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Traumatisiert in Afghanistan Im Frühling kam der Tod

 ·  Mathias Huhn war in Afghanistan. Er musste ansehen, wie Freunde starben. Seitdem hat er diese Bilder immer wieder vor sich. Er führt nicht nur einen Krieg im Kopf, sondern kämpft auch gegen Ärzte, Gutachter und Sachbearbeiter.

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Es ist eine dieser Nächte, in der Mathias Huhn todmüde ist und das Wachsein ihn quält. Er liegt erschöpft auf seinem Bett. Die Nacht hängt tief und schwer im Zimmer, so schwer, wie ihm der Krieg seit einem Jahr auf der Seele lastet. Er dämmert weg - und sitzt wieder auf dem hinteren rechten Sitz eines Fahrzeugs auf einer Straße in Afghanistan. Es rollt aus einem Dorf namens Haji Amanullah, die Soldaten haben eineinhalb Stunden dort verbracht, viel Zeit für den Feind, einen Hinterhalt zu legen. „Wer steht, der stirbt“, murmelt Hauptgefreiter Huhn vor sich hin, als der „Dingo“ anfährt. Wer steht, der stirbt. Plötzlich ein Schlag. Als habe ein Riese mit seiner Keule hingelangt. Der Wagen wirbelt durch die Luft, Huhn wird vom Sitz geschleudert. Mit Krachen schlägt der Transporter wieder auf die Erde, Staub rieselt durch die Kabine. „Bombe! Bombe!“, brüllt jemand. „Raus!“

Huhn stößt die Tür auf, lässt sich hinausfallen, presst die Waffe an die Schulter. Auf dem Feld vor ihm sieht er eine Gestalt in weißem Gewand. Er visiert sie an. Der rote Punkt seines Zielfernrohrs tanzt auf dem Körper. Der Typ hat die Bombe gezündet, denkt Huhn. Er drückt ab. Ein Feuerstoß katapultiert die Gestalt in die Luft. Dann schlägt sie hin, das Gewand färbt sich auf Brusthöhe rot. Huhn hastet weiter, hinter eine Mauer, sucht Deckung. Um ihn herum zischen Raketen. Er hört die Schreie der Angreifer, „Allah! Allah!“ Sie sind nah. Er feuert ohne Pause, verschießt alle Munition. Doch die Angreifer metzeln einen Kameraden nach dem anderen nieder, sie sind nicht aufzuhalten. Huhn zieht die Pistole, und als auch das letzte Magazin leer ist, will er wegrennen. Die Knie versagen ihm, sie sind weich wie Butter, unendlich langsam zieht er seine Beine vorwärts. Sie scheinen am Boden zu kleben, er zerrt daran, er wirft sich vorwärts. Von hinten schließen sich zwei Hände um seinen Hals, ziehen ihn auf den Boden. Ein Bärtiger springt auf seine Brust, ein Messer in der Hand. Huhn spannt alle Muskeln an, packt den Arm, in dem der Mann das Messer hält. Er stemmt sich mit aller Kraft dagegen, doch das Messer kommt seiner Kehle immer näher. Er presst, schreit - und wacht brüllend neben dem Bett auf.

Nacht für Nacht die Albträume

Der Schweiß perlt von seiner Haut, die Fäuste sind noch geballt. Im Bad wäscht er sich den Schweiß ab. Aus dem Spiegel glotzt ihn ein Gesicht mit Schatten und schwarzen Augenhöhlen an. Seit mehr als 18 Monaten geht dieses Martyrium nun schon, Nacht für Nacht die Albträume. Huhn hat in Afghanistan gekämpft. Ein traumatisierter Mann, einer von Hunderten, deren Seele am Hindukusch zerstört worden ist. Die in Kliniken um ihr altes Leben kämpfen, um den Weg zurück in die Normalität, die es für die meisten von ihnen doch nicht mehr geben wird. Sie haben monatelang in Extremen gelebt, mit höchstem Einsatz gespielt und erwartet, dass die Gesellschaft ihnen dafür dankt. Sie kamen in ein Land zurück, in dem sich kaum jemand für ihre Erlebnisse interessiert.

Mathias Huhn kann sein junges Leben an einigen wenigen Eckdaten festmachen. Geboren 1988 in Karlsruhe, mit fünfzehn das Elternhaus verlassen, mit achtzehn in die Bundeswehr eingetreten, mit einundzwanzig mit der 2. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 391 von Bad Salzungen aus nach Afghanistan geschickt. Ankunft in Kundus im Februar 2009, schon bald kam der Frühling und mit ihm der Tod. Huhn weiß das alles noch ganz genau. Da war der 29. April, an dem sein Freund Sergej Motz starb. Motz war Maschinengewehrschütze in einem Transportpanzer, Version 1A4, ungepanzert. „Ungepanzert, das ist doch unfassbar“, brüllt Huhn. Es regt ihn jedes Mal auf, wenn er darüber spricht. Die Panzerfaust bohrte sich nicht nur durch den Stahl des „Fuchs“, sondern auch durch Schutzweste und Körper von Sergej Motz. Dann war da der 7. Juni, der Bombenanschlag auf den „Dingo“, in dem Huhn hinten rechts gesessen hatte. Der „Triggerman“ löste den Sprengsatz zu früh aus, er detonierte unter dem Motorblock, das war Huhns Glück. Das rechte Vorderrad wurde von der Wucht 30 Meter weit auf ein Feld geschleudert, die Fahrgastzelle jedoch blieb intakt.

