19.04.2009 · Handschlag mit Chávez, kalte Schulter für Ortega: Der amerikanische Präsident Obama sammelte Punkte beim Treffen der „Organisation Amerikanischer Staaten“ in Trinidad. Ein karibischer Gipfel als politisches Spiel - Satz und Sieg für den dynamischen Jungstar aus Amerika.
Von Matthias Rüb, Port-of-SpainDas erste Spiel auf neutralem Boden haben die Nordamerikaner unter ihrem neuen dynamischen Kapitän Barack Obama gegen die Jungs aus dem Süden unter ihrem schon etwas verbrauchten Antreiber Hugo Chávez mit zwei zu null gewonnen. Deshalb hat Chávez aus Venezuela, der immerhin gute Miene zum verlorenen Spiel machte, noch vor dem Abpfiff in Port-of-Spain in Trinidad zum Rückspiel in Havanna auf Kuba aufgefordert. Das war schon fast ein Befreiungsschlag aus Verzweiflung, ein Eingeständnis der klaren Niederlage seines Teams, dessen Spieler, vor allem der über die Jahre arg behäbig gewordene Daniel Ortega aus Nicaragua, sich viel zu spät vom Ball trennten – eine alte Fußballerkrankheit in Lateinamerika –, während die frische Mannschaft aus den Vereinigten Staaten den Ball betont flach hielt und mit moderner Raumdeckung und kurzen Pässen zum Erfolg kam.
Politik ist in Lateinamerika und auch in der Karibik meist mehr Spektakel, vergleichbar dem dortigen Lieblingssport, als das sachliche Ringen um bessere Problemlösungen. Deshalb muss man die Wahrnehmung des fünften Gipfels der „Organisation Amerikanischer Staaten“ (OAS) vom Wochenende eher mit der Reaktion auf ein Spitzenspiel oder gar ein Turnierfinale vergleichen, statt über die möglichen praktischen Folgen eines Gipfeltreffens von 34 Staats- und Regierungschefs nachzusinnen, das unter dem wohlmeinenden Motto „Förderung des menschlichen Fortschritts, der Energiesicherheit und der Umweltverträglichkeit“ stand.
Symbolische Korrekturen, politische Wirkungen
Die bestimmenden Persönlichkeiten der beiden Teams waren Obama und Chávez, der Erste ein junger Neuling mit riesigem Potential, der Zweite nach eigenem Eingeständnis von Port-of-Spain schon ein „alter Mann“, der den Zenit seiner Leistungsfähigkeit überschritten zu haben scheint. Obama verstand es, das uralte panamerikanische Streitthema Kuba zu entschärfen, indem er kurz vor dem Gipfel eine in der Substanz überschaubare, symbolisch aber weitreichende Korrektur an der Sanktionspolitik Washingtons gegen das kommunistische Regime in Havanna vornahm: Er hob per Dekret die von seinem Amtsvorgänger George W. Bush zwischen 2000 und 2008 schrittweise verschärften Einschränkungen für Heimatreisen und Geldüberweisungen an Verwandte für Exil-Kubaner auf.
Damit nahm er der von fast allen lateinamerikanischen und karibischen Staaten in der OAS vertretenen Forderung nach Aufhebung der Sanktionen gegen Kuba die Spitze. Und zwar mit dem in Port-of-Spain immer wieder vorgebrachten Argument, nach der Geste des guten Willens aus Washington liege der Ball nun im Feld der Kubaner, die ihrerseits zeigen müssten, dass sie zu demokratischen Reformen oder zur Freilassung politischer Gefangener bereit seien. Auch über die Wiederaufnahme Kubas, dessen Mitgliedschaft in der 1948 gegründeten OAS seit 1962 ruht, wurde in Port-of-Spain wenig gesprochen – ein weiterer Erfolg für Obamas Mannschaft.
Die Uhr läuft - gegen den abgestandenen Antiamerikanismus
Obwohl Chávez sich redlich bemühte, das Gipfeltreffen wie bei früherer Gelegenheit mit seinen rhetorisch hoch und weit geschlagenen Bällen zu prägen, stand er klar in Obamas Schatten. Der versprach nicht nur, er wolle zum Beginn einer neuen Ära der gleichberechtigten Partnerschaft mit Lateinamerika und der Karibik beim Gipfeltreffen von Trinidad vor allem zuhören, er hielt sich bei seinen Redebeiträgen strikt an das vom gastgebenden Ministerpräsidenten Patrick Manning festgelegte Zeitlimit von 15 Minuten.
