01.12.2008 · 240.000 Urlauber und Geschäftsleute sitzen in Thailand fest. Fast alle klagen über unerreichbare Hotlines und ein schlechtes Krisenmanagement der Fluglinien. Trotzdem solidarisieren sich viele mit den Demonstranten. Denn deren Aktionen seien „immer noch besser als Bomben hochgehen zu lassen“.
Von Stefan Tomik, BangkokIn den Internetcafés im Bangkoker Stadtteil Banglamphu spielen sich in diesen Tagen überall die gleichen Szenen ab: Touristen, die seit Tagen in Thailand festsitzen, versuchen verzweifelt, trotz anhaltender Besetzung der beiden Bangkoker Flughäfen durch Regierungsgegner ihre Rückreise in die Heimat zu organisieren. Über den Internetsprachdienst Skype werden die Angehörigen daheim beruhigt, aber mache zart besaitete Seele bricht dabei auch selbst in Tränen aus. So drückend ist die Ungewissheit darüber, wie und wann es wieder in die Heimat geht.
Die Informationen der Fluglinien sind spärlich, teils widersprüchlich, und stimmen nicht gerade hoffnungsvoll. Trotz aller Bemühungen um Alternativflüge ist die Zahl der in Thailand festsitzenden Urlauber und Geschäftsleute nach Angaben des Tourismusministeriums auf 240.000 gestiegen. Viele von ihnen haben sich auf eigene Kosten in den billigen Backpacker-Gästehäusern in Banglamphu rings um die Ausgehstraße Khao San einquartiert. Zwar hat die thailändische Regierung jedem gestrandeten Touristen eine kostenlose medizinische Versorgung und umgerechnet 45 Euro pro Tag angeboten, doch das Geld haben die meisten noch nicht gesehen.
Unerreichbare Hotlines und ein schlechtes Krisenmanagement
So auch Guido Kruse und Claudia Hauschild aus Luxemburg. Zunächst habe die Lufthansa ihnen noch Hoffnung gemacht, sie könnten in den nächsten Tagen abfliegen, erzählt das Juristenpaar. Später habe man sie dann auf einen LTU-Flug umgebucht. „Aber die LTU konnte die Buchung angeblich nicht einsehen und hatte wohl auch selbst genug damit zu tun, die eigenen Passagiere nach Hause zu bringen.“ Von der Lufthansa-Hotline ist Guido Kruse enttäuscht, denn die sei von Thailand aus kaum zu erreichen gewesen, und wenn, dann nur über das Mobiltelefon. „Auf die Handy-Rechnung bin ich gespannt.“ Für Dienstagmorgen um halb fünf hat die Lufthansa den beiden einen Heimflug von Phuket in Thailands Südwesten in Aussicht gestellt. Das bedeutet eine zusätzliche Busfahrt von etwa 12 Stunden. „Mit dieser klaren Aussage kann man wieder etwas durchatmen“, sagt Claudia Hauschild. „Aber vorher dachten wir ständig: Verpassen wir was?“
Auch Ben Berwig und Anika Esser aus Aachen haben den ersten Advent unfreiwillig in Bangkok verbracht. Ihr Flug mit Gulf Air sollte Thailand schon vor fünf Tagen verlassen. „Wir hatten nach der Reise noch einen Puffer von vier Tagen eingeplant, heute hätten wir eigentlich wieder arbeiten müssen“, sagt der Unternehmensberater Berwig. „Jetzt hocken wir von morgens bis abends im Internetcafé. Das ist kein Spaß mehr.“ Immerhin hat die Fluggesellschaft seit Sonntag ein Hotel und drei Mahlzeiten am Tag organisiert. Jetzt wartet das Paar auf weitere Informationen der Gulf-Air-Zentrale aus Bahrein. Angeblich soll es am 3. Dezember weitergehen, „aber darauf geben wir nicht viel“.
