajew-Clans

„Wostok“-Kommandeur Sulim Jamadajew hatte am Anfang des zweiten Tschetschenienkriegs 1999 dafür gesorgt, dass Gudermes als einzige größere Ortschaft der russischen Armee kampflos übergeben wurde. Wie sein Bruder Ruslan, der bis vor kurzem noch Abgeordneter in Moskau war und als „politischer Arm“ des Jamadajew-Clans gilt, wurde Sulim als „Held Russlands“ ausgezeichnet.

Gegen Sulim wurden schon früher Vorwürfe vorgebracht, er habe persönlich Verbrechen verübt oder als Kommandeur geduldet. Gebracht hat es nichts. Inzwischen soll die Einheit praktisch von Sulims jüngerem Bruder Badruddi geführt werden. Badruddi hat es noch nicht zum „Helden Russlands“ gebracht und müsste eigentlich sogar eine lange Haftstrafe in einem russischen Gefängnis verbüßen, war aber unter undurchsichtigen Umständen freigekommen. Seither sorgte er in Tschetschenien an der Seite des Bruders „für Ordnung“. Bei dem Zusammenstoß auf der Straße nach Gudermes soll er mit dabei gewesen sein. Jetzt wird er gesucht - weil er ja ohnehin ins Gefängnis gehöre.

Gemeinsame Nenner der Kampfhähne

In dem Bild, das das offizielle Tschetschenien Kadyrows dieser Tage von dem angeblichen Kampf der aufrechten Regierung gegen die Verbrecher von „Wostok“ zeichnete, gibt es aber einen blinden Flecken. Denn die Geschichte der Sicherheitskräfte Kadyrows - auch er ein „Held Russlands“ - weist ganz ähnliche Züge auf wie die von „Wostok“, nur darf darüber in Tschetschenien nicht laut gesprochen werden. Lediglich Bürgerrechtler und engagierte Journalisten wie Anna Politkowskaja, die möglicherweise deshalb getötet wurde, haben darauf immer wieder hingewiesen. Auch heute noch sollen „Wostok“ wie „Kadyrowzy“ gleichermaßen Unschuldige töten und verschleppen.

Das und die Nähe zu Moskau, für das beide den russischen Krieg gegen den tschetschenischen Untergrund übernommen hatten, sind die gemeinsamen Nenner der Kampfhähne. Zugleich sind sie aber Exponenten zweier Clans, die um Macht und Einfluss in Tschetschenien streiten. Von Kadyrow heißt es, dass er den Jamadajews die Kontrolle über Gudermes streitig machen wolle. Hinzu kommt, dass „Wostok“ die einzige nennenswerte militärische Einheit mit ausschließlich tschetschenischen Soldaten ist, die Kadyrow noch nicht unter seine Kontrolle bringen konnte. Solange das so ist, fühlt sich Ramsan Kadyrow nicht als Herr im tschetschenischen Haus. Das soll sich wohl, solange Moskau mit der Machtübergabe vom alten zum künftigen Präsidenten beschäftigt ist, ändern.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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