Zwischen Übelkeit und Wut

Am 23. Juni geriet Huhns Leben vollständig aus der Bahn. Während eines Angriffs der Taliban stürzte ein Transportpanzer „Fuchs“ bei einem Ausweichmanöver kopfüber in einen Bach. Drei Soldaten konnten heraustauchen, drei weitere waren im Wagen eingeklemmt. Um sie herum schwirrten die Kugeln, die Taliban konzentrierten ihr Feuer auf die Unfallstelle. Huhn und sein Zug wurden dorthin befohlen, sie duckten sich hinter eine Mauer, feuerten, was ihre Waffen hergaben. Sie schossen auf mehr als hundert Taliban, die „Allah, Allah!“ brüllten, als sie angriffen. Als Huhn ein Magazin wechseln wollte, lag plötzlich einen Meter von ihm entfernt der erste Leichnam aus dem versunkenen Panzer. Sie hatten ihn mitten auf den Weg gelegt, das Wasser tropfte noch aus der Uniform und färbte den Staub der Straße dunkelbraun. Huhn blickte in das Gesicht des Toten, die aufgedunsene Haut schimmerte lila. Wie mechanisch ließ er das leere Magazin aus dem Schacht fallen, griff ein gefülltes aus der Munitionsweste, ohne dass er den Blick von dem Gesicht vor ihm abwenden konnte. Dann erkannte er den Toten. „Mein Gott, das ist ja Martin.“ Martin Brunn. Sie hatten gemeinsam Skat gespielt, noch ein Freund, der hier sein Leben lassen musste. Huhn schwankte zwischen Übelkeit und Wut. Eine Ärztin kam, blieb wie erstarrt vor dem Leichnam stehen. „Bringt ihn fort“, schrie Huhn, „bringt ihn doch endlich fort!“

Nachts kehrten sie ins Feldlager zurück. Sie beklagten drei Tote, „ersoffen“, wie Huhn hervorhebt, als ob das was änderte. Sie sind gefallen, wie der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung auf der Trauerfeier erstmals sagen wird. Doch der Tod von Martin Brunn, Oleg Meiling und Alexander Schleiernick hätte nicht sein müssen, schimpften die Soldaten. Sie hatten wie auf dem Präsentierteller gelegen und mehrfach die Offiziere in der Operationszentrale gebeten, rechtzeitig vor dem Talibanangriff abrücken zu können. Aber das Ansinnen wurde immer wieder abgelehnt. „Die haben meine Jungs auf dem Gewissen“, zürnte der Kompaniefeldwebel in jener Nacht, hatte schon seine Pistole geladen und sich auf den Weg gemacht. „Ich bringe sie um!“ Nur mit Mühe konnten sie ihn aufhalten, ihn beruhigen und den Revolver abnehmen. Huhn meldete sich bei seinem Gruppenführer und sagte: „Ich mach' nicht mehr mit. Ich lasse mich nicht von Leuten verheizen, die nicht wissen, was draußen los ist!“ Andere aus seiner Gruppe meldeten sich ebenfalls: „Wir wollen nicht mehr!“

„Wir waren im Recht, aber das ist doch alles egal“

An diesem Punkt steht Mathias Huhn heute noch. „Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr“, sagt er und knetet mit seiner rechten die linke Hand. Mit diesen Händen hat er 23 Menschen erschossen, jeden einzelnen, sagt er, habe er gezählt. „Sie haben uns angegriffen, wir waren im Recht, aber, ach, das ist doch alles egal. Das versteht eh niemand.“ Niemand, außer den Kameraden. Er hatte gespürt, dass mit ihm etwas nicht stimmte, er fühlte sich fremd und allein zu Hause. Alles um ihn herum begann zu schwanken, geriet außer Kontrolle. Bei Pfeiftönen suchte er Deckung aus Angst vor Kugeln. Für die Freundin empfand er nichts mehr, die Kumpels waren ihm egal. Früher ließ er keine Party aus, jetzt hatte ihn der Lebensmut verlassen. Wenn ihm der Geruch von Bratfleisch in die Nase stieg, katapultierte ihn das Gehirn nach Afghanistan, wo es oft nach Gegrilltem roch. Er saß selbstvergessen am Tisch, die Ellenbogen aufgestemmt, und stierte ins Nichts. In solchen Momenten kämpfte er an der Mauer gegen die Taliban, zwei Meter von dem versunkenen Panzer entfernt.

