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Tödliche Schüsse in Toulouse Furcht vor weiteren Bluttaten

 ·  Millionen Franzosen haben mit einer Schweigeminute der Opfer der tödlichen Schüsse vor einer jüdischen Schule in Toulouse gedacht. Dort herrscht höchste Terroralarmstufe. Die Fahnder gehen von einem Einzeltäter aus, im Fokus bleibt ein früherer Soldat.

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© AFP Nach der Trauerzeremonie in der „Ozar-Hatorah“-Schule: Angst, Schrecken und Verzweiflung herrscht in Toulouse; als Motive des weiter unbekannten Täters gelten Rassismus und Antisemitismus

Millionen junge Franzosen haben am Dienstag mit einer Schweigeminute der Opfer der tödlichen Schüsse vor einer jüdischen Schule in Toulouse gedacht. „Alle Schüler, wir alle, sind betroffen über das, was passiert ist“, sagte Staatspräsident Nicolas Sarkozy in einer Mittelschule im IV. Arrondissement in Paris. „Diese Kinder sind wie ihr“, sagte der Präsident in der Aula der staatlichen Schule, die unweit der Holocaust-Gedenkstätte „Memorial de la Shoah“ liegt. „Es hätte auch hier passieren können“, sagte Sarkozy. Frankreich tue alles, um den Täter zu fassen.

Frankreich: Trauer um die Opfer von Toulouse

Die Fahndungsanstrengungen wurden am Dienstag verstärkt. Innenminister Claude Guéant, der die Ermittlungen in Toulouse überwacht, warnte vor weiteren Bluttaten des flüchtigen Täters: „Sein Gefühl der Straffreiheit beunruhigt uns.“ Es sei zu befürchten, dass der Täter neue Anschläge plane. „Wir wissen bisher nicht, wer er ist, so weit sind wir noch nicht“, sagte Guéant.

Anschlag womöglich vom Täter gefilmt

Möglicherweise habe der Schütze seine Taten gefilmt. Zeugen hätten ausgesagt, er habe „eine kleine Kamera“ um den Hals getragen, sagte der Innenminister. Nach Informationen der Zeitung „Le Figaro“ handelt es sich um eine Kamera, wie sie häufig von Fallschirmjägern im Einsatz benutzt wird. Guéant äußerte die Befürchtung, die Erschießungen könnten als Mitschnitt im Internet auftauchen.

Empörung im Präsidentenlager löste der zentristische Präsidentschaftskandidat François Bayrou aus, nachdem er die rassistischen und antisemitischen Morde mit „dem Zustand unserer Gesellschaft“ und der „wachsenden Intoleranz“ in Zusammenhang gebracht hatte.

Bayrou: „Wachsende Intoleranz und Gewaltbereitschaft“

Bayrou deutete unter Anspielung auf die Präsidentschaftskandidatin des Front National, Marine Le Pen, an, dass er eine Verbindung zwischen der „Lepenisierung“ des Denkens und den Gewalttaten sehe. Er sagte, es reiche nicht, den Wahlkampf drei Tage auszusetzen, um dem Phänomen der wachsenden Intoleranz und Gewaltbereitschaft beizukommen. Zuvor hatte der Kandidat der Linksfront, Jean-Luc Mélenchon, zu einem vorsichtigeren Sprachgebrauch im Wahlkampf aufgerufen. Mélenchon setzte seine Kampagne ebenfalls fort und bezeichnete das als Akt des „moralischen und intellektuellen Widerstands“.

Über die Fahndungsfortschritte lagen am Dienstag widersprüchliche Meldungen vor. Als sicher gilt, dass derselbe Täter am 11. März in Toulouse, am 15. März in Montauban und am 19. März wieder in Toulouse mit einer Schusswaffe des Kalibers 11,43 insgesamt sieben Menschen kaltblütig umbrachte.

Opfer mit französisch-israelischer Staatsangehörigkeit

Auf der ganz in Schwarz getauchten Titelseite der Zeitung „Libération“ standen am Dienstag in weißen Lettern die Namen der Opfer: Gabriel Sandler, vier Jahre, Arieh Sandler, fünf Jahre, Jonathan Sandler, 30 Jahre, Myriam Monsonego, sieben Jahre, Abel Chennouf, 25 Jahre, Mohamed Legouad, 24 Jahre und Imad Ibn Ziaten, 30 Jahre.

Toulouse: Folgen weitere Anschläge?

Die jüdischen Opfer, die alle die doppelte französisch-israelische Staatsangehörigkeit besitzen, sollten auf Wunsch der Familien noch am Dienstagabend mit dem Flugzeug nach Israel überführt und dort beigesetzt werden. Außenminister Alain Juppé wollte die Familien begleiten und der Trauerfeier beiwohnen.

