02.03.2007 · Am Freitag wurde Ramsan Kadyrow neuer Präsident von Tschetschenien. Seit den neunziger Jahren herrschen dort Krieg, Terror und Gewalt. Kadyrow ist für hartes Durchgreifen bekannt. Doch wird sich auch wirklich etwas ändern?
Von Wolfgang Günter LerchIn der russischen Literatur nimmt der Kaukasus eine prominente Stellung ein. Autoren wie Puschkin, Lermontow oder Tolstoj waren fasziniert von Land und Leuten, die sich in fast allem unterschieden, woran sie gewöhnt waren, von der Landschaft und dem Klima bis hin zur Religion. Es war dies freilich auch die Zeit, da sich Russland durch seinen imperialen Drang nach Süden einen großen Teil jener Schwierigkeiten schuf, mit denen es heute zu kämpfen hat.
Nicht erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 und dem ersten Krieg in Tschetschenien, der 1994 begann und 1996 endete, gibt es diese Konflikte, sie wurzeln vielmehr in der weitgehend gewaltsamen Einverleibung der Kaukasier in das Russische Reich. Am meisten Widerstand dagegen hatten die muslimischen Völker in der Tschetschnija geleistet, bis es Sankt Petersburg gelang, sie 1859 endgültig zu unterwerfen.
Russen mit generellem Misstrauen gegen „Kaukasier“
Seit den neunziger Jahren herrschen Unruhe und Krieg, Terror und Gewalt in Tschetschenien; wirklich gelöst ist nichts. Der seit dem Freitag amtierende neue Präsident Ramsan Kadyrow hat dem russischen Präsidenten Putin zugesagt, er wolle die Teilrepublik als „loyalen Teil Russlands“ führen. Doch man kann vermuten, dass auch Moskau Kadyrow nur bis zu einem gewissen Grad traut, obschon es ihn 2004 zum „Helden Russlands“ gekürt hat. Gegen „die Kaukasier“ hegen viele Russen ein generelles Misstrauen.
Der neue Präsident ist für hartes Durchgreifen, um nicht zu sagen Brutalität bekannt, sein einflussreicher Klan ist auch durch die Ermordung von Ramsan Kadyrows Vater, dem früheren Mufti und Präsidenten Ahmad Kadyrow, 2004 im Stadion der Hauptstadt Grosnyj nicht geschwächt worden. Der Sohn hatte die eigene Garde des Klans aufgestellt, die Kadyrowzy, die immer mächtiger wurden und heute seine Macht zusätzlich untermauern. Russische und westliche Menschenrechtler beklagen - unter anderem im Zusammenhang mit der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja - Folter und Gewalttaten dauerten unvermindert an.
Traditionelle Welt der waffentragenden Kämpfer
Ramsan Kadyrow, am 5. Oktober 1976 geboren, stammt aus dem Ort Zenteroj, dem Sitz des Kadyrow-Klans seit etwa 150 Jahren. Schon der Jugendliche, der sich für das Boxen begeisterte und eine Weile auch selbst boxte, geriet nach Absolvierung der Mittelschule in die traditionelle Welt der waffentragenden tschetschenischen Kämpfer und stieß - damals war auch sein Vater noch auf der Seite des Widerstands - zu den Rebellen, die freilich vor der Anwendung blutigster terroristischer Methoden nicht zurückschreckten.
Spätestens 1999, als der zweite Tschetschenien-Krieg begann, hatte Vater Kadyrow die Seite gewechselt - und der Sohn mit ihm. Nach dem Mord am Vater wurde Ramsan Kadyrow zunächst stellvertretender Ministerpräsident, seit einem Jahr amtierte er als Regierungschef. Die Bemühungen um eine mit harter Hand erreichte Stabilisierung wird der Sponsor des Fußballklubs „Terek Grosnyj“ ebenso fortsetzen wie den Wiederaufbau der zerstörten Hauptstadt. Am meisten muss Kadyrow jene Landsleute fürchten, denen seine Kräfte übel mitgespielt haben.