Von den Flashbacks, den plötzlichen Erinnerungsschüben, kann er sich nicht befreien. Es muss ihn jemand ansprechen, berühren, und dann passiert es, dass er aufbraust, um sich schlägt. „Die Freund-Feind-Kennung funktioniert in solchen Augenblicken nicht“, sagt er. Dann wieder spaziert er durch die Heide - und zieht dort Schützengräben. Er überlegt, wo er das Maschinengewehr positionieren würde, wo den Granatwerfer, um einen Angreifer ins Kreuzfeuer nehmen zu können. Im August 2009 schilderte Mathias Huhn einem Arzt seine Probleme. Er wird krankgeschrieben und im November in das Bundeswehrkrankenhaus Koblenz eingewiesen, Abteilung Psychiatrie/Psychotherapie. Seitdem hat er keinen der Kameraden aus seinem Verband mehr gesehen, weder den Bataillonskommandeur noch andere Vorgesetzte. Ein Soldat, zurück aus dem Krieg, vergessen in der „Klapse“, in der Truppe noch immer als Schwächling und Weichei stigmatisiert. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal am eigenen Leib erfahren würde“, sagt er. „Das ist schon bitter.“

Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS), so heißt die Krankheit, die den Hauptgefreiten befallen hat. Im Ersten Weltkrieg sprachen die Mediziner von „Kriegszittern“ oder „Shell Shock“, im Zweiten Weltkrieg von „Battle Fatigue“. Ohne Behandlung bleibt die Erkrankung Jahrzehnte. Angst, Grauen, die schrecklichen Bilder von Tod und Verwundung werden im Gedächtnis immer wieder leidvoll inszeniert. Verbunden mit einer ständig erhöhten Erregbarkeit, Schreckhaftigkeit, Schlaflosigkeit und Albträumen ziehen sich die Betroffenen aus Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis zurück. Sie werden zu freudlosen, ängstlichen, depressiven und aggressiven Menschen, zu einer Gefahr für sich und ihr Umfeld. Mathias Huhn berichtet, er könne sich und seine Wut manchmal kaum beherrschen, wenn er Bärtige mit Turban auf dem Kopf sehe. Sie erinnern ihn an die Taliban.

Dunkelziffer liegt doppelt so hoch

Seitdem Deutschland in Auslandseinsätzen engagiert ist, steigt die Zahl der an PTBS erkrankten Soldaten kontinuierlich. Mit Beginn der Kampfhandlungen in Afghanistan im Jahr 2008 schnellte sie förmlich nach oben. Nach Bundeswehrangaben wurden seit 1996 mehr als 2200 Soldaten mit PTBS behandelt. Die Dunkelziffer liegt laut einer Studie der TU Dresden doppelt so hoch. Im Verteidigungsministerium in Berlin gibt es mit dem Brigadegeneral Christof Munzlinger seit Jahresbeginn einen „Beauftragten PTBS“. Munzlinger sagt, er wolle „die vorhandenen Kräfte bündeln, unnötige Bürokratie vermeiden, Prozesse beschleunigen und dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird“. Truppe, Wehrmedizin, Verwaltung, Seelsorge und Sozialarbeiter sollten gemeinsam erkrankten Soldaten den Weg zurück ins Leben ebnen.

Mathias Huhn spürt davon nichts. Er befindet sich zwar in medizinischer Behandlung, doch wirtschaftlich droht ihm der Kollaps. Ende März endete seine reguläre Dienstzeit, aufgrund der Erkrankung wäre er unfähig, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Schon im April 2010 stellte er einen Antrag auf Wehrdienstbeschädigung (WDB). Die Bundeswehr prüft seitdem, ob er im Militär eine Verletzung erlitten hat, die ihn zu staatlicher Fürsorge berechtigt. Doch die Armeebürokraten fürchten bei WDB-Anträgen von an PTBS erkrankten Soldaten, sie könnten Simulanten aufsitzen, die nur Geld wollten. Von 868 WDB-Verfahren, die zwischen Januar 1995 und September 2010 eingeleitet wurden, haben Bundeswehr und Versorgungsämter 241 anerkannt und 249 abgelehnt. Wenn ein Soldat bei einer Bombenexplosion ein Bein verloren hat, dann ist die Verwundung offensichtlich. Bei einem durch das Ereignis traumatisierten Soldaten sind keine äußerlichen Wunden zu erkennen. Es dauert mitunter Jahre, bis Anträge bearbeitet sind, wobei sich überforderte Sozialarbeiter und medizinische Gutachter gegenseitig dafür die Schuld geben. Der WDB-Antrag von Mathias Huhn ist bis heute nicht abschließend bearbeitet - einer von 256. Mathias Huhn irrt umher zwischen Ärzten, Gutachtern und Sachbearbeitern, so wie es Dutzenden Soldaten vor ihm ging. Und, das steht zu befürchten, so wie es Dutzenden nach ihm gehen wird.

Die Mühlen der Bundeswehrbürokratie mahlen langsam, Vorschriften und Regelungen entsprechen noch immer nicht den Erfordernissen einer Einsatzarmee. In einem Schreiben des Verteidigungsministeriums an die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Susanne Kastner (SPD), heißt es, das „BMVg ist bestrebt, sowohl die Prävention wie auch die medizinische Behandlung und die soziale Betreuung der betroffenen Personen so optimal wie möglich zu gestalten“.

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Von Philip Eppelsheim

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