06.12.2007 · Im Osten Tschads droht ein Zweifrontenkrieg zwischen der Armee und zwei Rebellengruppen. Die Aufständischen operieren von Darfur aus und werden von Sudan bewaffnet. Offener denn je drohen sie auch den EU-Soldaten, die schon bald nach Tschad einrücken sollen.
Von Thomas ScheenIm Osten Tschads droht ein Zweifrontenkrieg zwischen der Armee und zwei Rebellengruppen. Nachdem die tschadische Armee am 26. November Einheiten der Rebellengruppe „Union des forces pour la démocratie et le développement“ (UFDD) in Biltine, rund 80 Kilometer nördlich der Provinzstadt Abéché angegriffen hatte, ist sie seit dem Wochenende zudem in Kämpfe mit den Rebellen der „Rassemblement des forces pour le changement“ (RFC) etwa 120 Kilometer weiter nördlich, in Kalaït, verwickelt. Beide Rebellengruppen sind von der sudanesischen Krisenregion Darfur aus aktiv. Angesichts der Kämpfe ist die Versorgung der auf mindestens 200.000 Menschen geschätzten Flüchtlinge im Grenzgebiet zum Erliegen gekommen.
Die RFC beschuldigt nun, wie zuvor die UFDD Frankreich, der tschadischen Armee Luftunterstützung zu gewähren. Frankreich unterhält in Tschad zwei Stützpunkte, auf denen unter anderem Mirage-Kampfflugzeuge stationiert sind. Bei den seit mehr als einer Woche dauernden Kämpfen stellt die französische Armee den Regierungstruppen Luftaufklärung zu Verfügung, wodurch die tschadischen Kampfhubschrauber in der Lage sind, die Rebellen punktgenau zu beschießen.
Rebellen „im Kriegszustand“ mit Frankreich
Die UFDD hatte nach den verlustreichen Kämpfen der vergangenen Woche mitgeteilt, sie befinde sich „im Kriegszustand“ mit Frankreich, weil deren Aufklärungsflüge die tschadische Armee unterstützten. Ihr Chef Timan Erdimi hatte gedroht, auf jedes französische Flugzeug zu schießen.
Der Großteil der geplanten europäischen Engreiftruppe zum Schutz der sudanesischen Flüchtlingslager in Tschad wird von Frankreich gestellt werden. Frankreich wird zwar regelmäßig von den Rebellen beschuldigt, den tschadischen Präsidenten Idriss Déby zu unterstützen. Bislang aber war noch keine der Gruppen soweit gegangen, den Franzosen mit Krieg zu drohen.
Der französische Verteidigungsminister Hervé Morin versicherte unterdessen, die französische Militärpräsenz in Tschad habe „keinerlei Auswirkungen auf die Aktivitäten der Rebellen“. Einen Präventivschlag der französischen Armee gegen die Rebellen schloss er aus. Verlässliche Informationen über die Opferzahlen der Kämpfe liegen bislang nicht vor. Nach Informationen aus Abéché aber sollen die erbitterten Gefechte mehrere hundert Tote gefordert haben.
Von Sudan bewaffnet
Bei der Versorgung der verletzten Regierungssoldaten spielt Frankreich ebenfalls eine wichtige Rolle. So werden die Schwerverletzten zunächst in einem Lazarett der französischen Armee in Abéché notversorgt, bevor sie mit tschadischen und französischen Flugzeugen nach N‘Djamena transportiert werden. Viele der Schwerverletzten werden nach Angaben des tschadischen Außenministeriums mittlerweile nach Senegal, Libyen und Ägypten ausgeflogen, weil die Kapazitäten in der Hauptstadt N‘Djamena nicht mehr ausreichen.
