Home
http://www.faz.net/-gq5-73uvq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Tschad Im Reich des Garanten

Idriss Déby regiert Tschad seit mehr als zwanzig Jahren mit harter Hand. Seit ein Militäreinsatz gegen Islamisten in Mali näher rückt, ist er aus westlicher Sicht wichtiger denn je.

© AFP Vergrößern Zu Besuch beim Bündnispartner: Der französische Außenminister Laurent Fabius (links) Ende Juli dieses Jahres mit Déby in N’Djamena

Der frische Asphalt glänzt in der Mittagssonne. Kleine Gruppen von Männern stehen am staubigen Straßenrand. Verkäufer liegen vor ihren Geschäften und schlafen, die Unterarme schützend vor den Augen. Die Hütten und Häuschen haben nur ein Stockwerk. Hier, im Zentrum der Hauptstadt Tschads, ragen zwei Gebäude höher in die dunstige Luft: die Kathedrale Notre-Dame von N’Djamena und der „Rosafarbene Palast“. Die Kirche liegt dem langgezogenen Komplex, in dem seit 1990 der Diktator Idriss Déby residiert, direkt gegenüber.

Jochen Stahnke Folgen:      

Sie wurde Anfang der siebziger Jahre gebaut; schon damals, wenige Jahre nach der Unabhängigkeit von Frankreich 1960, herrschte Krieg. In den achtziger Jahren wurde das Dach der Kathedrale zerschossen, es kam ein neues darauf. Den Putsch 1990 überstand sie, den Bürgerkrieg 2006 ebenfalls und auch den Überfall sudanesischer Rebellen zwei Jahre später. Ende dieses Jahres soll Notre Dame renoviert werden. Déby zahlt. Der säkulare Muslim will sich als toleranter Herrscher präsentieren.

Die Nachbarschaft steht in Flammen

Im Jahr 2010 hatte die Kathedrale noch dem „Platz der Nation“ weichen sollen, einer mehrere Fußballfelder großen Betonfläche. Déby ließ sie zum Zeichen seines Sieges über die sudanesischen Rebellen errichten. Der Triumphbogen, der an einer Seite des Platzes steht, ist ähnlich geformt wie der Rundbogen der Kathedrale nebenan, ragt aber zwanzig Meter höher in den Himmel; seine Kuppel krönt eine goldene Nadel, die eine Art Weintraube aufspießt. Davor steht die Bronzestatue eines Schwarzen, der seine Ketten zerreißt. Ein Springbrunnen ist ausgetrocknet, der riesige Platz menschenleer.

Bis genau zu diesem Punkt drangen die aus dem Nachbarland Sudan kommenden Rebellen 2008 vor, um Déby zu stürzen. Die „Union des Forces pour la Démocratie et le Développement“ scheiterte schließlich daran, dass sie sich nicht darüber einigen konnte, wer nach dem Sieg das Kommando führen durfte. Außerdem verwechselten die ortsfremden Kämpfer offenbar Ziele: Sie beschossen vor allem das Parlament, das sie für den Präsidentenpalast hielten. Déby schlug sie schließlich mit Hilfe französischer Aufklärung und Munition zurück. Ein Jahr später einigte er sich mit Sudans Machthaber Omar al Baschir auf ein Ende des Krieges. Seitdem herrscht in Tschad wieder Friedhofsruhe.

„Tschad ist für uns ein Garant der Stabilität in der Region“, sagt ein französischer Diplomat in N’Djamena. Denn die Nachbarschaft steht in Flammen: Tschads Grenze zum bürgerkriegsgeschüttelten Libyen im Norden ist mehr als tausend Kilometer lang. Im Osten grenzt das Land an die sudanesische Krisenregion Darfur, aus der etwa 300.000 Flüchtlinge nach Tschad kamen. Nur 200 Kilometer südwestlich von N’Djamena entfernt liegt Maiduguri, der Gründungsort der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria. Es heißt, dass sich Angehörige von Boko Haram regelmäßig in N’Djamena und dem Nachbarort Kousserie in Kamerun von den Kämpfen in ihrer Heimat ausruhen. Im Westen Tschads liegt Niger, das Aufmarschgebiet von Al Qaida im Maghreb und anderer Islamistengruppen in der Sahelzone, die derzeit vor allem in den Norden Malis streben.

