Der frische Asphalt glänzt in der Mittagssonne. Kleine Gruppen von Männern stehen am staubigen Straßenrand. Verkäufer liegen vor ihren Geschäften und schlafen, die Unterarme schützend vor den Augen. Die Hütten und Häuschen haben nur ein Stockwerk. Hier, im Zentrum der Hauptstadt Tschads, ragen zwei Gebäude höher in die dunstige Luft: die Kathedrale Notre-Dame von N’Djamena und der „Rosafarbene Palast“. Die Kirche liegt dem langgezogenen Komplex, in dem seit 1990 der Diktator Idriss Déby residiert, direkt gegenüber.
Sie wurde Anfang der siebziger Jahre gebaut; schon damals, wenige Jahre nach der Unabhängigkeit von Frankreich 1960, herrschte Krieg. In den achtziger Jahren wurde das Dach der Kathedrale zerschossen, es kam ein neues darauf. Den Putsch 1990 überstand sie, den Bürgerkrieg 2006 ebenfalls und auch den Überfall sudanesischer Rebellen zwei Jahre später. Ende dieses Jahres soll Notre Dame renoviert werden. Déby zahlt. Der säkulare Muslim will sich als toleranter Herrscher präsentieren.
Die Nachbarschaft steht in Flammen
Im Jahr 2010 hatte die Kathedrale noch dem „Platz der Nation“ weichen sollen, einer mehrere Fußballfelder großen Betonfläche. Déby ließ sie zum Zeichen seines Sieges über die sudanesischen Rebellen errichten. Der Triumphbogen, der an einer Seite des Platzes steht, ist ähnlich geformt wie der Rundbogen der Kathedrale nebenan, ragt aber zwanzig Meter höher in den Himmel; seine Kuppel krönt eine goldene Nadel, die eine Art Weintraube aufspießt. Davor steht die Bronzestatue eines Schwarzen, der seine Ketten zerreißt. Ein Springbrunnen ist ausgetrocknet, der riesige Platz menschenleer.
Bis genau zu diesem Punkt drangen die aus dem Nachbarland Sudan kommenden Rebellen 2008 vor, um Déby zu stürzen. Die „Union des Forces pour la Démocratie et le Développement“ scheiterte schließlich daran, dass sie sich nicht darüber einigen konnte, wer nach dem Sieg das Kommando führen durfte. Außerdem verwechselten die ortsfremden Kämpfer offenbar Ziele: Sie beschossen vor allem das Parlament, das sie für den Präsidentenpalast hielten. Déby schlug sie schließlich mit Hilfe französischer Aufklärung und Munition zurück. Ein Jahr später einigte er sich mit Sudans Machthaber Omar al Baschir auf ein Ende des Krieges. Seitdem herrscht in Tschad wieder Friedhofsruhe.
„Tschad ist für uns ein Garant der Stabilität in der Region“, sagt ein französischer Diplomat in N’Djamena. Denn die Nachbarschaft steht in Flammen: Tschads Grenze zum bürgerkriegsgeschüttelten Libyen im Norden ist mehr als tausend Kilometer lang. Im Osten grenzt das Land an die sudanesische Krisenregion Darfur, aus der etwa 300.000 Flüchtlinge nach Tschad kamen. Nur 200 Kilometer südwestlich von N’Djamena entfernt liegt Maiduguri, der Gründungsort der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria. Es heißt, dass sich Angehörige von Boko Haram regelmäßig in N’Djamena und dem Nachbarort Kousserie in Kamerun von den Kämpfen in ihrer Heimat ausruhen. Im Westen Tschads liegt Niger, das Aufmarschgebiet von Al Qaida im Maghreb und anderer Islamistengruppen in der Sahelzone, die derzeit vor allem in den Norden Malis streben.
Ein Ende der „Françafrique“?
Auch deshalb ist Tschad für den Westen dieser Tage ein wichtiger Verbündeter. Der französische Präsident François Hollande bat Déby schon kurz nach seiner Amtseinführung um Truppen für eine Beteiligung an einem Kampfeinsatz gegen die Islamisten in Mali. Tschads Armee hat Erfahrung im Wüstenkampf und ist gut ausgerüstet, im Gegensatz zu anderen Sahelstaaten. Außerdem verfügt das Land zum Beispiel über Kampfhubschrauber. Déby soll sich zu einer Beteiligung grundsätzlich bereit gezeigt haben, verlangt aber ein UN-Mandat und logistische Unterstützung, auch der Nato. Déby dürfte einen hohen Preis verlangen, wenn er seine Soldaten nach Mali schickt.
Der in Frankreich ausgebildete ehemalige Luftwaffenoffizier unterdrückt die Opposition brutal. Die Macht teilte er, wenn überhaupt, nur mit seiner engsten Familie. Das zentrale Gefängnis der Stadt hat er vor kurzem 300 Kilometer nach Norden in die Halbwüste verlegt, außer Reichweite jeglicher Kontrolleure.
