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Tote nach Schüssen vor jüdischer Schule : Sarkozy ruft höchste Terrorwarnstufe aus

Trauer vor der jüdischen Privatschule „Ozar Hatora“ in Toulouse Bild: dpa

Nach den tödlichen Schüssen auf drei Kinder und einen Lehrer in Toulouse hat Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy für die südfranzösische Region verschärfte Sicherheitsmaßnahmen angekündigt. Die höchste Stufe des Anti-Terrorplans Vigipirate werde in Kraft gesetzt.

          Frankreich trauert um die Opfer der tödlichen Schüsse vor einer jüdischen Schule in Toulouse. Staatspräsident Nicolas Sarkozy sprach am Montag von einer „nationalen Tragödie“ und ordnete für diesen Dienstag um elf Uhr eine Schweigeminute zum Gedenken an die getöteten Kinder an allen Schulen an. „Die gesamte Republik ist berührt von dieser entsetzlichen Tragödie“, sagte der Präsident, der in Begleitung des Vorsitzenden des jüdischen Dachverbands Crif, Richard Prasquier, nach Toulouse geflogen war. Innenminister Claude Guéant verlegte seinen Amtssitz bis auf weiteres in die Großstadt im Südwesten, um die Ermittlungen an Ort und Stelle zu leiten.

          Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich um denselben Schützen, der schon am 11. sowie am 15. März insgesamt drei Soldaten in Toulouse und Montauban ermordet hat. Dieses Ermittlungsergebnis gab Sarkozy am Montagabend in einer Ansprache an die Nation bekannt. Es werde alles getan, um den Täter aufzuspüren. „Jedes Mal, wenn dieser Mann in Aktion tritt, handelt er um zu töten. Er lässt seinen Opfern keine Chance“, sagte Sarkozy. Ein antisemitisches Motiv sei „offensichtlich“. Der Präsident entschied, eine höhere Stufe des Antiterrorplans „Vigipirate“ für die Region zu verhängen. Religiöse Einrichtungen stehen unter besonderem Schutz. Laut der Zeitschrift „Le Point“ könnten frühere Soldaten des 17. Fallschirmjägerregiments von Montauban hinter den Schüssen stehen. Sie waren vor vier Jahren wegen fremdenfeindlicher und antisemitischer Umtriebe in einer Neonazi-Vereinigung aus dem Militärdienst entlassen worden. Nach ihnen werde gefahndet.

          Frankreich : Sarkozy ruft höchste Terrorwarnung aus

          Ein Unbekannter hatte kurz nach acht Uhr am Montagmorgen vor der jüdischen Privatschule Ozar Hatora in einem Wohnviertel von Toulouse mit zwei Schusswaffen auf Kinder und Erwachsene gefeuert. Vier Menschen starben im Kugelhagel: ein 30 Jahre alter französisch-israelischer Religionslehrer, dessen zwei Kinder im Alter von drei und sechs Jahren sowie ein zehn Jahre alter Schüler. Ein Siebzehnjähriger wurde schwer verletzt. Der Täter entkam auf einem Motorroller.

          Schon der Staatsanwalt von Toulouse, Michel Valet, hatte vor der Ansprache Sarkozys einen Zusammenhang zwischen den Schüssen vor der Schule und der Ermordung der drei Soldaten in Toulouse und im 50 Kilometer entfernten Montauban hergestellt. In allen Fällen war der Schütze mit einem gestohlenen Motorroller der Marke Yamaha unterwegs. Auch die Tatwaffe war nach Ermittlungserkenntnissen, die Sarkozy bekannt gab, identisch; es handelt sich um eine Waffe des Kalibers 11,43 Millimeter. Die zweite vor der Schule benutzte Waffe soll das Kaliber neun Millimeter gehabt haben.

          Wie erst jetzt bekannt wurde, sollen alle drei ermordeten Soldaten einen Migrationshintergrund haben, zwei von ihnen waren Muslime. Ein vierter, am Donnerstag voriger Woche in Montauban schwerverletzter Soldat ist schwarzer Hautfarbe. Die Einheiten, denen die Soldaten angehörten, sind regelmäßig in Afghanistan im Einsatz. Verteidigungsminister Gérard Longuet hatte nach den Soldatenmorden von der Tat eines „Geistesgestörten“ gesprochen, wollte aber nicht ausschließen, dass es sich um terroristische Verbrechen handeln könne. Alle französischen Kasernen sind seit vergangener Woche in Alarmbereitschaft. Soldaten im Südwesten wurden gebeten, nur noch in Zivil in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Sarkozy versprach, dass nichts unversucht gelassen werde, um den Verantwortlichen für die Bluttat zur Rechenschaft zu ziehen: „Die Republik wird siegen.“

          Die Ermittler überprüften den weiteren Werdegang von drei früheren Soldaten des 17. Fallschirmjägerregiments von Montauban, die 2008 wegen rechtsextremistischer Vorfälle aus dem Militärdienst ausgeschlossen worden waren, schrieb „Le Point“. Die drei Soldaten hatten sich unter anderem vor einer Hakenkreuz-Fahne sowie beim Entbieten des sogenannten Hitler-Grußes fotografieren lassen. Ihr äußeres Erscheinungsbild – muskulös, tätowiert, schwarze Kleidung – entspreche den Angaben, die Augenzeugen der Soldatenerschießungen gemacht hätten.

          Der Präsidentschaftswahlkampf wurde am Montag unterbrochen, eine Fernsehdebatte mit drei Präsidentschaftskandidaten abgesagt. Sarkozy kündigte an, er werde seinen Wahlkampf mindestens bis Mittwoch einstellen. In Paris und in Toulouse versammelten sich Franzosen zu Schweigemärschen, um den Opfern eine letzte Ehre zu erweisen. Der sozialistische Kandidat François Hollande annullierte alle Parteitreffen und sprach an der Seite des sozialistischen Bürgermeisters von Toulouse, Pierre Cohen, den Familien sein Beileid aus. In Toulouse sagte Hollande, es handele sich „offensichtlich um ein niederträchtiges antisemitisches Verbrechen“. Cohen äußerte die Befürchtung, es könne weitere Anschläge in seiner Stadt geben. „Wir sind extrem beunruhigt“, sagte der Sozialist. Der Verband der Rabbiner in Europa verlangte einen besseren Schutz für jüdische Einrichtungen.

          Quelle: F.A.Z.

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