Ein Ende der „Françafrique“?

Auch deshalb ist Tschad für den Westen dieser Tage ein wichtiger Verbündeter. Der französische Präsident François Hollande bat Déby schon kurz nach seiner Amtseinführung um Truppen für eine Beteiligung an einem Kampfeinsatz gegen die Islamisten in Mali. Tschads Armee hat Erfahrung im Wüstenkampf und ist gut ausgerüstet, im Gegensatz zu anderen Sahelstaaten. Außerdem verfügt das Land zum Beispiel über Kampfhubschrauber. Déby soll sich zu einer Beteiligung grundsätzlich bereit gezeigt haben, verlangt aber ein UN-Mandat und logistische Unterstützung, auch der Nato. Déby dürfte einen hohen Preis verlangen, wenn er seine Soldaten nach Mali schickt.

Der in Frankreich ausgebildete ehemalige Luftwaffenoffizier unterdrückt die Opposition brutal. Die Macht teilte er, wenn überhaupt, nur mit seiner engsten Familie. Das zentrale Gefängnis der Stadt hat er vor kurzem 300 Kilometer nach Norden in die Halbwüste verlegt, außer Reichweite jeglicher Kontrolleure.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gestoppte Lieferung Putin besteht nicht mehr auf französischen Kriegsschiffen

Russlands Präsident Putin will offenbar nicht mehr um zwei von ihm bestellte Kriegsschiffe aus Frankreich streiten. Er wäre nach eigenen Worten zufrieden, wenn Paris seine Anzahlung zurück überweist. Mehr

06.12.2014, 18:55 Uhr | Politik
Nigeria Boko Haram-Geiseln schildern ihr Schicksal

Militante Islamisten der Gruppe Boko Haram haben in Nigeria in den letzten Jahren Hunderte Frauen und Mädchen entführt. Im April brachte die Gruppe 270 Mädchen und junge Frauen aus einer Schule im Norden des Landes in ihre Gewalt. Mehr als 50 konnten inzwischen fliehen. Mehr

27.10.2014, 12:26 Uhr | Politik
Terror von Boko Haram Dutzende Menschen in Nigeria entführt und getötet

Nigeria scheint machtlos gegen die islamistische Boko-Haram-Miliz. Wieder hat sie ein Dorf überfallen, Menschen entführt und getötet. Der Staat kämpft derweil gegen die eigenen Soldaten. Mehr

18.12.2014, 18:40 Uhr | Politik
Entsetzen über Mord an französischer Geisel

Frankreichs Staatschef François Hollande und US-Präsident Barack Obama haben die Ermordung des in Algerien entführten Franzosen durch Islamisten verurteilt. Eine Gruppe, die der Dschihadisten-Organisation Islamischer Staat (IS) nahesteht, hatte den Bergführer verschleppt und mit seiner Tötung gedroht, falls Paris nicht seine Luftangriffe auf den IS im Irak einstellt. Mehr

25.09.2014, 15:12 Uhr | Politik
Ukraine Merkel und Hollande dringen auf Reformen

Deutschland und Frankreich haben rasche Reformen in der vom Staatsbankrott bedrohten Ukraine angemahnt. Darauf dringen Kanzlerin Merkel und Präsident Hollande in einem Telefonat mit Präsident Poroschenko. Mehr

14.12.2014, 22:38 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.10.2012, 17:50 Uhr

Falsche Führung

Von Reinhard Müller

Der Bamberger Erzbischof Schick warnt Christen vor der Teilnahme an „Pegida“-Demonstrationen. Gegen was soll ein Christ demonstrieren dürfen, wenn nicht gegen die „Islamisierung Europas“? Mehr 13