Fast alle gestrandeten Touristen klagen über unerreichbare Hotlines und ein schlechtes Krisenmanagement der Fluglinien. „Ich habe das Gefühl, dass niemand irgend eine Ahnung hat“, sagt Jennifer Wachter aus Schruns in Vorarlberg, die mit Quantas nach München fliegen will. „Ich habe vier verschiedene Telefonnummern bekommen, aber keine hat funktioniert.“ Szilvia Mesaros aus Hamburg hat die Fluggesellschaft Emirates angeboten, sie aus Kuala Lumpur oder Singapur auszufliegen. „Aber da müsste ich erstmal auf eigene Kosten anreisen, und das sind immerhin zwei- bis dreitausend Kilometer.“
Zelte und mobile Toiletten
Immerhin haben die Anhänger der Volksallianz für die Demokratie (Pad), die den neuen internationalen Flughafen Suvarnabhumi besetzt halten, am Montag dort gestrandete Maschinen freigegeben. Wie die Zeitung „The Nation“ berichtet, handelt es sich um 88 Flugzeuge, die nun auf anderen Routen eingesetzt werden können. Und obwohl die Pad zuvor besetzte Regierungsgebäude geräumt hat, nachdem dort am Sonntagmorgen eine Granate explodiert war, will sie die beiden Flughäfen „bis zum Tod verteidigen“. (Siehe auch: Opposition räumt Regierungsgebäude)
Neben Suvarnabhumi haben die Regierungsgegner mit dem Flughafen Don Muang auch das zentrale Drehkreuz für einen großen Teil der Inlands- und Zubringerflüge lahmgelegt. Die Nachtzüge von und nach Bangkok sind daher für Tage im voraus ausgebucht. Zehntausende Fluggäste drängen sich derzeit in das einzige Terminal am Flughafen U-Taphao bei Pattaya, rund 160 Kilometer südlich von Bangkok, dessen Kapazität aber auf etwa 50 Flüge am Tag begrenzt ist. Dort sind Zelte und mobile Toiletten aufgestellt worden.
„Immer noch besser als Bomben hochgehen zu lassen“
Trotz all der Strapazen solidarisieren sich viele Touristen mit den Regierungsgegnern der Pad. „Die meisten, mit denen wir gesprochen haben, sind dann doch für die Demonstranten“, sagt Guido Kruse. „Aber wenn die das Wahlrecht ändern wollen, weil ihnen die Ergebnisse nicht passen, dann kann ich das nicht unterstützen.“ Judith Roell aus Regensburg sagt: „Ich verstehe ja, dass sie die Flughäfen besetzen, denn so können sie Druck ausüben. Aber es erwischt dann die, die damit nichts zu tun haben. Die politischen Fragen sollten die Thais schon selbst klären.“ Dagegen findet Szilvia Mesaros, es sei „immer noch besser, Flughäfen zu besetzen, als Bomben hochgehen zu lassen.“
Vielen Thais ist die Situation unendlich peinlich, sie entschuldigen sich bei den Touristen unentwegt für die Unannehmlichkeiten. Die wirtschaftlichen Folgen spüren Hoteliers und Restaurantbesitzer im ganzen Land. Schon drohen die Unternehmer der Regierung damit, Steuern einzubehalten, sollte sie die Situation nicht endlich in den Griff bekommen. Die Regierung reagierte darauf, indem sie ein Finanzpaket im Wert von zehn Millionen Baht (etwa 220.000 Euro) für Firmen in Aussicht stellte, die von der Krise betroffen sind. Doch das wird kaum reichen, um die Verluste auszugleichen, denn der Tourismusindustrie droht bis zum Jahresende ein Schaden von geschätzten 150 Millionen Baht (3,3 Millionen Euro). Selbst wenn sich die Situation noch vor dem Geburtstag des Königs am 5. Dezember entschärfen ließe, wird der wirtschaftliche und politische Schaden sich noch lange danach auswirken.
Mag ja sein...
Hans Glück (hansglueck)
- 01.12.2008, 17:53 Uhr
Lost in Bangkok
Elli World (elliworld)
- 01.12.2008, 21:20 Uhr
Endlich Zuhause! - und Hilfe für Zurückgebliebene!
Markus Myrt (Markus1979)
- 02.12.2008, 08:33 Uhr
Stefan Tomik Jahrgang 1974, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge