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Tötung Usama Bin Ladins Die Jagd auf „Geronimo“

03.05.2011 ·  Unter dem Decknamen „der Kuweiter“ war der Pakistaner Scheich Abu Ahmed den Ermittlern der CIA seit Jahren bekannt. Doch es dauerte lange, ehe er sie auf die Spur des Al-Qaida-Führers Usama Bin Ladin brachte.

Von Matthias Rüb, Washington
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Abu Ahmed al Kuwaiti war den amerikanischen Geheimdiensten seit Jahr und Tag bekannt. Von dem mysteriösen Mann hatten in Verhören schon einige der allerersten Gefangenen berichtet, die im Dezember 2001 in das Gefangenenlager Guantánamo Bay im Südosten Kubas gebracht worden waren. Manches spricht dafür, dass der Name auch bei Verhören gefallen ist, die von Mitarbeitern des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA in Geheimgefängnissen in verschiedenen Ländern geführt wurden, wohl auch unter Anwendung „harscher“ Verhörmethoden.

Klar ist, dass die CIA seit gut neun Jahren auf der Spur des Mannes war, der die Amerikaner schließlich zu Usama Bin Ladin führte. In der Nacht zum Montag waren „der Kuweiter“ und sein Bruder die ersten, die beim Zugriff amerikanischer Spezialeinheiten in Abbottabad im Kugelhagel von „Team 6“ der Seal-Elitetruppen der amerikanischen Kriegsmarine starben.

Wenige Minuten später wurden im zweiten Obergeschoss des Gebäudes auch Usama Bin Ladin, sein jüngster Sohn und eine seiner vier Frauen erschossen. Nach nur 40 Minuten flogen die 79 Navy Seals in ihren drei Hubschraubern wieder in Richtung Westen über die Grenze nach Afghanistan. Nur der Leichnam Bin Ladins war an Bord eines der Hubschrauber, die vier anderen Toten wurden in Abbottabad zurückgelassen.

Eine Schlüsselfigur

Etwa Anfang 2002 begannen die Terroristenjäger der CIA, der Bundespolizei FBI und der Streitkräfte, die bei den Verhören in Guantánamo und in CIA-Geheimgefängnissen von den Gefangenen erhaltenen Informationen systematisch zusammenzustellen. Eine Schlüsselfigur unter den Fußsoldaten, Kurieren und Geldboten des Terrornetzes Al Qaida beim Einsatz in Afghanistan und Pakistan war offenbar der Mann aus dem Golfemirat, Abu Ahmed „al Kuwaiti“.

Er wurde von mehreren Gefangenen als derjenige genannt, der die Kommunikation zwischen den Führungsfiguren um Usama Bin Ladin, Ayman al Zawahiri, Khalid Scheich Mohammed und Abu Faradsch al Libi aufrechterhielt.

Wichtige Kurierdienste für Al Qaida

Als Scheich Mohammed im März 2003 in der pakistanischen Stadt Rawalpindi festgenommen wurde, befragten ihn seine amerikanischen Vernehmer auch nach „al Kuwaiti“. Mohammed bestritt nicht, einen Mann dieses Namens zu kennen, dieser habe aber nichts mit Al Qaida zu tun. Im Jahr 2004 wurde im Irak das Al-Qaida-Führungsmitglied Hassan Ghul gefasst. Er bestätigte bei Verhören, dass „al Kuwaiti“ wichtige Kurierdienste für Al Qaida erledige.

Vor allem sei er ein enger Vertrauter von Faradsch al Libi, der nach Mohammeds Festnahme in Pakistan dessen Aufgabe als Chefplaner für Terrorangriffe übernommen habe. Die Aussagen Ghuls brachten offenbar den Durchbruch auf der Suche nach Bin Ladins wichtigstem Boten. „Hassan Ghul war der Dreh- und Angelpunkt“, wird ein CIA-Ermittler in amerikanischen Medien zitiert.