Die drei ermordeten Soldaten, deren Familien aus Nordafrika stammen, sollen an diesem Mittwoch nach einer Trauerzeremonie in ihrer Kaserne in Montauban beerdigt werden. Präsident Sarkozy und der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande haben ihre Teilnahme an der Trauerfeier angekündigt.

„Klima der Einschüchterung und des Terrors“

Die Ermittlungen in den drei Fällen wurden wegen des „Klimas der Einschüchterung und des Terrors“, das der Täter zu verbreiten suche, der Anti-Terror-Einheit der Staatsanwaltschaft in Paris übertragen. Mehr als 500 Ermittlungsbeamte sind im Einsatz. Fachleute der Internet-Fahndung werten Spuren aus, die der Täter vor seiner ersten Bluttat hinterlassen haben könnte.

Sein erstes Opfer, einen Soldaten des 17. Fallschirmjägerregiments von Montauban, hatte der Täter über eine Kleinanzeigeninternetseite gefunden. Der Soldat hatte sein Motorrad zum Verkauf angeboten, und sowohl seinen nordafrikanisch klingenden Vornamen, Imad, als auch seinen Beruf angegeben.

Nach Angaben aus Polizeikreisen handelt es sich vermutlich um einen Einzeltäter. Die Vorgehensweise spreche dafür, dass er seine Bluttaten gründlich vorbereite. So hatte der Mörder in Montauban eine in der Schusslinie stehende Passantin zur Seite gerissen, um nur auf die Soldaten zu zielen.

„Ruhig und kaltblütig“

Augenzeugen der Schießerei vor der jüdischen Schule beschrieben einen ruhig und kaltblütig zur Tat schreitenden Schützen, der ohne Hast den Tatort verlassen habe. Als Motive haben die Fahnder Rassismus und Antisemitismus ausgemacht. Aber auch ein Racheakt sei nicht ausgeschlossen. Der Täter greife zwei Pfeiler der Republik, die Armee und die Schule an. Innenminister Guéant deutete an, dass es sich auch aufgrund der guten Waffenkenntnis des Schützen um einen ehemaligen Soldaten handeln könnte.

Die Nachrichtenagentur Reuters meldete am Dienstag, dass die drei zunächst in Verdacht geratenen, wegen rechtsextremistischer Vorfälle 2008 aus der Armee entlassenen Fallschirmjäger aus Montauban inzwischen verhört und wieder auf freien Fuß gelassen wurden.

In der Zeitung „Le Monde“ hieß es jedoch, nach einem der früheren Soldaten werde weiterhin gefahndet, das sei der Zeitung von einem zuständigen Kripobeamten bestätigt worden. Geprüft werde auch die Terrorismusspur, wenn die Ermittler auch ausschließen, dass das Al-Qaida-Netz hinter den Erschießungen stehen könnte.

In Toulouse und Umgebung herrschte am Dienstag höchste Terroralarmstufe. Soldaten und Polizisten überwachen öffentliche Plätze und Verkehrsmittel. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen wurden besonders gesichert. Aus Paris rückte Verstärkung für die Polizei- und Armeekräfte an.

Kritik in Israel an Ashton

Die israelische Regierung hat unterdessen die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton wegen einer Rede scharf kritisiert, in der sie den Anschlag auf die jüdische Schule in Toulouse gemeinsam mit israelischen Militäraktionen im Gazastreifen erwähnt hatte. Ein Massaker an Kindern lasse sich nicht mit einer Militäraktion vergleichen, mit der sich Israel gegen Terroristen verteidige, die sich hinter Kindern versteckten, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Verteidigungsminister Ehud Barak nannte den Vergleich „empörend“. Die israelische Armee handele in Gaza mit „großer Vorsicht und Präzision“, um das Leben von Zivilisten zu schonen. Zuvor hatte Außenminister Avigdor Lieberman Ashton aufgefordert, ihre „unangemessene“ Äußerung zu korrigieren. Sie solle lieber an die Kinder im Süden Israels denken, die unter der Gefahr von Raketenangriffen aus Gaza leben müssten.

Laut ihrem Sprecher hatte die EU-Außenbeauftragte vor jungen Palästinensern nur darüber gesprochen, wie tragisch es sei, wenn auf der ganzen Welt Kinder ums Leben kommen. Sie habe „keinerlei Parallele“ zwischen Toulouse und Gaza gezogen.

Laut Agenturberichten sagte sie wörtlich: „Wenn wir uns an junge Menschen erinnern, die unter allen möglichen furchtbaren Umständen getötet wurden – die belgischen Kinder, die ihr Leben in einer schrecklichen Tragödie verloren haben und wenn wir daran denken, was heute in Toulouse geschehen ist, wenn wir uns daran erinnern, was vor einem Jahr in Norwegen passiert ist, wenn wir wissen, was in Syrien passiert, wenn wir sehen, was in Gaza und in anderen Teilen der Welt geschieht – dann erinnern wir uns an junge Menschen und Kinder, die ihr Leben verloren haben.“

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Von Günther Nonnenmacher

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