16.11.2004 · Der französische Präsident, der bald seinen 72. Geburtstag feiert, läßt sich mit zunehmenden Alter immer weniger durch diplomatische Vorbehalte von seinen unverblümten Äußerungen abhalten. Immer offener kritisiert Chirac die britische Irak-Politik.
Von Michaela Wiegel, ParisSeinem Staatsbesuch in Großbritannien zur Hundertjahrfeier der „Entente cordiale“ hat der französische Präsident Chirac kritische Äußerungen zum britisch-amerikanischen Verhältnis vorangeschickt. Chirac wird am Donnerstag in London erwartet, nachdem der 1904 geschlossene Vertrag zwischen den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien im Frühjahr schon gebührlich in Frankreich zelebriert worden war. Im Gespräch mit britischen Journalisten im Elysee-Palast bezweifelte Chirac, daß London aus der Unterstützung der amerikanischen Irak-Politik Vorteile gezogen habe.
Blairs Einsatz an der Seite von Präsident Bush habe dem britischen Premierminister „nichts gebracht“, lautete Chiracs Urteil. Nach den Aufzeichnungen des Korrespondenten der Zeitung „The Times“ sagte Chirac, es liege „im Moment nicht in der Natur unserer amerikanischen Freunde, Gefälligkeiten systematisch zu erwidern“. Chirac bestritt, daß die britische Regierung eine „Brückenfunktion“ nach Washington wahrnehmen könne, wie Premierminister Blair das in Anspruch genommen hatte. „Es gibt keinen ehrlichen Makler“, sagte Chirac.
„Franc parler“
Der französische Präsident, der am Monatsende seinen 72. Geburtstag feiert, läßt sich mit zunehmenden Alter immer weniger durch diplomatische Vorbehalte von seinem „franc parler“, also von unverblümten Äußerungen, abhalten. Chirac rief den britischen Journalisten das britisch-französische Gipfeltreffen in Le Touquet kurz vor dem Beginn der militärischen Operationen im Irak in Erinnerung. Er habe damals zu Blair gesagt, daß er, Chirac, in der Irak-Politik andere Überzeugungen habe. Doch die britische Position solle zumindest einen Nutzen für Europa haben.
Chirac will mit Blair darüber übereingekommen sein, daß die britische Regierung im Gegenzug für ihren Irak-Einsatz der amerikanischen Regierung das Versprechen über eine Nahost-Initiative geben lassen sollte. „Nun, Britannien hat seine Unterstützung geleistet, aber ich habe nicht viele Gegenleistungen gesehen“, sagte Chirac.
Die Einschätzung des Staatspräsidenten entspricht einer im rechtsbürgerlichen Lager in Frankreich weitverbreiteten Meinung, wonach die französische Truppenentsendung schon im ersten Golfkrieg dem Land keine Vorteile in der Golfregion gesichert hat. Amerika wurde schon damals in Paris vorgehalten, die militärische Unterstützung seiner Verbündeten gern angenommen, den kuweitischen Markt aber für amerikanische Unternehmen reserviert zu haben.
„Wir sagten uns unangenehme Dinge, ohne sie zu meinen“
In seinem Gespräch mit der britischen Presse legte Chirac abermals seine Überzeugung dar, daß die Zukunft unweigerlich einer „multipolaren Welt“ gehöre, in der es einen amerikanischen Pol, einen europäischen Pol, einen chinesischen, einen indischen und einen südamerikanischen Pol geben werde. „Diese Pole werden zusammenleben müssen“, sagte Chirac. Der Präsident betonte, daß die transatlantische Wertebindung sowie die Vereinten Nationen für die Verhinderung von Krieg entscheidend seien.
Der Präsident bezeichnete seine Verhältnis zu Premierminister Blair, den er einst im Streit über die Agrarsubventionen einen „schlecht erzogenen Flegel“ genannt hatte, als gut. „Ich war wohl müde nach einem langen Gipfel, und wir sagten uns unangenehme Dinge, ohne sie zu meinen“, sagte Chirac. „Wir haben keinen Grund zu streiten.“