Im Mai 2005 konnte al Libi in einer gemeinsamen Aktion der CIA und des pakistanischen Geheimdienstes in Mardan in Pakistan gefangengenommen werden. Im CIA-Verhör sagte al Libi, dass er von seiner Ernennung zum Nachfolger Mohammeds durch einen Kurier erfahren habe. Al Libi nannte jedoch den erfundenen Namen eines Kuriers und bestritt, „al Kuwaiti“ zu kennen. Das bestärkte die Ermittler der CIA in der Annahme, „al Kuwaiti“ müsse eine zentrale Rolle als Kurier für Al Qaida spielen. Weil die entscheidenden Hinweise auf Scheich Abu Ahmed und damit auf das Versteck Bin Ladins von mutmaßlichen Terroristen stammten, dürfte das auf Bin Ladin ausgesetzte Kopfgeld in Höhe von 25 Millionen Dollar nicht ausbezahlt werden.

Ein Spur zu Bin Ladins Versteck

Bald nach der Festnahme al Libis ermittelte die CIA in Zusammenarbeit mit anderen Geheim- und Aufklärungsdiensten die Identität des Kuriers „al Kuwaiti“: Es handelte sich um einen in Kuweit geborenen Pakistaner mit dem Namen Scheich Abu Ahmed. Wo er sich aufhielt, war zunächst unklar. Doch Mitte vergangenen Jahres führte er ein Telefongespräch über eine Leitung, die abgehört wurde.

Kurz darauf wurde er von pakistanischen Mitarbeitern der CIA nahe Peschawar ausgemacht, das Kennzeichen seines Autos wurde ermittelt. Damit legte er die Spur zu Bin Ladins Versteck. Nach wochenlanger Beobachtung wurde Scheich Abu Ahmed im Juli 2010 bei der Fahrt zu einem großen Anwesen in Abbottabad verfolgt: Es war das Versteck Bin Ladins, in dem sich der Gründer und Führer des Terrornetzes Al Qaida nach jüngsten Erkenntnissen der CIA sechs Jahre lang verborgen hielt, ehe er von den Navy Seals gestellt wurde.

In Washington unterrichtete CIA-Chef Leon Panetta erstmals im August 2010 den Präsidenten und sein Sicherheitskabinett von der neuen heißen Spur. Weitere Wochen genauer Beobachtung des Anwesens in Abbottabad folgten, in Washington gab es im März und April wöchentliche Unterrichtungen des Sicherheitskabinetts über die jüngsten Erkenntnisse. Bin Ladin wurde trotz Beobachtung des Hauses durch Satelliten und Agenten am Boden selbst nie gesehen, sodass bis zuletzt Zweifel bestanden, ob er sich tatsächlich in dem Gebäude aufhielt.

Nach der Sitzung vom vergangenen Donnerstag entschloss sich Obama, den Angriffsbefehl zu geben. Ein allerletztes Treffen mit weiteren Nachrichten aus Pakistan dauerte nur wenige Minuten, weil Obama gleich zu Beginn wissen ließ: „Wir machen es!“ Weil es am Samstag bewölkt war, wurde die mondlose Nacht von Sonntag auf Montag pakistanischer Ortszeit gewählt. Zunächst drei Hubschrauber – ein Chinook-Transporthubschrauber und zwei Blackhawk-Hubschrauber mit zusammen 79 Soldaten – drangen von Dschlalalabad im Osten Afghanistans in den pakistanischen Luftraum ein und erreichten Abbottabad etwa 100 Kilometer nördlich gegen 0.30 Uhr.

Die beiden Blackhawks landeten auf dem Gelände des von hohen Mauern umgebenen Anwesens, der Chinook etwas entfernt auf freiem Feld. Offenbar wegen eines mechanischen Schadens musste ein Blackhawk in dem Anwesen notlanden und wurde beschädigt. Der Kommandoeinsatz begann dennoch ohne Verzögerung, aus Dschalalabad wurde ein zusätzlicher Chinook nach Abbottabad in Marsch gesetzt. Aufgeschreckt vom Rotorenlärm eröffneten Scheich Abu Ahmed und sein Bruder im Erdgeschoss das Feuer, beide wurden erschossen. Bin Ladin, die jüngste seiner vier Frauen und sein Bruder wurde im zweiten Geschoss gestellt, nach einem weiteren Schusswechsel waren die drei tot. Bin Ladin wurde von jeweils einer Kugel in die Brust und über dem linken Auge in den Kopf getroffen. Ein Teil der Schädeldecke wurde von dem Projektil weggerissen. Der Leichnam wurde dreifach identifiziert: durch eine der überlebenden Ehefrauen Bin Ladins, durch den Abgleich von Fotos und körperlichen Merkmalen sowie schließlich durch einen DNA-Test.

