Fassungslos sei sie, sagt Madame R. Sie steht im weinroten Morgenmantel und in Filzpantoffeln vor der Pforte ihres Vorgartens und schaut ungläubig auf die vielen Polizisten in Kampfanzug und Schutzhelm, die wenige Meter weiter die Straße abriegeln. Seit über 60 Jahren - erzählt sie, mühsam auf eine Krücke gestützt - wohne sie hier an der Côte Pavée. „Gepflasterter Hang“ heißt das kleinbürgerliche Viertel mit Einfamilienhäuschen und einigen drei- bis vierstöckigen Mietshäusern auf einer Anhöhe, zehn Busminuten vom Stadtzentrum von Toulouse entfernt. Aber nie, sagt Madame R., und es klingt ein okzitanischer singender Akzent in ihrem „jamais“ mit, habe sie sich träumen lassen, dass sich in ihrer Nachbarschaft ein Serienkiller verschanzt haben könne. Sie sei froh, dass der Spuk jetzt ein Ende habe, und dann murmelt sie etwas über die Jugend und wie das alles möglich sei. Dass später die Limousine des Staatspräsidenten durch ihre Straße rollen soll, kann sie da noch nicht ahnen.
Mit einer Mischung aus Erleichterung und Fassungslosigkeit hat Toulouse am Mittwoch die Nachricht aufgenommen, dass die Fahnder dem Todesschützen auf die Spur gekommen sind, der seit zehn Tagen Angst und Schrecken in der viertgrößten Stadt Frankreichs und im 50 Kilometer entfernten Montauban gesät hatte. Etwa zehn Minuten von der Rue du Sergent Vigne entfernt liegt die jüdische Schule Ozar Hatorah, vor deren Eingang der 23 Jahre alte, nach Aufenthalten im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet fanatisierte Franzose algerischer Abstammung Mohammed Merah am Montag drei Kinder im Alter von vier, fünf und sieben Jahren und einen 30 Jahre alten Rabbiner ermordet haben soll. „Was soll ich dazu sagen? Ich bin wie wohl alle hier erleichtert, dass er niemanden mehr töten kann“, sagt der weißhaarige Mann, der seine Mülltonne von der Straße holt.
„Das ist hier ein ruhiges Viertel, wir kennen uns seit vielen Jahren, die meisten Bewohner sind Rentner, unbescholtene Bürger“, sagt er. Als Versteck für Islamisten eigne sich die Nachbarschaft nicht. „Lange kann er noch nicht hier gewesen sein“, meint der Mann unwirsch. Ein Vater und sein Sohn radeln vorbei. Die katholische Privatschule des Neunjährigen liegt ein paar Straßen weiter, aber die Polizei hat das Viertel weiträumig abgeriegelt. „Ich bin froh, dass wir uns jetzt nicht mehr vor dem verrückten Killer fürchten müssen. Die Polizei hat hervorragende Arbeit geleistet“, sagt der Vater. „In unserer Klasse haben wir nach der Schweigeminute darüber gesprochen, alle fanden es schrecklich, was an der jüdischen Schule passiert ist“, sagt der Sohn.
Immer wieder schlängeln sich Kolonnen von dunklen Polizeilimousinen mit Motorradeskorte durch die Absperrungen. Mehrere Krankenwagen parken vor dem Gebäude, in dem die Eliteeingreiftruppe der Polizei, Raid, den mutmaßlichen Mörder ausgemacht hat.
Der Überraschungscoup in der regnerischen Nacht misslang, der Gesuchte empfing die Raid-Polizisten mit Schusssalven. Für die anderen Mieter des „Belle Paule“ genannten Mietshauses mit der Hausnummer 17 begann eine Zeit des bangen Wartens. Erst um 11.30 Uhr wurden sie von Polizisten aus dem belagerten Gebäude gebracht. „Eine Evakuierung aller Bewohner vor dem Einsatz war einfach nicht möglich. Das hätte sofort den Verdacht des Täters geweckt“, berichtet ein Polizeisprecher den Horden von Journalisten, die hinter den Sperren warten. Dann fahren wieder Wagen vorbei, unter denen die Limousine von Innenministers Claude Guéant sein soll, der sich in regelmäßigen Abständen vor Ort über den Verlauf der Operation unterrichten lässt. Später gibt der oberste Dienstherr von Polizei und Gendarmerie in der Präfektur gleich an der Kathedrale Saint-Etienne Fernsehinterviews. Er sei sich „ganz sicher“, dass es sich bei dem Mann um den Todesschützen von Toulouse und Montauban handele, sagt Guéant.
Seit Montag hat der Minister in der Präfektur sein Hauptquartier aufgeschlagen. Einst war hier die Bischofsresidenz, der imposante Bau zeugt von der früheren Religionsmacht. Die Polizisten, die den Eingang überwachen, kennen am Mittwoch nur Erleichterung und einen gewissen Stolz auf ihre „Kollegen“ vom Raid. „Der Innenminister hat uns allen persönlich gedankt. Das kommt nicht alle Tage vor“, sagt einer der Polizisten. „So viel Aufregung hat Toulouse schon lange nicht mehr erlebt“, sagt ein anderer Polizist. „Es wäre besser, wenn der Präsident aus einem anderen Anlass gekommen wäre.“ Nicolas Sarkozy hat die durch den Schusswechsel mit dem mutmaßlichen Täter verletzten Polizisten im Krankenhaus besucht, bevor er in der Kaserne Perignon gleich an der Rue du Sergent Vigny Polizisten, Kripobeamte und Feuerwehrleute begrüßte.