Die beiden Rebellengruppen UFDD und RFC sind die stärksten der insgesamt fünf tschadischen Rebellengruppen. Beide Gruppen hatten am 25. Oktober in Libyen einen Friedensvertrag mit der Regierung in N‘Djamena unterzeichnet, der unter anderem die Gründung von politischen Parteien sowie die Integrierung ihrer Kämpfer in die Armee vorsah. Beide Gruppen beschuldigen den tschadischen Präsidenten Déby, das Abkommen zu ignorieren.
Abgesehen von dem Versuch, Déby zu stürzen, einen die verschiedenen Rebellengruppen lediglich enge Kontakte zum Nachbarland Sudan, von wo aus sie ihre Angriffe beginnen und von dem sie auch bewaffnet werden. Darüber hinaus aber stehen sich die Gruppen als Feinde gegenüber. Die UFDD, die 2006 von dem ehemaligen tschadischen Verteidigungsminister und Botschafter in Saudi-Arabien, General Mahamat Nouri gegründet worden war, gilt als die stärkste Gruppierung. Bei den Kämpfen Ende November setzte sie mehr als hundert fabrikneue Geländewagen ein. Zudem scheint sie über panzerbrechende Waffen zu verfügen. Ihr Anführer Nouri stammt aus dem Norden Tschads und gilt als enger Vertrauter des 1990 von Déby gestürzten und mittlerweile in Senegal lebenden, ehemaligen tschadischen Präsidenten Hissène Habré. Beide gehören der Ethnie der Gorana an. Nouri wirft Déby und seiner Ethnie Zaghawa vor, die Macht in Tschad zu monopolisieren.
Misstrauen verhindert Allianzen
Dieses Misstrauen gegenüber den Zaghawa verhindert bis heute eine Allianz der UFDD mit der RFC von Timan und Tom Erdimi. Die Zwillingsbrüder sind Neffen des Präsidenten Déby und wie er Zaghawas. Timan Erdimi war jahrelang Chef des Präsidialbüros, während sein Bruder Direktor der staatlichen Erdölfirma war. Beide galten als wichtige Stützen des Präsidenten. Über ihre Motive, ihren Onkel Déby nun stürzen zu wollen, kann daher nur spekuliert werden. Mutmaßlich widersetzten sie sich der Absicht Débys, den eigenen Sohn zum Thronfolger zu machen und damit die namhaften Zaghawa von Pfosten und anderen Pfründen fernhalten zu wollen.
Zwei weitere Rebellengruppen, die den Friedensvertrag in Libyen unterzeichnet hatten, die „UFDD-Fondamentale“ (UFDD-F), die aus einer Spaltung der UFDD von Nuri hervorgegangen war, sowie die „Concorde nationale tchadienne“ (CNT) von Hassan Saleh al Djinédi scheinen indes das Friedensabkommen von Libyen zu respektieren.
Die fünfte Rebellengruppe, „Front uni pour le changement“ (Fuc) unter Mahamat Nour Abdelkerim war die Organisation, die den bislang spektakulärsten Angriff auf Déby unternahm und 13. April 2006 erst an den Stadtgrenzen von N‘Djamena gestoppt werden konnte. Auch damals hatten französische Soldaten den Regierungstruppen logistische Hilfe geleistet, und Mirage-Flugzeuge hatten die Rebellenkolonnen beschossen.
Die Fuc hatte indes im Dezember 2006 ein Abkommen mit der Regierung geschlossen, worauf ihr Anführer Mahamat Nour im März zum Verteidigungsminister ernannt worden. Am vergangenen Samstag aber hatte eine große Zahl seiner ehemaligen Kämpfer, die in Guéréda im Osten des Landes kantoniert sind, sich geweigert, ihre Waffen abzugeben. Es war zu Schießereien mit Regierungstruppen gekommen, und etliche der Fuc-Kämpfer sollen sich seither entweder der RFC von Erdimi beziehungsweise der UFDD von General Nouri angeschlossen haben. Verteidigungsminister Mahamat Nour war noch am gleichen Tag seines Amtes enthoben worden und hatte in der libyschen Botschaft in N‘Djamena Schutz gesucht.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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