Die Folgen der Präsidentenwahl in Frankreich bekam indes auch er zu spüren. Das Land ist Tschad immer noch eng verbunden. Seit Präsident François Mitterrand 1986 Truppen für den Kampf gegen den libyschen Machthaber Muammar al Gaddafi nach Tschad schickte, unterhält Frankreich dort eine ständige Truppenpräsenz von rund 1000 Soldaten, die meisten von ihnen in N’Djamena. Nach seiner Amtsübernahme verkündete François Hollande ein Ende der „Françafrique“, jener Klüngelei französischer Politiker und Wirtschaftsbosse mit afrikanischen Potentaten. Ein für Anfang Oktober anberaumtes Treffen mit Déby sagte Hollande ab, offiziell wegen Terminschwierigkeiten. Wie Radio France Internationale berichtete, aber wohl auch, weil sich Déby weigert, den Tod des Oppositionsführers Ibni Oumar Saleh aufzuklären, weshalb dessen in Paris lebende Verwandte gegen die französischen Behörden klagen. Mitte Oktober sagte Déby im Gegenzug seine Teilnahme am Frankophonie-Gipfel in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa ab. Nun heißt es, das Treffen Hollandes mit Déby sei auf Ende Oktober verschoben worden.
Zwanzig Jahre lang soll das Öl noch reichen
„Ibni war mein Freund“, sagt Salibou Garba, Generalsekretär des oppositionellen Parteienbündnisses CPDC, dem auch der Ermordete angehörte. Ibni verschwand während der Kriegswirren 2008, die Déby nutzte, um mit seinen Gegnern abzurechnen. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden. „Die Kämpfer der JEM schossen auf sein Haus, bedrohten die Kinder und nahmen ihn mit“, sagt Garba. Die Rebellengruppe JEM, die zeitweilig von Darfur aus mit Unterstützung Débys die sudanesische Regierung bekämpfte, eilte 2008 zur Verteidigung N’Djamenas. „Die JEM-Leute sind mit Listen herumgegangen“, sagt Garba, „darauf standen die Namen der Oppositionellen, die getötet werden sollten.“ Sein Name sei auch darauf gewesen, aber er sei nicht im Büro gewesen. „Zum Glück wussten die nicht, wo ich wohne.“
Der 62 Jahre alte Garba ist gleichzeitig Abgeordneter; seine CPDC ist im Parlament mit ein paar Sitzen vertreten. Die absolute Mehrheit hält die Regierungspartei, die meisten anderen Parteien stehen treu zu Déby. Als Abgeordneter darf Garba offiziell über den Haushalt mit abstimmen. Es gibt viel zu verteilen. Seit 2003 wird in Tschad Erdöl gefördert, ein Teil von dem amerikanischen Konzern ExxonMobil, ein anderer von China. Zwanzig Jahre lang soll das Öl noch reichen. Unterschiedlichen Angaben zufolge hat Tschad dadurch im vergangenen Jahr zwei bis drei Milliarden Dollar eingenommen.
Was Déby von diesem Geld nicht gleich für sich selbst behalte, gehe ans Militär, sagt Garba. Von Kampfflugzeugen und Hubschraubern aus der Ukraine ist die Rede. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri will aber auch Frankreich im kommenden Jahr 22 gepanzerte Fahrzeuge nach Tschad liefern. Garba zeigt eine Liste, in der das Parlament über die Staatsausgaben informiert wird: Die mit Abstand größten Posten im Wert von umgerechnet mehreren Millionen Dollar sind lediglich mit „Mission d’Etat“ überschrieben. Was das ist? Garba lacht: „Das ist geheim.“ Zuletzt habe Déby ihn 2010 um Unterstützung für die Parlamentswahl gebeten, sagt Garba. Seit er abgesagt habe, kenne ihn Déby nicht mehr.
„Neunzig Prozent der Bevölkerung leben abseits des Staates“
Die Elite Tschads ist klein, die Opposition eingeschlossen. Garba war bis vor zehn Jahren selbst Handelsminister. Die außerparlamentarische Opposition hingegen befindet sich im Ausland. Einer der prominentesten Rebellen, Timane Erdimi, der mit dem Diktator verwandt ist, soll sich nach Qatar abgesetzt haben, nachdem er von Sudan als Geste des Entgegenkommens an Déby des Landes verwiesen worden war.
„Mittlerweile gehen die wesentlichen Posten und Aufträge nicht mal mehr an die Zaghawa, sondern nur noch an den Clan von Déby“, sagt Garba. Die Zaghawa, Débys winzig kleine Ethnie, siedelt im Nordosten Tschads und in Darfur. In Débys Heimatort, dem Weiler Am-Djarass, baut eine chinesische Baufirma derzeit einen internationalen Flughafen und ein Fünf-Sterne-Hotel. Déby begründet den Bau mit der Trans-Sahel-Route, die über Tschad nach Sudan führen soll.
„Neunzig Prozent der Bevölkerung leben hier abseits des Staates“, sagt der französische Diplomat. „Wir wissen eigentlich überhaupt nicht, was die machen.“ Die Analphabetenrate in Tschad liegt bei siebzig Prozent, es gibt so gut wie keine Ärzte, nur ein kleiner Teil der rund zehn Millionen Tschader hat Zugang zu sauberem Wasser. Wenn es Unruhe in der Bevölkerung gibt, dann wird meist der Ministerpräsident entlassen - diesen Posten hat kein Mitglied der Familie Débys inne.