Auch auf dem schmucken Hauptplatz der Stadt am „Capitole“ kennt das halbe Dutzend Kleinhändler, die Taschen und Koffer, Nähzeug oder Fahnen aus aller Herren Länder feilbieten, nur ein Thema. „Am schlimmsten ist, dass er ein Franzose ist, dessen Familie aus Algerien stammt. Das wird die Vorurteile wieder befördern“, sagt Rachid, der hinter einem Stand mit Lederwaren steht. Eigentlich hätten am Mittwoch auf dem Platz vor dem „Capitole“ genannten Rathaus die Narren tollen sollen. Doch der Bürgermeister hat die Karnevalsfeier nach dem Blutbad vom Montag abgesagt, aus Respekt vor den Opfern. So wirkt der Platz mit den Granitplatten und dem bronzenen „Kreuz des Languedoc“, dem Wahrzeichen der einst mächtigen Grafen von Toulouse, am Mittwoch unter dem weiß-grauen Himmel ziemlich verlassen.
Die Passanten, die vorbeihasten, zeigen sich beruhigt. „Die eigentliche Debatte beginnt aber jetzt: „Wie können wir verhindern, dass junge Leute so wenig in die französische Gesellschaft integriert sind, dass sie ein leichtes Opfer für Fanatiker sind?“, sagt ein Mann im Anzug. Eine ältere Dame mit Hut meint, für den Präsidentenwahlkampf sei die Integrationsdebatte kein gutes Thema: „Das Klima ist viel zu aufgeheizt, selbst hier in Toulouse, wo wir viel toleranter sind als anderswo.“
Die Terrassentische der Arkadencafés gegenüber dem Rathaus sind leer, die Leute haben sich ins wärmere Innere geflüchtet. Kein Sonnenstrahl erleuchtet die Backsteinfassaden, denen die Stadt ihr Prädikat der „ville rose“, der „rosafarbenen Stadt“ verdankt. Im Café „Le Florida“ erzählt eine Grundschullehrerin, die mittwochs unterrichtsfrei hat, dass sie jetzt wieder oft an die AZF-Katastrophe vom 21. September 2001 denken müsse, als eine Stickstoff- und Düngerfabrik der Gruppe TotalFinaElf explodierte. Es blieb das Gerücht, dass es sich um ein Attentat im Soge des 11. Septembers gehandelt haben könnte, wenn die Justiz auch auf einen Unfall schloss.
„Damals war das Sozialbauviertel Le Mirail am schlimmsten betroffen. In diesem Viertel soll der Todesschütze aufgewachsen sein“, sagt die Lehrerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Zwölf Personen waren damals getötet, mehr als 200 verletzt worden. In den Sozialbautürmen von Le Mirail entstand der größte Sachschaden. Es habe lange gedauert, bis die Schäden behoben worden seien, und bei den Bewohnern habe sich der Eindruck verfestigt, dass sie wieder einmal zu kurz gekommen seien, so die Lehrerin.
Merah soll aus gescheiterter Einwandererfamilie stammen
Innenminister Guéant hingegen ließ erkennen, dass der mutmaßliche Täter Merah aus einer gescheiterten Einwandererfamilie stamme. Die Mutter lehnte es ab, sich in die Verhandlungen zwischen ihrem verschanzten Sohn und der Polizei einbinden zu lassen, „weil sie ohnehin seit langem keinen Einfluss mehr auf ihren Sohn hat“, so Guéant. Auch die Mutter und der Bruder des mutmaßlichen Schützen wurden in Polizeigewahrsam genommen. Die Polizei war dem Täter über die Internetadresse eines Bruders auf die Spur gekommen, den dieser benutzt hatte, um unter dem Vorwand eines Motorradkaufs Kontakt zu einem Soldaten des 7. Fallschirmjägerregiments in Montauban aufzunehmen. Seine Taten habe Mohammed Merah mit dem Wunsch begründet, „die Kinder Palästinas zu rächen“, so Guéant. Zwei Mal, 2010 und 2011, wurde der französische Geheimdienst auf Merah aufmerksam, als dieser nach Pakistan reiste. Als Kleinkrimineller hatte er schon ein längeres Strafregister. Sein ganzer Hass richtete sich nach den Worten Guéants auf die aus Nordafrika stammenden französischen Soldaten, deren Einsatz in Afghanistan ihm als besonderer Verrat erschien. Drei von ihnen, davon sind die Ermittler überzeugt, ermordete er in Montauban und in Toulouse.
Also doch
Wolfgang Richter (langweiler2)
- 21.03.2012, 22:03 Uhr
Also, Bilder sind ja einprägend
Monika Lorenz (Diaulina)
- 21.03.2012, 20:57 Uhr
Warum werden Teilnehmer islamistischer Terrorcamps nicht
ausgebürgert und abgeschoben?
Peter Hoch (luxor)
- 21.03.2012, 20:18 Uhr
zu "Nur die Namen der Opfer", f.a.z. von heute/ frankreich+deutschland/
nikolaus hesse (firenzass)
- 21.03.2012, 20:12 Uhr
Paroxysmus
Hayri Ergun (DrErgun)
- 21.03.2012, 19:29 Uhr