Um 1.10 Uhr Ortszeit am frühen Montagmorgen flogen die Elitesoldaten zurück nach Dschlalabad. Der beschädigte Blackhawk-Hubschrauber im Hof des Anwesens wurde zur Explosion gebracht. Neben dem Leichnam Bin Ladins wurden Computer, Computer-Disketten und USB-Speichersticks mit nach Afghanistan ausgeflogen. Die Auswertung der Daten, bei denen es sich um eine „Schatztruhe von wichtigen Informationen“ über Al Qaida handeln soll, dauert noch an. Der Leichnam Bin Ladins wurde auf dem amerikanischen Stützpunkt in Dschlalabad gewaschen und nach (angeblich) islamischem Ritual auf die Bestattung vorbereitet. Anschließend wurde er zu dem Flugzeugträger „USS Vinson“ vor der Südküste von Pakistan in der Arabische See ausgeflogen, in einen mit Gewichten gefüllten Sack gelegt und mit einer für Seebestattungen vorgesehenen Vorrichtung ins Wasser gelassen.

Im Weißen Haus hatten Obama und seine engsten Kabinetts-Mitarbeiter den Einsatz in Abbottabad auf Bildschirmen im „Situation Room“ verfolgt. Bald nach dem Angriff auf die Schlafräume im zweiten Stock des Gebäudes kam die Nachricht vom Befehlshaber der Spezialeinheit: „Geronimo ist identifiziert“. Unter diesem Codenamen – offenbar in Anlehnung an den berühmten Appachen-Häuptling – war Bin Ladin seit Jahren von den Ermittlern verfolgt worden.

Von Amerika getötete Al-Qaida-Führer

4.November 2002: Mit einer Hellfire-Rakete wird der Drahtzieher des Anschlags auf den Zerstörer „USS Cole“, Ali Qaid Sinan Al Harthi, im Jemen getötet.

1.Dezember 2005: Hamza Rabia wird durch einen Raketenangriff im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan getötet. Er soll die terroristischen Aktivitäten von Al Qaida koordiniert haben.

7.Juni 2006: Der aus Jordanien stammende Terroristenführer der irakischen Al-Qaida-Organisation, Abu Musab al Zarqawi, wird durch Luftangriff nördlich von Baquba getötet.

29. Januar 2008: Der dritthöchste Führer von Al Qaida, Abu Laith al Libi, wird durch einen Raketenangriff nahe der Stadt Mir Ali in den pakistanischen Stammesgebieten getötet.

28.Juli 2008: Der Chemie- und Biowaffenexperte von Al Qaida, Abu Khabab al Masri, wird durch einen Luftangriff in Südwasiristan getötet. 31.Oktober2008: Bei einem Raketenangriff auf einen Kleintransporter und ein Haus in der pakistanischen Stadt Mir Ali wird der ägyptische Propagandachef von Al Qaida, Abu Dschihad al Masri, getötet.

22.November 2008: Der Brite pakistanischer Abstammung Rashid Rauf wird bei einem Drohnenangriff in Nordwasiristan getötet. Er soll 2006 Flugzeuganschläge geplant haben.
1.Januar 2009: Die CIA tötet durch einen Raketenangriff in Südwasiristan den Operationschef von Al Qaida in Pakistan, Usama al Qini, und seinen Komplizen Scheich Ahmed Salim Swedan.

21.Mai 2010: Der Finanzchef von Al Qaida und enge Vertraute von Ayman al Zawahiri, Said al Masri alias Mustafa Abu al Yazid, wird durch einen Drohnenangriff der CIA in Nordwasiristan getötet. (F.A.Z.)

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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