Dagegen disqualifizierte sich der nicaraguanische Präsident Daniel Ortega, der gehorsam die viel zu weit geschlagenen Pässe seines Spielmachers Chávez zu erlaufen suchte, mit einer fast einstündigen Suada, in welcher der Altsandinist den abgestandenen Antiamerikanismus seiner gescheiterten Revolution(en) in Mittelamerika aufwärmte. Obamas Reaktion, mit einem Augenzwinkern zu seinem Verbündeten Manning: „Ich habe mich ans Zeitlimit gehalten!“ Eins zu null.
Kleine Gaben befördern die Freundschaft - meistens
Auch Chavez’ Versuch, das Team Obama mit einem medienwirksamen Überraschungsangriff zu überrumpeln, resultierte in einem Eigentor. Schon am ersten Tag des Gipfels schüttelte Obama ohne jede Scheu und sichtlich selbstsicher jenem Politiker die Hand, der seinen Amtsvorgänger vor versammelter Weltöffentlichkeit bei der UN-Vollversammlung in New York immerhin als „Teufel“ bezeichnet hatte. Am zweiten Gipfeltag überreichte Chávez Obama dann vor den versammelten Fernsehkameras eine spanischsprachige Taschenbuchausgabe des Buches „Die offenen Adern Lateinamerikas“ des uruguayischen Journalisten und Historikers Eduardo Galeano.
Das Buch, erstmals 1971 und mithin vor dem Zeitalter der Globalisierung erschienen, ist von der Forschung und zumal von den Entwicklungen der letzten knapp vier Jahrzehnte überholt, bei Altlinken aber noch immer populär – und erlebt jetzt dank Chávez und Obama eine kurzlebige Renaissance. Reaktion Obamas, der das Buch aus Chavez’ Händen dankend annahm, es aber wegen seiner doch recht begrenzten Spanischkenntnisse nicht lesen wird: „Ich dachte, Chávez wolle mir eines seiner eigenen Bücher geben, dann hätte ich ihm auch eines von meinen geschenkt.“ Zwei zu null.
Mit dem A-Kader angereist
Mit seiner dahingeworfenen Erklärung machte Obama deutlich, wer auf der Weltbühne und auch in der westlichen Hemisphäre von Alaska bis Feuerland derzeit der amtierende politische Superstar ist. In jeder Buchhandlung in Port-of-Spain liegen die Bücher Obamas stapelweise aus, die Andenkenläden verkaufen T-Shirts in den Nationalfarben Trinidads und Tobagos – und mit einem Konterfei Obamas darauf. Und Chávez? Der bot an, bald wieder einen Botschafter nach Washington zu schicken, und streckte so die Hand der Versöhnung zu jenem „Imperium“ aus, das er für die Mehrzahl der Übel in aller Welt verantwortlich zu machen pflegt.
Die Delegation aus Venezuela war mit 200 Mitgliedern nach jener der Vereinigten Staaten mit mehr als 1000 Leuten die zweitgrößte beim Gipfel von Port-of-Spain, der am Sonntag zu Ende ging. Wie wichtig für Washington dieser Gipfel war, zeigt der Umstand, dass neben dem Präsidenten auch Außenministerin Hillary Clinton, Sicherheitsberater James Jones, Wirtschaftsberater Larry Summers und zahlreiche andere wichtige Kabinettsmitglieder nach Trinidad gekommen waren.
Von ihnen war während des dreitägigen Gipfeltreffens in der Öffentlichkeit nicht viel zu sehen und zu hören, doch im Hintergrund führten sie wichtige Gespräche mit den Vertretern Brasiliens, Mexikos und anderen wichtigen Staaten der Hemisphäre. Die Epoche der Vernachlässigung des „Hinterhofs“ durch Washington scheint vorüber. Niemand machte in Port-of-Spain die Vereinigten Staaten wegen der Kreditkrise an der Wall Street zum Sündenbock für die globale Rezession. Der sechste Amerika-Gipfel wird 2013 wohl in den Vereinigten Staaten stattfinden. Und nicht in Havanna.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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